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Das Jugendstil-Plakat bezeichnet eine zwischen ca. 1896 und 1914 entstandene Form der deutschen und österreichischen Plakattradition, die sich durch ornamentale Linienführung, Flächenkomposition und eine Hinwendung zur funktionalen Schlichtheit charakterisiert.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger

Synonyme / Auch bekannt als: Deutscher Jugendstil, Wiener Secession Plakat, Secessionsplakat, Reformstil


Was ist das Jugendstil-Plakat?

Der Begriff „Jugendstil" leitet sich von der Münchner Kunstzeitschrift „Die Jugend" ab, die 1896 gegründet wurde und der Bewegung ihren deutschen Namen gab. Parallel erschien in München auch die Zeitschrift „Simplicissimus" (1896), die für satirische Illustration berühmt wurde. Der deutsche Jugendstil ist die nationale Ausprägung der internationalen Art Nouveau-Bewegung, unterscheidet sich von ihr aber durch einen stärkeren Hang zur Strenge, zur geometrischen Ordnung und – ab ca. 1905 – zur funktionalen Reduktion.

Österreich brachte mit der 1897 gegründeten Wiener Secession eine besonders einflussreiche Spielart hervor. Gustav Klimt, Koloman Moser, Josef Hoffmann und Egon Schiele prägten einen Stil, der die ornamentale Flächigkeit mit einer symbolischen Ernsthaftigkeit verband, die das süßliche Dekor mancher Pariser Zeitgenossen bewusst vermied.


Erklärung

Deutschland: Von der Ornamentik zur Sachlichkeit

Die frühe Phase des deutschen Jugendstil-Plakats (1896–1904) ist geprägt von der Übernahme französischer und britischer Einflüsse. Theodor Thomas Heine und Bruno Paul gestalteten für den Simplicissimus eingängige satirische Cartoons und Titelblätter mit starkem Linienduktus. Fritz Erler und Franz von Stuck entwickelten symbolistische Großfiguren für Ausstellungsplakate.

Ein Wendepunkt kam 1905, als der junge Lucian Bernhard mit seinem Plakat für Priester Streichhölzer eine neue Richtung einschlug. Bernhard entfernte systematisch alle ornamentalen Elemente – Rahmen, Hintergrunddekor, allegorische Figuren – und konzentrierte sich auf das Objekt selbst vor einfarbigem Hintergrund. Diese Reduktionsstrategie, die als „Sachplakat" in die Geschichte einging, war eine direkte Reaktion auf den als überladen empfundenen Jugendstil.

Ludwig Hohlwein in München (ab 1906) ging einen anderen Weg: Er entwickelte eine kraftvolle, von englischen Plakatillustratoren (John Hassall, Dudley Hardy) beeinflusste Bildsprache mit stark vereinfachten, flächigen Figuren in intensiven Farben, die bis heute als typischer „Hohlwein-Stil" erkennbar ist. Seine Plakate für PKZ (Schweizer Modemärkte), Ausstellungen und später (leider auch) für nationalsozialistische Institutionen sind ein Paradebeispiel für Wiedererkennbarkeit durch stilistische Konsequenz.

Peter Behrens, der als Gesamtgestalter für AEG (ab 1907) gilt, schuf für die Elektrounternehmen ein frühes Corporate-Design-Konzept: einheitliche Plakate, Produktgestaltung und Architektur aus einer Hand. Seine AEG-Plakate sind streng, geometrisch und antiornamental – ein direkter Vorläufer der Moderne.

Österreich: Wiener Secession und Verism

Die Wiener Secession (gegründet 1897) gab sich mit ihrer Zeitschrift „Ver Sacrum" ein eigenes visuelles Organ. Koloman Moser gestaltete für die frühen Secessions-Ausstellungen Plakate, die eine eigentümliche Verbindung aus ornamentalem Dekor und strengen geometrischen Strukturen aufweisen. Sein bekanntestes Plakatmotiv für die 13. Secessionsausstellung (1902) zeigt eine stilisierte weibliche Figur in Goldfeldern – angelehnt an Klimts Malerei.

Alfred Roller schuf für die 16. Secessionsausstellung (1903) ein radikales Plakat: schwarze Grundfläche, geometrische Typografie, minimalste figurative Elemente. Dieses Plakat ist eines der frühesten Beispiele radikaler grafischer Reduktion in der Plakatgeschichte – weit vor dem Bauhaus.

Josef Maria Olbrich gestaltete das Secessions-Gebäude (1898) selbst als dreidimensionales Manifest: „Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit" ist in Gold über dem Eingang eingeschrieben – ein Programm, das auch die Plakatgestaltung des Wiener Kreises definiert.

Schweiz: Der vergessene Dritte

Die Schweiz spielte in der Jugendstil-Plakatgeschichte eine oft übersehene Rolle. Johannes Riedweg in Luzern und Burkhard Mangold in Basel schufen Plakate für Tourismuswerbung und Ausstellungen, die Jugendstil-Ornamentik mit helvetischer Nüchternheit verbanden. Diese frühe schweizerische Plakatschule ist der direkte Vorläufer des späteren Swiss International Style.


Beispiele (5 konkrete Plakate mit Designer:in und Jahr)

  1. Franz von Stuck – „Internationale Kunstausstellung München" (1893): Plakat für die Münchner Glaspalast-Ausstellung mit weiblicher Figur und Pallas-Athene-Symbol. Stuck kombiniert symbolistische Bildsprache mit dekorativer Ornamentbordüre – ein frühes Beispiel des Münchner Jugendstils vor der eigentlichen Hoch-Phase.
  2. Koloman Moser – „13. Ausstellung der Secession Wien" (1902): Plakat mit zwei stilisierten nackten Frauenfiguren in Goldmosaik-Hintergrund, flankiert von geometrischen Ornamenten. Mosers meistdiskutiertes Plakatwerk verbindet Symbolismus und Ornamentabstraktion auf engstem Raum.
  3. Ludwig Hohlwein – „PKZ" (1908): Werbeplakat für die Schweizer Modekette Hermann Scherrer/PKZ. Gezeigt wird eine Elegante in Pelzmantel vor dunkelgrünem Hintergrund – flächige Silhouette, gestische Pinselzeichnung, kraftvoller Farbkontrast. Das Plakat begründete Hohlweins Ruf als der führende Modenplakat-Gestalter Deutschlands und der Schweiz.
  4. Lucian Bernhard – „Bosch Zündkerzen" (1914): Sachplakat mit fragmentierter Zündkerze auf rotem Hintergrund, darunter der Firmenname in serifenloser Schrift. Bernhards Reduktionsprinzip in vollendeter Reife – keine Allegorie, keine Figur, nur Objekt und Markenname.
  5. Peter Behrens – „AEG Metallfadenlampe" (1907): Eines der ersten Corporate-Design-Plakate überhaupt. Geometrische Kreisform, serifenlose Schrift, sachliche Produktabbildung. Behrens' AEG-System war wegweisend für das 20. Jahrhundert.

In der Praxis

Gestaltungsmerkmale für eigene Jugendstil-Plakate

Wer heute Jugendstil-Plakate gestalten möchte, sollte folgende Elemente berücksichtigen:

Linienarbeit: Weiche, geschwungene Kurven; Bezierkurven in Illustrator mit gezielter Handzeichnung kombinieren. Symmetrische Kompositionen mit vertikaler Mittelachse.

Farbe: Gedämpfte Erdtöne (Ocker, Opalgrün, Weinrot, Goldgelb) für deutsche Variante; Schwarz-Gold-Kombinationen für Wien. Starke Farbkontraste bei Hohlwein-Einfluss.

Typografie: Historische Jugendstil-Schriften: Eckmann-Schrift (Otto Eckmann, 1900), Behrens-Kursiv, Arnold Böcklin. Für digitale Projekte: Jubiläum, Jugendstil (Linotype-Bibliothek).

Komposition: Vertikale, hochformatige Anlage; Rahmen als integraler Gestaltungsbestandteil; Figur als Zentrum, Ornamente als Einfassung.


Vergleich & Abgrenzung

Jugendstil vs. Art Nouveau: Art Nouveau (Paris) ist spielerischer, stärker kurvilinear und auf weibliche Dekorativität fokussiert. Jugendstil (Deutschland/Österreich) tendiert zu größerer Strenge, stärker geometrischen Elementen und einer ernsteren Symbolik. Der Wiener Jugendstil ist radikaler als der Münchner.

Jugendstil vs. Sachplakat: Das Sachplakat ist die unmittelbare Reaktion auf und Ablösung des Jugendstils. Beide entstanden in Deutschland, teilen Künstler (Bernhard bewegte sich zwischen beiden Welten), unterscheiden sich aber grundlegend in ihrem Verhältnis zur Ornamentik.


Häufige Fragen (FAQ)

War der Jugendstil eine rein dekorative Bewegung? Nein. Insbesondere im deutschen und österreichischen Jugendstil gab es eine starke reformerische Dimension: Kunst sollte das Leben durchdringen, nicht nur schmücken. Die Wiener Werkstätte (gegründet 1903 von Hoffmann und Moser) versuchte, Alltagsgegenstände – Möbel, Textilien, Schmuck – nach denselben künstlerischen Prinzipien zu gestalten wie Gemälde. Das Plakat war Teil dieses Gesamtkunstwerk-Projekts.

Wie lange dauerte der Jugendstil? Als kohärente Bewegung endete der Jugendstil in Deutschland und Österreich mit dem Ersten Weltkrieg. Stilistisch überlebten Elemente in der Populärkultur bis in die 1920er Jahre. Eine breite Wiederentdeckung erfolgte in den 1960er Jahren, als psychedelische Plakatgestalter (Victor Moscoso, Wes Wilson) die kurvilineare Ornamentik des Jugendstils wiederentdeckten.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
  • Hollis, Richard: Graphic Design: A Concise History. London: Thames & Hudson, 2001.
  • Natter, Tobias G. (Hrsg.): Die Wiener Secession. Wien: Brandstätter, 2007.
  • Aynsley, Jeremy: Graphic Design in Germany 1890–1945. London: Thames & Hudson, 2000.
  • Wichmann, Siegfried: Japonisme: The Japanese Influence on Western Art Since 1858. London: Thames & Hudson, 1981.
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