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Zeitungsgestaltung strukturiert tagesaktuelle Inhalte durch strenge Rastertypografie, klare Hierarchien und flexible Layouts, die unter Zeitdruck zwischen ruhigen Tageslagen und Breaking-News-Situationen wechseln müssen.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Editorial Design · Niveau: Einsteiger


Was ist Zeitungsgestaltung?

Zeitungen sind das anspruchsvollste Editorial-Design-Format in Bezug auf Produktionsgeschwindigkeit: Eine Tageszeitung muss täglich neu gestaltet werden, wobei sich die Inhalte bis kurz vor Drucklegung ändern können. Das Design muss deshalb einerseits klare Strukturen und Standards bereitstellen, die die schnelle Produktion ermöglichen, andererseits so flexibel sein, dass es auf unvorhersehbare Ereignisse — Breaking News, plötzliche Bilder — reagieren kann.

Die Zeitungsgestaltung ist stark regelbasiert: Ein starkes Rastersystem, konsequente Typografiehierarchien und standardisierte Gestaltungsmodule sorgen dafür, dass auch unter Druck professionelle Ergebnisse entstehen. Gleichzeitig muss die erste Seite — das Tableau — jeden Tag ein neues Bild der Welt zeichnen.


Erklärung

Broadsheet vs. Tabloid

Zeitungen erscheinen in verschiedenen Formaten, die historisch gewachsen sind:

Broadsheet (ca. 56–60 cm × 38–43 cm): Das klassische, große Zeitungsformat. In Deutschland sind Qualitätszeitungen wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Süddeutsche Zeitung und Die Zeit im Broadsheet-Format erschienen (wobei Die Zeit inzwischen ein verkleinertes Nordisches Broadsheet nutzt). Broadsheet suggeriert Seriosität; das große Format erlaubt dramatische Bildführung und viele Spalten nebeneinander.

Tabloid (ca. 27–30 cm × 38–43 cm, also ungefähr die Hälfte eines Broadsheets): Kompaktes Format, leichter zu lesen in der U-Bahn oder beim Pendeln. Bild und viele Stadtmagazine erscheinen im Tabloid-Format. Tabloid wird oft mit Boulevardjournalismus assoziiert, aber auch seriöse Zeitungen wie The Independent (London) wechselten zum Tabloid-Format.

Berliner Format (ca. 31,5 cm × 47 cm): Zwischen Broadsheet und Tabloid; historisch von deutschen Qualitätszeitungen und internationalen Titeln wie Le Monde (Frankreich) genutzt.

In InDesign wird das Zeitungsformat bei Dokumentenerstellung eingestellt. Für Zeitungen ohne Anschnitt (Bilder an den Rand, aber nicht über den Rand hinaus) wird kein Anschnitt benötigt; für randabfallende Fotos werden 3–5 mm Anschnitt definiert.

Rastertypografie

Zeitungen arbeiten mit einem sehr strengen Grid aus vielen Spalten (typisch: 8–12 Spalten), die sich vielfältig kombinieren lassen. Inhalte werden in Modulen gesetzt, die bestimmten Spaltenbreiten entsprechen:

  • 1 Spalte: Sehr schmale Meldungen, Kalender, Kurzmeldungen
  • 2 Spalten: Standardbreite für kürzere Artikel
  • 3 Spalten: Mittlere Artikel mit Bild
  • 4–6 Spalten: Hauptartikel, Aufmacher
  • Volle Seite: Breaking-News-Aufmacher

Dieser modulare Ansatz ermöglicht es, eine Seite in wenigen Minuten zu füllen: Die Redaktion weiß, welche Inhalte in welche Module passen, und der Layouter zieht die Module zusammen.

Zeitungstypografie

Zeitungstypografie unterliegt besonderen Anforderungen:

Papier: Zeitungspapier (Newsprint) ist ungestrichenes, poröses Papier mit niedriger Weißheit. Druckfarbe verläuft leicht — deshalb werden für Zeitungsdruck robuste Schriften mit kräftigen Serifen gewählt. Sehr feine Linien und sehr kleine Schriften werden auf Newsprint unleserlich.

Schriftgröße: Fließtext in Zeitungen: 8–9 pt (kleiner als in Büchern, da Spalten eng sind und Platz begrenzt ist). Überschriften je nach Wichtigkeit von 14 pt bis zu 80 pt oder mehr für Breaking-News-Schlagzeilen.

Durchschuss (Zeilenabstand): Enger als in Büchern, um mehr Text auf die Seite zu bringen. Typisch: 110–120 % der Schriftgröße (z. B. 8/9 pt).

Blocksatz: Zeitungstext wird fast immer im Blocksatz gesetzt, mit Silbentrennung. Da die Spalten eng sind, entstehen im Blocksatz leicht große Wortlücken — InDesign hilft mit Absatzformate → Silbentrennung und dem Absatz-Kompositor (InDesign prüft mehrere Zeilen gleichzeitig und findet bessere Lösungen als der Einzeilen-Kompositor).

Breaking-News-Layout

Eine Breaking-News-Situation erfordert schnelle Reaktion und dramatische visuelle Wirkung. Die typischen Gestaltungsmerkmale:

  • Sehr große Überschrift: 60–100 pt, fett, über mehrere Spalten
  • Großes Bild: Dominiert die Seite, oft im Anschnitt
  • Wenig Text: Die Geschichte ist noch im Entstehen; kurze Meldung mit Fakten
  • Sonderfarbe oder Gestaltungsrahmen: Einige Zeitungen nutzen roten Kasten oder Unterstreichungen für Breaking-News-Signale
  • Extra-Ausgabe (Extrablatt): In extremen Fällen wurde früher ein Extrablatt produziert — heute übernimmt die Website diese Funktion

In InDesign sind für Breaking-News-Situationen vorbereitete Alternativ-Templates hilfreich: Musterseiten für Aufmacher-Layouts in verschiedenen Dramatik-Stufen, die schnell angewendet werden können.

Die Zeitungsseite 1 (Tableau)

Das Tableau ist das Schaufenster der Zeitung. Seine Gestaltung folgt bestimmten Konventionen:

  • Flagge (Nameplate): Logo der Zeitung, Datum, Preis, Ausgabennummer — oben, oft im Farbbalken.
  • Aufmacher: Wichtigste Geschichte des Tages, oben rechts oder oben links, mit größter Überschrift und Bild.
  • Unteraufmacher: Zweit- und drittwichtigste Geschichten auf der Titelseite.
  • Teaser: Kurze Hinweise auf Inhalte im Inneren der Zeitung, oft mit kleinen Bildern unten auf der Titelseite.
  • Stöffel (above the fold): Der obere Teil der Titelseite, der am Kiosk sichtbar ist — die wichtigsten Geschichten müssen hier Platz finden.

Beispiele (5 konkrete)

  1. FAZ Titelseite: Kein dominantes Bild — Text dominiert. Fünf oder sechs Spalten, mehrere gleichwertige Artikel, dichte Typografie. Das Layout sendet eine Botschaft: Inhalt vor Form.
  2. Bild-Zeitung: Tabloid-Format, ein massives Bild, eine riesige Überschrift in maximal zwei Zeilen — maximale Vereinfachung. Oft ein roter Kasten für Sonder-Schlagzeilen.
  3. Süddeutsche Zeitung: Broadsheet, moderat; kombiniert Textdichte (FAZ-Erbe) mit stärkerer Bildführung als die FAZ. Typische 6-Spalten-Struktur mit klaren Hierarchien.
  4. Die Zeit: Wochenzeitung, großes Format, lange Artikel, wenige Bilder, viel Weißraum — Zeitungsgestaltung, die sich Magazin-Qualität leistet, weil wöchentlicher Produktionszyklus mehr Zeit gibt.
  5. Lokalzeitung (Regionaltitel): Meist Tabloid oder verkleinertes Berliner Format. Stark modular, viele kleine Meldungen, Veranstaltungskalender, Serviceteil — das gesamte Stadtleben auf wenigen Seiten.

In der Praxis (InDesign-Workflow)

Zeitungsseite schnell aufbauen:

  1. Template laden: Vorbereitetes InDesign-Template mit 8-Spalten-Grid, Musterseiten für Titelseite, Ressortseiten und Kleinanzeigenseiten.
  2. Aufmacher-Modul platzieren: Bildrahmen (4–6 Spalten breit, oberes Drittel) + Überschriften-Textrahmen (verbundene Spalten).
  3. Artikel zuweisen: Texte aus InCopy-Workflow oder als Word-Dateien importieren.
  4. Meldungen-Module füllen: Standardmäßig 2-Spalten-Meldungen im unteren Bereich.
  5. Laufreihe prüfen: Kein Artikel endet mit Hurenkind oder Schusterjunge — ggf. Textrahmen minimal anpassen.
  6. PDF exportieren und an Druckerei übermitteln: In der Zeitungsproduktion oft über automatisierte Publishing-Systeme (Content-Management-Systeme, die InDesign über Scripting steuern).

Vergleich & Abgrenzung

Zeitungsgestaltung vs. Magazin-Layout: Zeitungen produzieren täglich unter Zeitdruck, Magazine wöchentlich oder monatlich mit mehr Vorlaufzeit. Zeitungen nutzen engere Typografie und weniger experimentelle Bildsprache. Magazine können mehr gestalterische Risiken eingehen.

Broadsheet vs. Online-Zeitungsdesign: Print-Zeitungsdesign ist seitenbasiert und statisch. Online-Zeitungsdesign ist scrollbasiert, responsiv und interaktiv. Beides muss zusammen gedacht werden — viele Zeitungsredaktionen nutzen gemeinsame Templates für Print und Digital.


Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen Broadsheet und Tabloid journalistisch? Historisch wurde Broadsheet mit seriösem Qualitätsjournalismus assoziiert, Tabloid mit Boulevardjournalismus. Diese Assoziation ist heute schwächer: Viele seriöse britische Zeitungen wechselten zum Tabloid-Format aus praktischen Gründen (einfacher zu lesen). Das Format ist kein Qualitätsmerkmal.

Wie verhält sich Zeitungsgestaltung zu Content-Management-Systemen? Moderne Zeitungsredaktionen nutzen CMS-Systeme (z. B. K4, Methode oder eigene Systeme), die InDesign über Skripte steuern. Texte werden im CMS geschrieben, Bilder zugeordnet und per Knopfdruck in InDesign-Templates gefüllt — der Layout-Editor kümmert sich dann nur noch um Feinabstimmung. Dies beschleunigt die Produktion erheblich.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Samara, T. (2005). Making and Breaking the Grid. Rockport Publishers.
  • Bringhurst, R. (2004). The Elements of Typographic Style (3. Aufl.). Hartley & Marks.
  • Hochuli, J. (2008). Das Detail in der Typografie. Verlag Hermann Schmidt.
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