Das Konzertplakat ist ein Plakat zur Ankündigung von Musikveranstaltungen, das sich durch besondere gestalterische Eigenständigkeit auszeichnet und eine reiche subkulturelle Tradition von den Varieté-Ankündigungen des 19. Jahrhunderts bis zu heutigen Gig Postern aufweist.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger
Synonyme / Auch bekannt als: Gig Poster, Tourposter, Bandplakat, Konzertaushang, Musikplakat
Was ist ein Konzertplakat?
Das Konzertplakat ist eine der lebendigsten Gattungen der Plakatgestaltung, weil sie sich in enger Wechselwirkung mit Musikströmungen, Subkulturen und sozialen Bewegungen entwickelt hat. Wo die Werbegrafik Markenrichtlinien folgt und das Kulturplakat Institutionen repräsentiert, folgt das Konzertplakat dem Geist der Musik selbst: In der Rockkultur der 1960er waren Konzertplakate Manifeste einer Gegenkultur; im Metal der 1980er sind sie Teil einer visuellen Stammesidentität; im heutigen Indie-Kontext sind sie Sammlerobjekte und künstlerische Selbstaussagen.
Erklärung
Die frühe Geschichte: Varieté und Vaudeville
Die ersten Konzertplakate im modernen Sinne entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für Varietétheater, Vaudeville-Shows und Zirkusse. Jules Chérets Plakate für die Folies-Bergère und die Moulin Rouge sind die bekanntesten frühen Konzertplakate. Sie setzten Maßstäbe für farbige, figürliche Ankündigungen, die das Publikum emotional ansprachen.
Die psychedelische Plakatbewegung (San Francisco, 1965–1969)
Der dramatischste Stilbruch in der Geschichte des Konzertplakats ereignete sich in San Francisco zwischen 1965 und 1969. Die im Fillmore Auditorium und im Avalon Ballroom veranstalteten Rockkonzerte (Grateful Dead, Jefferson Airplane, Janis Joplin, The Doors) benötigten Wochenankündigungen. Die beauftragten Gestalter entwickelten einen Stil, der bewusst mit den Konventionen rationaler Lesbarkeit brach:
Victor Moscoso (geboren 1936, Yale-Absolvent) setzte komplementäre Farben direkt nebeneinander, so dass der Betrachter für Sekunden Flimmern und vibrierende Farbräume sieht – eine optische Illusion, die dem Drogenrausch der Konzertbesucher entsprechen sollte. Moscoso berief sich auf Jugendstil und Art Nouveau als visuelle Vorbilder.
Wes Wilson entwickelte eine Schrift, die Buchstaben in Körperformen auflöste: Beine wurden zu A, Arme zu Y, Torsi zu O. Diese kaum lesbare, organische Typografie wurde zum Erkennungsmerkmal der psychedelischen Ära.
Rick Griffin, Stanley Mouse und Alton Kelley ergänzten das Quintett der wichtigsten San-Francisco-Poster-Gestalter. Die Plakate wurden in geringer Auflage gedruckt, an Konzertbesitzer ausgegeben und sind heute in Sammlungen weltweit vertreten.
New Wave und Punk (1970er–1980er)
Punk reagierte auf die künstlerische Inflation der psychedelischen Ära mit radikaler Reduktion: Concertplakate der frühen Punkbewegung (London 1976/77) sind xerokopierte, oft handgeschriebene, bewusst unprofessionell wirkende Aushänge. Die ästhetische Botschaft war Absicht: Jeder kann eine Band gründen, jeder kann ein Plakat machen. Die Do-it-yourself-Ethik des Punk veränderte die Designkultur nachhaltig.
New Wave und Post-Punk nutzten gleichzeitig Einflüsse der russischen Konstruktivisten und des Bauhaus für ihre Plattencover und Konzertplakate: Joy Division/Factory Records (Peter Saville), Gang of Four (Jon King), Talking Heads.
Heavy Metal-Plakatästhetik (ab 1980)
Das Heavy Metal-Konzertplakat entwickelte eine eigene, hochspezifische Bildsprache: dämonische Wesen, Totenschädel, gotische Kalligrafie, Fantasiemotiven und hyperrealistische Ölgemälde-Ästhetik. Diese Tradition wird von Illustratoren wie Derek Riggs (Iron Maiden's Eddie), Ken Kelly und Dan Seagrave gepflegt und ist Teil der Stammes-Identität der Metal-Subkultur.
Screenprint-Revival und moderne Gig Poster (1990er–heute)
Ab den 1990er Jahren erlebte das handgedruckte Siebdruckplakat (Screenprint) eine Renaissance. Künstler:innen wie Shepard Fairey (OBEY Giant, ab 1989), Frank Kozik und später das Studio Aesthetic Apparatus (Minneapolis) schufen handgedruckte Konzertplakate in limitierter Auflage (oft 100–300 Stück) für mittlere und große Rockacts. Diese Plakate wurden zu Sammlerobjekten verkauft: auf der Konzertwebsite, im Merch-Stand und auf Plattformen wie Gigposters.com.
Die Verbindung aus handwerklichem Siebdruck, künstlerischer Eigenständigkeit und limitierter Auflage schuf eine Nischenökonomie, die bis heute existiert und in der renommierte Gestalter:innen für Bands von Pearl Jam bis Radiohead arbeiten.
Pearl Jam ist für ihren konsequenten Einsatz von Künstlerplakaten bekannt: Für jedes Konzert wird ein eigenes, standortspezifisches Plakat in Siebdruck produziert. Der Pearl-Jam-Poster-Fandom ist eine eigene Subkultur mit Auktionen, Sammlerbörsen und Fanzines.
Beispiele (5 konkrete Plakate mit Designer:in und Jahr)
- Victor Moscoso – „Miller Blues Band / Avalon Ballroom" (1967): Psychedelisches Siebdruckplakat mit komplementären Farben (Magenta auf Cyan), vibrierender optischer Wirkung und orgnaisch-figurativer Typografie. Moscosos Yale-Ausbildung (bei Josef Albers, dem Bauhäusler) ist paradox: Er nutzte die Farbtheorie seines Lehrers, um deren Regeln absichtlich zu brechen.
- Wes Wilson – „The Doors / Fillmore Auditorium" (1967): Konzertankündigung mit Wilsons charakteristischer körpergeformter Schrift, kaum lesbar, in orange-lila-Farbkombination. Das Plakat ist heute eines der teuersten Konzertplakate auf dem Antiquariatsmarkt.
- Jamie Reid – „God Save the Queen" (Sex Pistols, 1977): Technisch eine Single-Veröffentlichungsgrafik, die auch als Konzertplakat eingesetzt wurde. Xerokopie-Ästhetik, Collage, Königinporträt mit Klebebandmund. Reid prägte die visuelle Identität des Punk-Britain.
- Ames Bros – „Pearl Jam / Chicago" (2003): Siebdruckplakat in limitierter Auflage (200 Exemplare). Lokale Stadtmotive (Chicago-Architektur) in Verbindung mit der Pearl-Jam-Bildsprache. Typisches Beispiel des modernen Gig-Poster-Handwerks.
- Methane Studios – „Radiohead" (2008): Handgedrucktes Siebdruckplakat in 5 Farben für eine US-Tour-Show. Surreale Bildwelt, die die Themen von Radioheads Musik visualisiert. Limitiert auf 300 Exemplare, Erstverkaufspreis ca. 25 USD, Sekundärmarktpreis bis 500 USD.
In der Praxis
Siebdruck als Standard-Technik für Gig Poster
Das moderne Gig Poster wird fast ausschließlich im Siebdruck produziert (vgl. Eintrag Siebdruck-Plakat). Typische Produktionsdaten:
- Auflage: 50–500 Exemplare
- Farben: 2–6 Spotfarben (Pantone)
- Format: meist 45 × 60 cm oder 50 × 70 cm
- Papier: Schweres Papier, 200–300 g/m², oft strukturiert oder gefärbt
- Signiert und nummeriert (erhöht Sammlerwert)
Digitaler Workflow für ein Konzertplakat
- Konzept skizzieren (Musik hören, Genre-Referenzen sammeln)
- In Illustrator: Vektorzeichnung oder Scan von Handzeichnung
- Farbseparierung: Jede Farbe auf eigener Ebene (für Siebdruck: jede Ebene = ein Druckgang)
- Simuierte Darstellung: Farben als Pantone-Farben einstellen, Ebenen einzeln ein/ausblenden
- Druckdatei: Separate PDFs pro Farbe (oder Zusammenstellung für Siebdruckbelichtung)
Vergleich & Abgrenzung
Konzertplakat vs. Tourposter: Ein Tourposter ist für alle Konzerte einer Tour identisch (nur Datum/Ort variabel), oft industriell gedruckt. Ein Konzertplakat (Gig Poster) ist für ein einzelnes Konzert individuell gestaltet und handgedruckt.
Konzertplakat vs. Festivalplakat: Festivalplakate kommunizieren mehrere Acts und Termine, folgen stärker einem Event-Branding und sind meist im Offsetdruck produziert.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie viel kostet ein hochwertiges Gig Poster zu produzieren? Bei einer Auflage von 100 Stück, 4 Siebdruckfarben auf 250 g/m²-Papier: ca. 300–600 Euro Druckkosten (je nach Druckerei). Pro Stück also 3–6 Euro Druckkosten. Verkauft für 20–40 Euro an Konzertbesuchende ergibt sich eine attraktive Marge, sofern die Nachfrage stimmt.
Können Konzertplakate ohne Auftrag der Bands gedruckt werden? Nein. Das Drucken und Verkaufen von Plakaten mit Bandnamen, Logos und Konzertinfos ohne Lizenz der Rechtinhaber ist Urheberrechtsverletzung. Die meisten professionellen Gig-Poster-Künstler:innen haben Verträge mit dem Management der Bands oder den Veranstaltern.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
- Grushkin, Paul: The Art of Rock: Posters from Presley to Punk. New York: Abbeville Press, 1987.
- Moscoso, Victor: Sex, Rock & Roll: The Art of Victor Moscoso. Seattle: Fantagraphics, 2006.
- Fairey, Shepard / Gastman, Roger (Hrsg.): Art of Modern Rock: The Poster Explosion. San Francisco: Chronicle Books, 2004.
