Pentagram ist ein 1972 in London gegründetes Designstudio mit Büros in London, New York, Austin und Berlin, das durch sein einzigartiges Partnerschaftsmodell – alle Partner sind gleichberechtigt und halten Anteile am Studio – und seine Arbeit für globale Marken und Kulturinstitutionen als bekanntestes und einflussreichstes Designstudio der Welt gilt.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Designer & Studios · Niveau: Einsteiger
Biografie / Geschichte
Pentagram entstand 1972 aus dem 1962 gegründeten Londoner Studio Crosby/Fletcher/Forbes, als die Gründungspartner Alan Fletcher, Colin Forbes, Theo Crosby, Mervyn Kurlansky und Kenneth Grange beschlossen, ihr Studio unter einem neuen Namen und einem radikalen Partnerschaftsmodell neu zu organisieren. Das Modell war revolutionär: Keine Hierarchie, keine angestellten Kreativen in leitenden Positionen – alle Partner sind Eigentümer, alle verdienen gleich, alle bringen ihre eigenen Projekte ein und behalten ihre gestalterische Autonomie.
In den 1970er und 1980er Jahren wurde Pentagram durch herausragende Arbeit für Unternehmen, Verlage und kulturelle Institutionen international bekannt. 1978 eröffnete das erste amerikanische Büro in New York; Partner wie Paula Scher (ab 1991), Michael Bierut und Woody Pirtle etablierten Pentagram als führendes amerikanisches Designstudio. Heute umfasst Pentagram rund 24 Partner aus den Bereichen Grafik, Produkt, Architektur und Interiordesign – keine zwei Partner teilen dieselbe Designsprache. Das Studio hat keine CEO oder kreative Gesamtleitung; jeder Partner führt sein Team selbstständig und entscheidet selbst über Aufträge.
Stil & Designphilosophie
Pentagram hat als Studio keinen einheitlichen Stil – das ist systemimmanent und programmatisch. Die Partner werden nach ihrer individuellen kreativen Stärke und ihrem Ruf ausgewählt, nicht nach Konformität mit einem Studiostandard. Dieser Ansatz ist einer der Gründe für Pentagrams Langlebigkeit: Kein Stil altert, weil kein einheitlicher Stil existiert.
Was alle Partner teilen, ist eine Haltung zum Design als Problemlösung, die über ästhetische Vorlieben hinausgeht: Design dient einer kommunikativen Funktion, und diese Funktion muss verstanden werden, bevor gestaltet wird. Das Partnerschaftsmodell ermöglicht Partnern, Projekte abzulehnen, die ihrer Überzeugung nach falsch sind – eine Freiheit, die in kommerziellen Agenturen nicht üblich ist.
Wichtige Werke
- Public Theater Identität, Paula Scher (ab 1994) – Das visuelle System für das New Yorker Public Theater ist eines der bekanntesten Kulturdesign-Projekte Amerikas und gilt als Paula Schers Meisterwerk.
- HSBC-Logo, Pentagram London (1983) – Das Hexagon-Symbol für die Hongkong and Shanghai Banking Corporation wurde zu einem der bekanntesten Bankenlogos der Welt.
- Harley-Davidson-Kommunikation, Woody Pirtle – Pirtle entwickelte für Harley-Davidson ein Kommunikationsdesign, das die Markenkultur der Motorradlegende visuell kodierte.
- New York City Identity, Michael Bierut – Bierut war an der Entwicklung verschiedener New Yorker Kommunikationssysteme beteiligt, darunter die Hillary-Clinton-Kampagne 2016 und zahlreiche institutionelle Identitäten.
- Penguin Books Reformierung, Alan Fletcher – Fletchers Arbeit an der visuellen Identität von Penguin Books in den frühen Jahren prägte das Bild eines der wichtigsten Verlage der Welt.
Einfluss & Bedeutung
Pentagram hat durch seine Langlebigkeit (über 50 Jahre), sein strukturelles Modell und die Qualität seiner Arbeit eine einzigartige Position in der globalen Designwirtschaft eingenommen. Das Partnerschaftsmodell wurde weltweit kopiert und diskutiert und hat die Diskussion über alternative Unternehmensmodelle in der Kreativwirtschaft nachhaltig beeinflusst.
Die Qualität, die Pentagram über Jahrzehnte aufrechterhalten hat, ist auch ein Resultat des Auswahlprozesses: Neue Partner werden von bestehenden Partnern gewählt und müssen bereits international anerkannte Designerinnen und Designer sein. Dieser Qualitätsfilter macht Pentagram exklusiver als andere Studios und erklärt den anhaltenden Ruf. Kritisch wird angemerkt, dass das Modell bei Konflikten zwischen Partnern schwerfällig werden kann und dass die Freiheit jedes Partners manchmal auf Kosten eines gemeinsamen Studiostandards geht.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu Wolff Olins, das stärker auf strategisches Branding ausgerichtet ist und als konventionellere Beratungsagentur funktioniert, bietet Pentagram mehr gestalterische Autonomie und weniger strategische Beratungsleistung. Pentagram-Partner sind primär Gestalter, nicht Unternehmensberater.
Gegenüber MetaDesign, das auf systemisches Informationsdesign spezialisiert ist, ist Pentagram breiter aufgestellt und weniger auf ein spezifisches Designfeld fokussiert. Die Stärke von Pentagram liegt in der Bündelung verschiedener Designkompetenzen unter einem Dach.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie wird man Partner bei Pentagram? Neue Partner werden von bestehenden Partnern nominiert und gewählt. Voraussetzung ist eine bereits anerkannte Karriere als eigenständige Designerin oder eigenständiger Designer mit einem erkennbaren eigenen Ansatz. Der Prozess ist intransparent und basiert auf persönlichen Netzwerken und Reputation.
Hat Pentagram eine kreative Gesamtleitung oder einen Stil? Nein. Pentagram hat weder eine CEO noch eine übergeordnete Kreativleitung. Jeder Partner führt sein Team selbst, entscheidet selbst über Aufträge und definiert seinen eigenen Designansatz. Die Gemeinsamkeit liegt im Modell, nicht im Stil.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Myerson, Jeremy / Vickers, Graham: Rewind: Forty Years of Design & Advertising. Phaidon Press, London 2002.
- Eye Magazine, Nr. 60 (2006): Pentagram – das Partnerschaftsmodell.
- Pentagram: Pentagram: The Compendium. Phaidon Press, London 1993.
- pentagram.com: Studio-Archiv und aktuelle Partner-Portfolios.
- Design Observer: Beiträge zu Pentagram-Partnern, designobserver.com.
