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Das Kulturplakat ist ein Plakat für Veranstaltungen und Institutionen des Kultur- und Bildungsbereichs – Theater, Oper, Konzert, Ausstellung, Museum – und gilt als eine der anspruchsvollsten und kreativfreiesten Gattungen der Plakatgestaltung.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger

Synonyme / Auch bekannt als: Theaterplakat, Ausstellungsplakat, Museumsplakat, Konzertplakat (verwandt)


Was ist ein Kulturplakat?

Das Kulturplakat hat im Vergleich zu Werbeplakaten für Konsumprodukte eine besondere Position in der Plakatgeschichte: Es erlaubt und fordert einen höheren Grad an gestalterischer Freiheit, metaphorischer Bildsprache und künstlerischer Eigensinnigkeit. Da Kulturinstitutionen (Theater, Museen, Philharmonien) als Auftraggeber selbst Teil der Kunstwelt sind, entstanden hier oft die avantgardistischsten Plakatgestaltungen.

Kulturplakate sind der Hauptbeitrag der Schweizer Grafik (Armin Hofmann, Josef Müller-Brockmann), der polnischen Plakatschule (Henryk Tomaszewski, Waldemar Swierzy) und vieler prominenter Designer:innen zur Plakatgeschichte. Sie sind in Museen und Sammlungen weltweit vertreten.


Erklärung

Gestaltungsmerkmale des Kulturplakats

Im Vergleich zum Werbeplakat erlaubt das Kulturplakat eine stärkere Mehrdeutigkeit: Ein Theaterplakat muss nicht das Stück erklären, sondern eine Stimmung, einen Aspekt oder eine Frage aufwerfen, die dem Publikum Vorfreude und Interesse erzeugt. Diese Offenheit macht das Kulturplakat zur Domäne metaphorischer, surrealer und symbolischer Bildsprache.

Typische Gestaltungsmerkmale:

  • Reduktion auf ein starkes Zentralbild (Objekt, Figur, Geste)
  • Metaphorische Übertragung: Das Bild repräsentiert das Werk, nicht illustriert es
  • Typografische Strenge: Datum, Ort, Titel in klarer Hierarchie
  • Handschriftlichkeit oder malerischer Duktus (besonders im polnischen Plakat)
  • Chromatische Intensität: Starke Farbkontraste oder bewusste Monochromie

Die Schweizer Schule des Kulturplakats

Die Kunstgewerbeschule Zürich und die Schule für Gestaltung Basel produzierten Generationen von Grafikern, die vor allem für Kulturkunden arbeiteten. Armin Hofmanns Theaterplakate für das Stadttheater Basel (1950er–1970er) sind die Paradebeispiele: Extreme Schwarzweißfotografie, grafisch reduziert bis an die Grenze der Abstraktion, kombiniert mit klassischer serifenloser Typografie.

Josef Müller-Brockmanns Musica-Viva-Serie und seine Ausstellungsplakate für das Kunstgewerbemuseum Zürich zeigen den rationalen Pol des Schweizer Kulturplakats: Geometrische Abstraktion, Rastersystem, Primärfarben.

Die Polnische Plakatschule

Parallel zu den Schweizer Rationalisten entwickelte sich in Polen eine der eigenständigsten nationalen Plakattraditionen des 20. Jahrhunderts. Die Polnische Plakatschule (ab den 1950er Jahren) zeichnet sich aus durch:

  • Malerisch-surreale Bildwelten: Kombinationen aus Fotografie, Illustration und Collage, die traumhaft-expressiv sind
  • Literarische Metapbern: Bildmotive, die Bedeutungsebenen eines literarischen Werkes visualisieren, nicht seine Handlung
  • Meisterhafte Handzeichnung: Oft direkte Pinsel- oder Tuschezeichnung als Basis
  • Humor und Melancholie: Im Gegensatz zur Sachlichkeit des Swiss Style

Schlüsselfiguren: Henryk Tomaszewski (1914–2005), Waldemar Swierzy (1931–2013), Roman Cieslewicz (1930–1996), Jan Lenica (1928–2001). Das Plakatmuseum in Wilanów (Warschau), 1966 gegründet, ist das weltweit erste Museum ausschließlich für Plakatkunst.

Kulturplakate im deutschsprachigen Raum

Neben der Schweizer Schule gab es bedeutende Kulturplakate aus Deutschland und Österreich:

  • Das Burgtheater Wien und die Wiener Festwochen haben über Jahrzehnte namhafte Gestalter:innen beauftragt.
  • Das documenta-Plakat (seit 1955) ist ein kuratorisches Projekt für sich: Jede Ausgabe beauftragt ein eigenständiges visuelles Erscheinungsbild.
  • Die Berliner Philharmoniker nutzten ab den 1960er Jahren konsequent sachliche, typografisch hervorragende Saisonplakate.

Beispiele (5 konkrete Plakate mit Designer:in und Jahr)

  1. Armin Hofmann – „Giselle" Stadttheater Basel (1959): Schwarzweißfotografie einer Balletttänzerin in extremem Hell-Dunkel-Kontrast, fast abstrahiert zu einer grafischen Form. Weiße serifenlose Typografie im unteren Drittel. Dieses Plakat gilt als Inbegriff des reduzierten Kulturplakats.
  2. Henryk Tomaszewski – „Hamlet" (Teatr Polski, 1956): Collage-Plakat mit fragmentierten Bildteilen, die keine illustrative Hamlet-Darstellung geben, sondern assoziative Spannung erzeugen. Tomaszewskis Interpretation eines Theaterstücks als eigenständiges visuelles Kunstwerk.
  3. Waldemar Swierzy – „Jimi Hendrix" (1974): Obwohl technisch ein Konzert/Musik-Plakat, ist Swierzys Hendrix-Bild eines der ikonischsten Kulturplakate des 20. Jahrhunderts: expressionistische Malerei, leuchtende Farben, direkter Blick – Hendrix als Gestalt des Mythos.
  4. Roman Cieslewicz – „Kafka" (Paris, ca. 1975): Schwarzweißfotomontage mit surreal verzerrtem Porträt als Buchplakat/Ausstellungshinweis. Cieslewicz, der 1963 aus Polen nach Paris emigrierte, verbindet polnische Expressivität mit französischem Intellektualismus.
  5. Josef Müller-Brockmann – „Beethovens 5. Sinfonie" / Musica Viva (1955): Geometrische Kreisbogen-Komposition als Visualisierung musikalischer Strukturen. Zwei Farben (Schwarz, Rot), klare Rastertypografie, kein figuratives Bild. Das Plakat erklärt die Musik nicht, sondern schafft eine formale Analogie zu ihr.

In der Praxis

Gestaltungsansatz für ein Kulturplakat

Konzeptarbeit (Phase 1):

  • Inhalt des beworbenen Werkes recherchieren (Lektüre, Anhören, Besuch der Generalprobe)
  • Kernaussage oder zentrale Metapher identifizieren: Was ist die eine Idee, die das Stück/die Ausstellung ausmacht?
  • Drei bis fünf konzeptionelle Bildideen skizzieren, keine Übernahme von Illustrationen aus dem Werk selbst

Bildentwicklung (Phase 2):

  • Fotoshooting oder Illustration beauftragen/selbst erstellen
  • Konzeptuelle Fotomontage: eigene Fotos + Archivmaterial
  • Reduktion: Ein Bild, nicht drei

Typografische Umsetzung (Phase 3):

  • Pflichtangaben: Titel, Ort, Datum, Zeit, Einlass/Einführung, Kartenverkauf
  • Hierarchie: Titel > Datum/Ort > Details
  • Schriftgröße: Titel mind. 10% der Plakathöhe

Pflichtangaben auf einem Kulturplakat

ElementGrößePosition
Veranstaltungstitelgroß, dominantoberes/mittleres Drittel
Datum und Uhrzeitmittelunteres Drittel
Veranstaltungsortmittelneben Datum
TicketinformationkleinFuß
Logos/SponsorenkleinFuß

Vergleich & Abgrenzung

Kulturplakat vs. Werbeplakat: Das Werbeplakat folgt strenger Markenkommunikation (Logo-Platzierung, Claim, Keyvisual). Das Kulturplakat hat mehr gestalterische Freiheit, aber oft komplexere Informationsstruktur (Spielplan, mehrere Daten).

Kulturplakat vs. Konzertplakat: Überschneidend, aber das Konzertplakat (besonders Rockkonzert) hat eigene ikonografische Traditionen (Psychedelic, Metal-Ästhetik) und ist häufig kommerzieller.


Häufige Fragen (FAQ)

Warum haben Kultureinrichtungen oft so freie Plakatgestaltungen beauftragt? Kulturinstitutionen verstehen sich als Teil der Kunstwelt und sehen das Plakat als Extension ihrer kuratorischen oder theatralischen Arbeit. Ein Plakat, das das Publikum fordert, entspricht dem Selbstverständnis einer Avantgarde-Institution besser als ein illustratives Produktbild. Dazu kommt: Kulturplakate werden gesammelt, ausgestellt und als Kunstwerke betrachtet – ein Marketingvorteil, den clevere Kulturdirektoren nutzen.

Gibt es Kulturplakat-Wettbewerbe? Ja. Der Festival International de l'Affiche et du Graphisme de Chaumont (Frankreich) ist der weltweit wichtigste Plakatwettbewerb mit starker Kulturplakat-Sektion. Der ADC (Art Directors Club) und die Warsaw International Poster Biennale zeichnen ebenfalls Kulturplakate aus.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
  • Hollis, Richard: Swiss Graphic Design. London: Laurence King, 2006.
  • Bojko, Szymon: New Graphic Design in Revolutionary Russia. London: Lund Humphries, 1972.
  • Müller-Brockmann, Josef / Müller-Brockmann, Shizuko: History of the Poster. Zürich: ABC Edition, 1971.
  • Plakatmuseum Wilanów: 100 Years of Polish Poster Art. Warschau: Muzeum Plakatu, 2000.
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