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Das Filmplakat ist das primäre visuelle Kommunikationsmittel der Filmindustrie, entstanden mit dem Kino um 1895 und bis heute eine der massenkulturellen Bildwelten mit der größten globalen Reichweite.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger

Synonyme / Auch bekannt als: Kinoplakat, One-Sheet (US), Affiche de cinéma (frz.), Filmplakat, Kinoposter


Was ist ein Filmplakat?

Das Filmplakat ist das erste Bild, das ein Publikum von einem Film sieht – bevor Trailer, vor der Premiere, noch im Entstehungsprozess. Es muss das Wesen eines mehrstündigen Erzählwerkes auf einem einzelnen Blatt komprimieren und gleichzeitig Neugier, Erwartung oder Begehren beim Betrachter auslösen. Diese Aufgabe macht das Filmplakat zu einem der herausforderndsten und zugleich wirkungsmächtigsten Felder der angewandten Grafik.

Die Geschichte des Filmplakats ist auch eine Geschichte der Hollywoodstudios, der Kinokultur und der sich wandelnden Bildwelten des 20. und 21. Jahrhunderts.


Erklärung

Die Frühzeit des Filmplakats (1895–1920)

Die ersten Filmplakate entstanden zeitgleich mit dem Kino selbst. Die Gebrüder Lumière plakatierten ihre ersten öffentlichen Vorführungen (Paris, 28. Dezember 1895) mit einfachen Typoplakaten, die Ort, Zeit und den Begriff „Cinématographe" kommunizierten. Bald folgten illustrierte Plakate, die Szenen aus Filmen oder die Technik des Kinoapparats darstellten.

In den USA entwickelte sich die Filmplakatproduktion schnell zu einem industriellen Prozess. Das „One-Sheet" (ca. 68 × 104 cm, 27 × 41 Inch) wurde zum Standardformat. Spezialisierte Druckhäuser – darunter National Screen Service (NSS), gegründet 1920 – produzierten Plakate für die Studios in Massenauflage und versorgten die Kinobesitzer mit Aushangmaterial.

Die Hollywood-Goldene Ära (1920–1950)

In der Stummfilmzeit und frühen Tonfilmära dominierten Ölgemälde-Illustrationen das Filmplakat. Stars (Rudolf Valentino, Greta Garbo, Humphrey Bogart, Bette Davis) wurden von Illustratoren wie Alberto Vargas, Haddon Sundblom und anderen in idealisierten Porträts dargestellt, die dem Starkult der Studioära entsprachen.

Die Studios kontrollierten das Plakat-Design vollständig. In-House-Abteilungen (Art Departments der Studios) gestalteten alle Werbematerialien. Der künstlerische Individualismus der Gestalter:innen war begrenzt; der Stil der Studios war oft einheitlicher als der der einzelnen Designer:innen.

Drew Struzan war in der späteren Phase (1970er–2000er) der prägendste Illustrator des klassischen Film-Illustrationsplakats: seine Aquarell-Ölpastell-Mischtechnik schuf ikonische Bilder für Star Wars, Indiana Jones, das Back-to-the-Future-Franchise und Hunderte anderer Filme.

Die Moderne: Saul Bass (1954–1996)

Saul Bass (1920–1996) revolutionierte das Filmplakat ab Mitte der 1950er Jahre. Bass war ein ausgebildeter Grafikdesigner, der dem Filmplakat eine konzeptionelle, gestalterische Tiefe gab, die bis dahin unbekannt war.

Sein Durchbruch war das Plakat für „The Man with the Golden Arm" (Otto Preminger, 1955): Ein stilisierter, krummgewachsener Arm vor weißem Hintergrund kommuniziert Drogensucht als physisches und psychisches Trauma – ohne Schauspielerporträt, ohne Filmszene, ohne Illustration im traditionellen Sinne. Der grafische Einfall ersetzt die Erzählung durch eine Metapher.

Bass' Plakatarbeiten für Preminger, Alfred Hitchcock und Billy Wilder sind die ikonischsten Filmplakate der Designgeschichte:

  • „Anatomy of a Murder" (1959): Strichmännchenleiche
  • „Vertigo" (1958): Spirale als psychologisches Diagram
  • „Psycho" (1960): Fragmentierter Titelfont

Bass gestaltete nicht nur Plakate, sondern auch Titelsequenzen – eine bahnbrechende Integration von Grafikdesign in den Film selbst. Sein System aus geometrischen Formen, serifenlosen Schriften und kontrastreicher Zweifarbigkeit beeinflusste das Filmplakat-Design eines ganzen Halbjahrhunderts.

Die polnische Filmplakatschule (1950er–1980er)

In Polen entwickelte sich unter staatlicher Kontrolle (PZGS, der staatliche Filmverleih) eine eigenständige, künstlerisch herausragende Filmplakatkultur. Da polnische Gestalter importierte Filme mit eigenem künstlerischen Plakat kommunizieren mussten (offizielle Hollywoodplakate waren nicht erhältlich), entstand eine Tradition des freien, metaphorischen Plakatstils:

Henryk Tomaszewski, Jan Lenica, Waldemar Swierzy und Franciszek Starowieyski schufen für amerikanische, sowjetische und europäische Filme Plakate, die mit den Originalpromot-Materials nichts gemein hatten – und ästhetisch oft überlegener waren. Die polnische Filmplakatschule wurde weltweit bewundert und ist heute ein wichtiges Kapitel der Plakatgeschichte.

Die Post-Saul-Bass-Ära und der Fotoplakat-Standard (1970er–2000er)

Nach Bass' prägender Phase setzte sich in Hollywood ein neues Paradigma durch: das fotobasierte Starplakat. Mit der Verbreitung der Farbfotografie und des Offsetdrucks wurden Studiofotos (oft aufwändige Studioproduktionen mit Star-Fotografen) zur Basis der meisten Filmplakate.

Die 1970er Jahre brachten mit dem New Hollywood (Coppola, Scorsese, Spielberg, Lucas) eine kurze Phase gestalterischer Vielfalt: Roger Huyssen für „Alien" (1979), Bob Peak für „Apocalypse Now" (1979). Mit dem Blockbuster-System der 1980er Jahre standardisierte sich das Filmplakat wieder auf: Starkopf + Titel oben + Claim unten.

Digitale Ära und Photoshop-Monokultur (1990er–heute)

Mit der Verbreitung von Photoshop (ab 1988) und insbesondere dem Durchbruch digitaler Bildbearbeitung in den 1990er Jahren änderte sich die Filmplakatproduktion grundlegend. Komposit-Fotografien – mehrere Schauspieler:innen aus verschiedenen Fotografien zusammengesetzt, auf Hintergründen montiert – wurden möglich und kostengünstig.

Die 2000er und 2010er Jahre zeigen eine zunehmende Kritik an einer homogenisierten Filmplakatästhetik: The „Heads in Clouds"-Plakat (ein Stargesicht, das im oberen Bildbereich in Wolken übergeht), das orangen-teal-Farbschema und die Tendenz, alle Figuren symmetrisch anzuordnen (besonders bei Ensemblefilmen) wurden als Symptome kreativer Erschöpfung diskutiert.

Indie-Revival und handwerkliche Alternativen (2000er–heute)

Als Reaktion auf die digitale Monotonie erlebt das gestalterisch anspruchsvolle Filmplakat eine Renaissance:

  • Spezialisierte Studios wie Mondo (Austin, TX) produzieren limitierte Siebdruckplakate für Kultfilme mit renommierten Illustrator:innen
  • Designkollektive wie La Boca (London) und Alamo Drafthouse schaffen konzeptuelle Alternativen
  • Streaming-Dienste (A24, Netflix Original) beauftragen teils ungewöhnlichere Plakatgestaltungen

Beispiele (5 konkrete Plakate mit Designer:in und Jahr)

  1. Saul Bass – „The Man with the Golden Arm" (1955): Stilisierter Arm in Schwarzweiß, serifenlose Helvetica-Vorläuferschrift. Das erste moderne Filmplakat, das auf Illustration und Starporträt völlig verzichtet und durch abstrakten grafischen Begriff überzeugt.
  2. Robert Brownjohn – „Goldfinger" (1964): Bond-Plakat mit vergoldetem Körper als Bildmedium, das den Film-Titel visuell buchstäblich umsetzt. Brownjohn, ein Bauhaus-Schüler aus den USA, verband Konzeptualismus mit kommerzieller Glätte auf einmalige Weise.
  3. Wiktor Gorka – „Hiroshima Mon Amour" (Polnisches Plakat, 1961): Polnisches Filmplakat für Alain Resnais' französischen Film. Verbrannte Figur als Nuklear-Metapher – eine Deutung des Films, die sich vom französischen Originalmaterial vollständig unterscheidet.
  4. Drew Struzan – „Indiana Jones and the Temple of Doom" (1984): Aquarell-Ölpastell-Illustration mit Struzan's charakteristisch dramatischer Lichtsetzung, mehreren Figuren in dynamischer Komposition. Der Höhepunkt des illustrativen Filmplakats.
  5. La Boca – „Shame" (Steve McQueen, 2011): Abstraktes, typografisch-malerisches Plakat des Londoner Studios für den britischen Art-House-Film. Die in Schwarz-Grau gehaltene Komposition erzeugt emotionale Spannung ohne Starporträt.

In der Praxis

Produktion eines Filmplakats heute

Filmplakate werden heute meist in zwei parallelen Prozessen entwickelt:

  1. Offizielle Studio-Keys: Von großen Werbeagenturen (BLT, The Creative Partnership) mit Budget und aufwändigen Fotosessions
  2. Designer:innen-Alternativversionen: Für Filmfestivals, DVD/Blu-ray-Editionen oder alternative Märkte

Für Indie-Filmproduktionen arbeiten Designer:innen in der Regel mit vorhandenem Bildmaterial (Standfotografien, Szenenstills) und gestalten daraus ein Plakat ohne eigene Fotoproduktion.


Vergleich & Abgrenzung

Filmplakat vs. Filmstill: Das Filmstill ist ein Foto aus der Produktion, das als Presseunterlage dient. Das Filmplakat ist ein eigenständiges, gestaltetes Kommunikationsmittel.

Kinoplakat vs. Heimvideo-Cover: Das Kinoplakat (One-Sheet) kommuniziert den Erlebnis-Charakter des Kinobesuchs; das DVD/Blu-ray-Cover muss auch in kleinem Format (Box-Rücken) funktionieren.


Häufige Fragen (FAQ)

Warum sehen so viele Filmplakate heute gleich aus? Das hat systemische Gründe: Studios investieren in aufwändige Marktforschung (Fokusgruppen, A/B-Testing), die immer die sichere Lösung favorisiert – bekanntes Starkopf-Gesicht, bekannte Farbpalette. Je größer das Budget, desto risikoloser ist die Gestaltung. Independent-Filmproduktionen mit weniger zu verlieren können sich konzeptionell riskantere Plakate leisten.

Wer gestaltet eigentlich Filmplakate? In Hollywood: spezialisierte Werbeagenturen (key art agencies) wie BLT Communications oder the Creative Partnership London, oft mit Art Directors der Studios. Für Independent-Filme: Grafikdesigner:innen direkt, manchmal dieselben, die auch die visuelle Identität des Projekts entwickeln.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
  • Hollis, Richard: Graphic Design: A Concise History. London: Thames & Hudson, 2001.
  • Nourmand, Tony / Marsh, Graham (Hrsg.): Film Posters of the 50s. London: Aurum Press, 2002.
  • Struzan, Drew: Drew: The Man Behind the Poster. San Rafael: Insight Editions, 2014.
  • Bass, Jennifer / Kirkham, Pat: Saul Bass: A Life in Film & Design. London: Laurence King, 2011.
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