Infografiken im Editorial Design sind gestalterisch aufbereitete Visualisierungen von Daten, Prozessen oder Sachverhalten, die komplexe Information für Magazin- und Zeitungsleser verständlich und ansprechend machen.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Editorial Design · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Editorial Infographics, Datenjournalismus-Grafiken, Information Design
Was ist Infografiken im Editorial Design?
Infografiken sind visuelle Übersetzungsleistungen: Sie machen aus abstrakten Zahlen, komplizierten Prozessen oder räumlichen Zusammenhängen intuitiv erfassbare Bilder. Im Magazin- und Zeitungsjournalismus haben sie sich von optionalen Illustrationen zu unverzichtbaren journalistischen Mitteln entwickelt – besonders im Bereich Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Sport, wo Daten und Zusammenhänge ohne Visualisierung schwer vermittelbar sind.
Erklärung
Typen von Editorial-Infografiken:
Statistische Grafiken: Balken-, Linien-, Torten- und Flächendiagramme, die numerische Daten vergleichbar machen. Im redaktionellen Kontext müssen sie schnell lesbar und selbsterklärend sein – komplexe statistische Details gehören nicht ins Magazin.
Karten und Kartogramme: Geografische Datenvisualisierungen, die räumliche Zusammenhänge zeigen. Klassiker in Nachrichtenmagazinen für Konfliktgebiete, Wahlergebnisse, Klimadaten.
Prozessdiagramme: Ablaufdarstellungen, die erklären, wie etwas funktioniert – von der Waffenproduktion bis zum menschlichen Verdauungstrakt. Besonders effektiv für komplexe technische Sachverhalte.
Zeitlinien: Chronologische Abfolgen von Ereignissen, die historische oder aktuelle Entwicklungen strukturieren.
Illustration-Hybride: Kombination aus Infografik und Editorial Illustration – ästhetisch ansprechend, aber mit gestalterischen Risiken (Ästhetik darf Lesbarkeit nicht übertönen).
Gestaltungsprinzipien für Redaktions-Infografiken:
Auf den Informationsdesigner Edward Tufte zurückgehend gilt das Prinzip der Data-Ink-Ratio: Maximale Information mit minimaler Tinte. Jedes grafische Element muss einen Informationswert haben; dekorative Elemente, die keine Daten kommunizieren, schwächen die Grafik.
Gleichzeitig gilt im Editorial-Kontext eine pragmatischere Haltung: Infografiken müssen im Layout einer Zeitschrift funktionieren, müssen zur Bildsprache passen und müssen auf das Zielpublikum zugeschnitten sein. Eine Infografik für den Spiegel sieht anders aus als eine für GEO.
Farbgebung: Einheitliche Verwendung von Markenfarben und Infografik-spezifischen Paletten, die sich von der redaktionellen Farbgebung abheben, aber konsistent bleiben. Farbblindheit (Rot-Grün-Sehschwäche betrifft ca. 8 % der Männer) muss berücksichtigt werden.
Quellenangaben: Jede redaktionelle Infografik benötigt eine klare Quellenangabe (Schriftgröße ca. 6–7 pt), die die Seriosität der Daten belegt.
Beispiele
- National Geographic: Weltberühmte Prozessdiagramme und Karten – aufwendig illustriert, wissenschaftlich präzise, ästhetisch außerordentlich.
- Der Spiegel: Starke Datenjournalismus-Tradition, oft mehrseitige Infografik-Spreads zu politischen und wirtschaftlichen Themen.
- New York Times Graphics Desk: Maßstabsetzend für digitale und gedruckte Datenjournalismus-Visualisierungen weltweit.
- Frankfurter Allgemeine Zeitung: Klare, konservative Infografiken in konsistentem Design-System, stark im Wirtschaftsteil.
- Bloomberg Businessweek: Experimentelle und mutige Infografiken, die Design und journalistische Präzision gleichermaßen betonen.
In der Praxis
Infografiken im Print werden hauptsächlich in Adobe Illustrator erstellt (Vektorgrafiken für verlustfreie Skalierung) und dann in InDesign platziert. Für datengesteuerte Grafiken bieten sich auch Datawrapper, Flourish oder R (ggplot2) an, die SVG-Exporte für die weitere Bearbeitung in Illustrator ermöglichen.
Workflow: Datenjournalist/Redakteur liefert Rohdaten und Kernaussage → Infografiker/Art Director entwickelt das visuelle Konzept → Abstimmung mit Redakteur → technische Umsetzung in Illustrator → Qualitätsprüfung (Datenkorrektheit!) → Platzierung in InDesign.
Wichtig: Infografiken müssen vor Veröffentlichung auf Datenkorrektheit von einem Fachlektorat geprüft werden. Visualisierungsfehler können Daten verzerren und falsche Eindrücke erzeugen (z. B. nicht-nullbasierte Y-Achsen bei Balkendiagrammen).
Vergleich & Abgrenzung
Die Editorial-Infografik unterscheidet sich von der wissenschaftlichen Visualisierung durch ihren stärkeren gestalterischen Anspruch und die Notwendigkeit, ohne Fachvorwissen verstanden zu werden. Von der Werbegrafik unterscheidet sie sich durch den journalistischen Objektivitätsanspruch.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie setzt man Infografiken in InDesign um? Infografiken werden in Illustrator als Vektordateien erstellt und als verknüpfte EPS- oder PDF-Dateien in InDesign platziert. Bei der Platzierung auf Rastergenauigkeit achten. Für Aktualisierungen die Quelldatei in Illustrator ändern – die verknüpfte Grafik in InDesign aktualisiert sich automatisch (bei aktiviertem automatischem Aktualisieren).
Was sind häufige Fehler bei Infografiken? Falsche oder verzerrende Datendarstellung (z. B. Balkendiagramme ohne Nulllinie) ist der schwerwiegendste Fehler. Weitere Probleme: zu viele Datenpunkte auf zu wenig Fläche; fehlende Quellenangaben; Schriftgrößen unter 6 pt, die im Druck nicht lesbar sind; Verwendung von Rot und Grün als gleichwertige Kategoriefarben (Barrierefreiheit).
Weiterführend
- Tufte, Edward R. (1983): The Visual Display of Quantitative Information. Graphics Press, Cheshire.
- Cairo, Alberto (2012): The Functional Art: An Introduction to Information Graphics and Visualization. New Riders, Berkeley.
- Rendgen, Sandra / Wiedemann, Julius (Hrsg., 2012): Information Graphics. Taschen, Köln.
