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Das Bauhaus-Plakat bezeichnet die in der Gestaltungsschule Bauhaus (1919–1933) entwickelte Plakatästhetik, die Typografie, Fotografie und geometrische Form zu klaren, hierarchischen Kommunikationsmitteln verband.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger

Synonyme / Auch bekannt als: Neue Typografie, Typofotomontage, Bauhausdruck


Was ist das Bauhaus-Plakat?

Das Bauhaus (Staatliches Bauhaus, gegründet 1919 in Weimar von Walter Gropius) war keine Plakatschule im engeren Sinne, aber die dort entwickelten Gestaltungsprinzipien hatten einen transformativen Einfluss auf die Plakatgestaltung des 20. Jahrhunderts. Das Credo „Funktion und Schönheit sind keine Gegensätze" schlug sich in Plakaten nieder, die mit geometrischen Grundformen (Kreis, Quadrat, Dreieck), Primärfarben (Rot, Gelb, Blau) und einer rationalen Typografie arbeiteten.

Das Bauhaus-Plakat ist kein homogener Stil: Unter dem Begriff fallen sowohl die frühen expressionistisch beeinflussten Drucke des Weimarer Bauhauses als auch die streng konstruktivistischen Arbeiten der Dessauer Phase (1925–1932). Allen gemeinsam ist das Bestreben, gestalterische Mittel auf das Wesentliche zu reduzieren und Bedeutung durch formale Struktur zu erzeugen.


Erklärung

Phasen des Bauhauses und ihre Plakatästhetik

Weimarer Phase (1919–1925): Das frühe Bauhaus stand unter dem Einfluss des Expressionismus (Johannes Itten, Lyonel Feininger). Plakate dieser Phase kombinieren handgeschriebene Schriften mit holzschnittartigen Illustrationen – ein Stil, der dem Jugendstil und dem deutschen Expressionismus näher steht als dem späteren Rationalismus.

Dessauer Phase (1925–1932): Mit dem Umzug nach Dessau und der Berufung von László Moholy-Nagy und Marcel Breuer radikalisierte sich die Gestaltung. Herbert Bayer, der 1925 die Druckerei-Werkstatt leitete, führte das Konzept der „Universalschrift" ein – ein rein kleingeschriebenes Alphabet ohne Versalien, das auf maximal rationeller Typografie bestand. Joost Schmidt übernahm 1925 die Leitung der Druckerei-Werkstatt und entwarf Ausstellungsplakate, die Fotomontage und geometrische Typografie kombinierten.

Berliner Phase (1932–1933): Das unter Druck gesetzte Bauhaus versuchte in Berlin unter Mies van der Rohe, als private Schule weiterzumachen. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde es 1933 geschlossen.

Neue Typografie

Jan Tschichold, der nicht am Bauhaus lehrte, aber eng mit dessen Ideen verbunden war, fasste die Bauhausästhetik in seiner programmatischen Schrift „Die Neue Typografie" (1928) zusammen. Seine Prinzipien:

  • Asymmetrische Anordnung anstelle der zentrischen Achsenkomposition
  • Serifenlose Schriften (Grotesk) als einzig zeitgemäße Schriftform
  • Horizontale und vertikale Linienelemente als Strukturierungsmittel
  • Hierarchie durch Größenkontrast, nicht durch dekorative Elemente
  • Weiß als aktives Gestaltungselement, nicht als leerer Hintergrund

Diese Prinzipien wurden zum Standard der modernen Plakatgestaltung und bilden bis heute die Grundlage des rationalen Grafikdesigns.

Typofotografie

László Moholy-Nagy, der am Bauhaus Photogramme und Typofotos entwickelte, war einer der ersten Gestalter, die Schrift und Fotografie als gleichwertige Gestaltungselemente in einem Plakat zusammenbrachten. Seine „Typofotografie" nutzte die Sachlichkeit der Fotografie und kombinierte sie mit der strukturierenden Kraft der Typografie – ein Ansatz, der in der Werbegrafik der 1930er bis 1950er Jahre weltweit aufgegriffen wurde.

Farbsystem

Die Bauhäusler entwickelten auf Basis von Itten und Kandinskys Farbtheorien ein rationalisiertes Farbverständnis. Im Plakat drückt sich dies in der konsequenten Verwendung von Primärfarben (Rot, Gelb, Blau) und deren Komplementären aus, die maximale optische Energie bei minimaler Farbzahl erzeugen. Schwarz und Weiß werden als volle gestalterische Werte eingesetzt.


Beispiele (5 konkrete Plakate mit Designer:in und Jahr)

  1. Herbert Bayer – „Bauhaus Ausstellung Weimar 1923": Das bekannteste Bauhaus-Ausstellungsplakat. Geometrische Kreise und Halbkreise in Rot und Blau auf hellem Grund, serifenlose Schrift, klare Hierarchie. Bayers Komposition zeigt die Verbindung von konstruktivistischer Formensprache mit konkreter Informationsvermittlung.
  2. Joost Schmidt – „Bauhaus Ausstellung 1923" (Typo-Plakat): Schmidt gestaltete parallel zu Bayers Plakat eine Variante, die stärker auf Typografie als auf grafische Elemente setzt. Die asymmetrische Textkomposition in Schwarz und Rot gilt als Musterbeispiel der Neuen Typografie.
  3. László Moholy-Nagy – „Pneumatik" (1923): Fotomontage-Plakat für einen Reifenhersteller, das industrielle Fotografie mit konstruktivistischen Diagonalelementen kombiniert. Moholy-Nagys Typofotos sind Dokumente eines neuen Bildverständnisses, das auf der Präzision der Kamera besteht.
  4. Herbert Bayer – „Kandinsky 60. Geburtstag" (1926): Plakat für die Geburtstagsfeier Wassily Kandinskys am Bauhaus. Primärfarben, geometrische Formen (Dreieck, Kreis, Quadrat) direkt Kandinskys Formenlehre entlehnt; Typografie als Kompositionselement. Hochformat mit diagonaler Spannungsachse.
  5. Joost Schmidt – „Metalloberfläche" (1929): Messe-Plakat für eine Industrieausstellung. Fotomontage von Metallstrukturen mit überlagerter Typografie in Rot/Schwarz/Weiß. Hier wird die Verbindung von industrieller Fotografie und rationaler Typografie am eindrücklichsten.

In der Praxis

Bauhaus-Prinzipien im modernen Plakatdesign

Die Bauhausgrundsätze sind keine historische Kuriosität, sondern bilden das Fundament der modernen Plakatgestaltung. Konkrete Anwendungsprinzipien:

Rasterarbeit: Entwurf auf einem klaren Grundraster mit definierten Spalten und Zeilenlinien. Software: Hilfslinien in Illustrator, Grid-Systeme in InDesign.

Typografische Hierarchie: Drei Schriftgrößen reichen für die meisten Plakate: Headline (70–120pt), Subline (24–36pt), Infoblock (10–14pt). Konsequente Hierarchie macht das Lesen ohne bewusste Entscheidung möglich.

Farbwahl: Bauhaus-Primärfarben in zeitgemäßer Interpretation: #CC0000 (Rot), #F5C400 (Gelb), #003399 (Blau). Für einen modernen Look: Tint-Varianten dieser Farben mit erhöhter Sättigung.

Geometrische Elemente: Kreis, Rechteck, Linie als Gestaltungsmittel einsetzen – nicht dekorativ, sondern strukturierend (z. B. Kreis als Hervorhebung, Linie als Trennstrich).

Schriftenempfehlungen im Bauhaus-Stil

  • Futura (Paul Renner, 1927) – die quintessentielle Bauhaus-Grotesk
  • Bauhaus 93 – digitale Interpretation (eher Display)
  • ITC Avant Garde Gothic – geometrische Grotesk für Headlines
  • Bayer Universal – rekonstruierte Version von Bayers Universalschrift (verfügbar als Revival)

Vergleich & Abgrenzung

Bauhaus vs. Konstruktivismus: Der russische Konstruktivismus (Rodtschenko, Lissitzky) und das Bauhaus beeinflussten sich gegenseitig, sind aber nicht identisch. Das Bauhaus war stärker auf handwerkliche Qualität und Lehrbarkeit ausgerichtet; der Konstruktivismus war politisch radikaler und stärker auf kollektive Utopie bezogen. Im Plakat: Konstruktivismus arbeitet mehr mit Fotomontage und Diagonaldynamik; das Bauhaus stärker mit klarer Raster-Typografie.

Bauhaus vs. Swiss Style: Der Swiss International Style (Müller-Brockmann, Hofmann) ist der direkte Nachfolger der Bauhausideen in der Nachkriegszeit. Der Unterschied liegt im Grad der Systematisierung: Der Swiss Style entwickelt das Rastersystem zu einer ausgefeilten Methode (Müller-Brockmanns „Rastersysteme"), während das Bauhaus prinzipienorientierter und weniger dogmatisch arbeitete.


Häufige Fragen (FAQ)

Hat das Bauhaus tatsächlich Plakate produziert, oder ist das retrospektiv? Das Bauhaus hatte eine eigene Druckerei-Werkstatt und produzierte zahlreiche Plakate für eigene Ausstellungen, Veranstaltungen und als Lehrübungen. Diese Plakate wurden real ausgehängt und sind keine nachträglichen Rekonstruktionen. Darüber hinaus gingen Bauhaus-Absolvent:innen in Druckereien, Werbeagenturen und Verlage und brachten die Gestaltungsprinzipien in die kommerzielle Praxis ein.

Warum wurde das Bauhaus von den Nationalsozialisten geschlossen? Die Nationalsozialisten betrachteten das Bauhaus als Hort „kulturbolschewistischer" und internationalistischer Ideen, die mit ihrer Blut-und-Boden-Ideologie unvereinbar waren. Nach der Machtübernahme 1933 wurde das Bauhaus in Berlin auf Druck der Gestapo geschlossen. Viele Bauhaus-Mitglieder emigrierten in die USA (Moholy-Nagy nach Chicago, Breuer nach Harvard, Gropius nach Harvard), wo sie die Bauhaus-Ideen in den amerikanischen Designunterricht einbrachten.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
  • Hollis, Richard: Graphic Design: A Concise History. London: Thames & Hudson, 2001.
  • Tschichold, Jan: Die neue Typographie. Berlin: Bildungsverband der Deutschen Buchdrucker, 1928. (Reprint: Berlin: Brinkmann & Bose, 1987.)
  • Wick, Rainer K.: Teaching at the Bauhaus. Ostfildern-Ruit: Hatje Cantz, 2000.
  • Droste, Magdalena: Bauhaus 1919–1933. Berlin: Taschen, 2002.
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