Storyboard-Illustration ist die sequenzielle Visualisierung einer filmischen, animierten oder werblichen Handlung in Form von gezeichneten Bildpanels, die Kameraposition, Bewegung, Bildausschnitt und Dramaturgie einer Szene vorab kommunizieren.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Illustration & Digital Art · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Storyboard, Story Panel, Previs-Zeichnung, Filmboard
Was ist Storyboard-Illustration?
Das Storyboard wurde von Walt Disney Studios in den 1930er-Jahren entwickelt, als Animator Webb Smith einzelne Zeichnungen an Wände heftete, um Szenenabfolgen zu planen. Diese Methode verbreitete sich schnell in der gesamten Filmproduktion. Heute ist das Storyboard ein unverzichtbares Produktionswerkzeug in Film, Werbung, Animation, Musikvideos und immer häufiger in der UX-Planung.
Ein Storyboard übersetzt das geschriebene Drehbuch in visuelle Sprache, bevor ein einziger Euro für Produktion ausgegeben wird. Es ermöglicht Regisseur, Kameramann und Produzent, Problemstellen in der Inszenierung zu erkennen und Entscheidungen über Schnittrhythmus, Kameraposition und Bildkomposition ohne reale Kosten zu treffen.
Erklärung
Bildaufbau und Kameraangaben
Jedes Panel eines Storyboards enthält drei Informationsebenen:
1. Bildinhalt: Was ist im Bild zu sehen? Figuren, Umgebung, Requisiten, Bewegungsrichtungen werden skizziert. Storyboard-Zeichnungen müssen nicht fotorealistisch sein – sie müssen eindeutig lesbar sein.
2. Kameraangaben: Standardisierte Bezeichnungen kommunizieren dem Kameramann die Einstellungsgröße:
- ECU / Extreme Close-Up: Auge, Mund – extremes Detail
- CU / Close-Up: Gesicht
- MCU / Medium Close-Up: Kopf bis Schultern
- MS / Medium Shot: Oberkörper
- MLS / Medium Long Shot: Knie aufwärts
- LS / Long Shot / Full Shot: Volle Figur
- WS / Wide Shot / Establishing Shot: Gesamte Umgebung, Figurenpositionierung
3. Bewegungsangaben: Pfeile zeigen Kameraschwenks (Pan), -fahrten (Dolly/Truck), Zoomrichtungen oder Figurenbewegungen an. Eine gestrichelte Linie mit Pfeil bezeichnet typischerweise eine Kamerabewegung, eine durchgezogene Linie eine Figurenbewegung.
Perspektive im Storyboard
Storyboard-Zeichner müssen Grundperspektive beherrschen: Fluchtpunkt-Perspektive für Architektur und Räume, Figurenkonstruktion in verschiedenen Blickwinkeln (über-/untersicht). Kameraaufsicht (Bird's Eye View) und Froschperspektive (Worm's Eye View) sind klassische dramaturgische Mittel.
Für Actionszenen und dynamische Perspektiven ist das Wissen um Linsenverzerrung (Weitwinkel vs. Tele) hilfreich: Weitwinkel verzerrt und vergrößert räumliche Distanzen, Tele komprimiert den Raum und isoliert Figuren.
Beschriftung und technische Informationen
Professionelle Storyboards enthalten unter jedem Panel:
- Szenen- und Shotnummer (z.B. Sc. 3, Shot 7)
- Zeitangabe (z.B. 2,5 Sek.)
- Dialogzeile oder Aktionsbeschreibung
- Kamerabewegung in Text (z.B. "Slow push in")
Vom Storyboard zum Animatic
Ein Animatic ist das Storyboard in Bewegung: Panels werden zeitgesteuert abgespielt, oft mit Rohdialog und Platzhalter-Sound. Animatics ermöglichen es, das Schnittgefühl und den Rhythmus einer Szene zu testen, bevor die teure Animation beginnt. In der Werbeproduktion wird der Animatic dem Kunden als "Rohfassung" des Spots präsentiert.
Digitale Storyboard-Tools
Storyboard Pro (Toon Boom) gilt als Industrie-Standard für Animationsstudios. Es bietet direkte Integration mit Animationssoftware und ermöglicht einfache Animatics.
Shot Designer, FrameForge, Studiobinder sind weitere spezialisierte Storyboard-Tools. Viele Profi-Storyboarder arbeiten jedoch hybrid: Skizzen auf iPad (z.B. mit Procreate: iPad-Illustration) und Verfeinerung digital oder direkt auf Papier.
Beispiele
- Hitchcock war für seine detaillierten, selbst gezeichneten Storyboards bekannt – jeder Shot von Psycho (1960) war vorab durchgezeichnet
- Marvel Studios produziert umfangreiche Storyboards und Animatics für jede Action-Sequenz (als dokumentiert in den Art of Marvel Büchern)
- Werbeagenturen präsentieren Pitch-Storyboards (oft coloured) an Kunden, bevor ein Produktionsbudget freigegeben wird
In der Praxis
Storyboarder arbeiten unter extremem Zeitdruck: In der Werbeproduktion müssen mitunter 30–50 Panels innerhalb von 24–48 Stunden geliefert werden. Daher ist Schnelligkeit wichtiger als Perfektion. Ein klarer, flüssiger Zeichenstil mit starker Lesebarkeit ist wichtiger als detaillierte Ausarbeitung.
Für Einsteiger empfiehlt sich das Studium von Konzeptart-Grundlagen und das Zeichnen von Perspektive nach Scott Robertson (How to Draw, 2013). Freie Online-Ressourcen wie die Storyboard-Tutorials von Disney Animation School sind ebenfalls wertvoll.
Vergleich & Abgrenzung
Motion Design Illustration baut auf Storyboards auf, erweitert diese aber um Timing-Informationen, Easing-Kurven und Loop-Überlegungen für animierte Grafiken ohne Live-Footage. Im Gegensatz zu Konzeptart geht es beim Storyboard nicht um das Erscheinungsbild einer Welt, sondern um den zeitlichen Ablauf einer Handlung.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie detailliert müssen Storyboard-Zeichnungen sein? Das hängt vom Verwendungszweck ab. Für interne Produktion reichen Stick Figures mit Pfeilen. Für Kunden-Präsentationen sind "Comps" (ausgearbeitete, farbige Zeichnungen) Standard.
Brauche ich Zeichenfähigkeiten für Storyboarding? Ja – grundlegende Perspektive und Figurenzeichnung sind unerlässlich. Eine spezifische Storyboard-Ausbildung gibt es an Filmhochschulen und Online-Akademien wie Schoolism.
Was verdient ein Storyboarder? Nach Angaben der Berufsverbände (VDD, Deutschen Filmakademie) liegt das Tageshonorar für Film-Storyboarder zwischen 400 und 900 €.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Hart, John: The Art of the Storyboard: A Filmmaker's Introduction, Focal Press (2008)
- Fernandez, Jose: Storyboarding Essentials, Watson-Guptill (2014)
- Bancroft, Tom: Creating Characters with Personality, Watson-Guptill (2006)
- Robertson, Scott: How to Draw: Drawing and Sketching Objects, Design Studio Press (2013)
