Das Plakat ist ein flächiges, öffentlich ausgehängtes Informations- oder Werbemittel, dessen Geschichte von den frühen Druckerzeugnissen des 15. Jahrhunderts bis zu heutigen digitalen Bildschirmen an Haltestellen und Fassaden reicht.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger
Synonyme / Auch bekannt als: Poster (engl.), Affiches (frz.), Anschlagzettel, Aushang, Wandbild
Was ist ein Plakat?
Ein Plakat ist ein meist großformatiges, zweidimensionales Druckwerk oder Schauobjekt, das im öffentlichen Raum oder halböffentlichen Umgebungen ausgehängt oder angebracht wird, um Informationen zu verbreiten, Werbung zu betreiben oder politische und künstlerische Botschaften zu kommunizieren. Als Massenmedium verknüpft das Plakat visuelle Gestaltung mit unmittelbarer öffentlicher Wirkung: Es richtet sich an eine anonyme, heterogene Zielgruppe und muss seine Botschaft in Sekunden vermitteln.
Die Geschichte des Plakats ist zugleich eine Geschichte der Drucktechnik, der Massenkultur und der Kommunikation zwischen Staat, Wirtschaft und Gesellschaft. Kein anderes Medium hat die Straße in vergleichbarer Weise als Ausstellungsraum genutzt.
Erklärung
Vorgeschichte: Anschläge vor der Lithografie (15.–18. Jh.)
Bevor der Begriff „Plakat" gebräuchlich wurde, existierten Ankündigungszettel, Ediktsaushänge und Flugblätter. Im 15. Jahrhundert ermöglichte Gutenbergs Druckerpresse die Massenproduktion von Einblattdrucken. Obrigkeitliche Bekanntmachungen – Gesetze, Verordnungen, Hinrichtungsankündigungen – wurden an Kirchentüren und Stadtmauern genagelt. Kaufleute nutzten Holzschnitt-Anzeigen für Jahrmärkte und Schaustellungen. Diese frühen Formen erfüllten bereits das Kernprinzip des späteren Plakats: öffentliche Sichtbarkeit + knappe Information.
Entscheidend war jedoch das Fehlen einer Bildsprache. Wort dominierte Bild. Erst die Entwicklung des Kupferstichs und später der Lithografie änderte dieses Verhältnis grundlegend.
Die Erfindung der Lithografie und das moderne Plakat (1798–1870)
1798 erfand Alois Senefelder in München die Lithografie (Steindruck). Das neue Verfahren erlaubte erstmals die reproduzierbare Verbindung von Text und freier Zeichnung in hoher Auflage und – ab den 1830er Jahren – in Farbe (Chromolithografie). Die Grundvoraussetzung für das moderne Plakat war damit geschaffen.
Jules Chéret, ein französischer Zeichner und Drucker, nutzte diese Möglichkeit systematisch. Nach einem Studienaufenthalt in London gründete er 1866 in Paris eine eigene lithografische Werkstatt und begann, großformatige, farbenfrohe Werbeplakate zu produzieren, die sich deutlich vom bisherigen Schriftsatz absetzten. Seine Plakate für Varietés, Bälle und Konsumgüter zeigten leichtbeschwingte Frauenfiguren – die sogenannten Chérettes – in dynamischer Bewegung und zeichneten sich durch helle Farben, ornamentale Schriften und einen spielerischen Gestus aus. Chéret gilt als Erfinder des modernen Werbeplakats.
Die Belle Époque: Plakat als Kunstgattung (1870–1905)
In den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts erlebte das Plakat in Frankreich, England, Deutschland und den USA eine Blüte, die es aus dem Status eines bloßen Informationsmittels herausholte und zu einer anerkannten Kunstform erhob. Sammler begannen, Plakate wie Druckgrafiken zu erwerben. Fachzeitschriften wie „The Poster" (London 1898) entstanden.
Zentral für diese Entwicklung waren die Künstler des Art Nouveau (französisch) bzw. Jugendstils (deutsch): Henri de Toulouse-Lautrec schuf zwischen 1891 und 1901 rund 30 Plakate, darunter die bahnbrechende Serie für das Moulin Rouge. Alphonse Mucha entwickelte ab 1894 in Paris seinen unverwechselbaren Stil ornamentaler Frauenporträts. Theophile Steinlen und Eugène Grasset trugen weitere Impulse bei. Das Plakat dieser Epoche zeichnet sich durch kurvilineare Formen, Flächigkeit (beeinflusst durch den japanischen Holzschnitt), ornamentale Schriften und eine symbolisch aufgeladene Bildsprache aus.
In Deutschland und Österreich entfaltete sich parallel der Jugendstil mit Gestaltern wie Peter Behrens, Franz von Stuck (München) und Gustav Klimt (Wien). Das Vereinfachungsgebot des Berliner „Sachplakats" – von Lucian Bernhard ab 1905 formuliert – leitete bereits die nächste Phase ein.
Sachplakat und moderne Werbung (1905–1920)
Lucian Bernhards Plakat für Priester-Streichhölzer (1906) gilt als Gründungsmoment des Sachplakats: ein Objekt, ein Schriftzug, ein Farbhintergrund – alles Dekorative weggelassen. Diese radikale Reduktion antizipierte modernistische Gestaltungsprinzipien und prägte die deutsche Werbeästhetik nachhaltig. Ludwig Hohlwein in München entwickelte eine ähnlich kräftige, flächige Bildsprache mit starken Konturen und harmonischen Farbflächen.
Gleichzeitig begann die Plakathalterwirtschaft, sich zu professionalisieren: Litfaßsäulen (erfunden von Ernst Litfaß, Berlin 1855) prägten das Stadtbild. Anschlagflächen wurden kommerziell vermietet. Das Plakat wurde zur Infrastruktur moderner Städte.
Erstes Weltkrieg: Propaganda im Großformat (1914–1918)
Der Erste Weltkrieg transformierte das Plakat zum Instrument staatlicher Massenkommunikation. Alle kriegführenden Nationen investierten massiv in Plakatkampagnen zur Rekrutierung, Anleihenzeichnung und Feindbildproduktion. In den USA entstand das ikonografisch folgenreichste Rekrutierungsplakat: James Montgomery Flaggs „I Want YOU for U.S. Army" (1917) mit Uncle Sam als Zeigefinger-Figur. In Großbritannien wirkte Alfred Leetes Kitchener-Plakat ähnlich archetype. In Deutschland entwarf Louis Oppenheim Kriegsanleihe-Plakate mit expressiver Typografie und drastischen Bildmotiven. Diese Phase legte die Grundlage für die systematische Propaganda-Ästhetik des 20. Jahrhunderts.
Zwischenkriegszeit: Avantgarden und ihre Plakate (1918–1939)
Die 1920er Jahre waren die produktivste Dekade der Plakatgeschichte. Zwei konkurrierende Avantgarden prägten die Ästhetik:
- Konstruktivismus (Russland, De Stijl): Alexander Rodtschenko, El Lissitzky und die ROSTA-Fenster in der Sowjetunion; Theo van Doesburg und die Neoplastik in den Niederlanden. Geometrische Formen, Primärfarben, Diagonaldynamik.
- Bauhaus (Deutschland): Herbert Bayer, Joost Schmidt und László Moholy-Nagy entwickelten an der Dessauer Schule eine Plakatsprache aus Typo-Fotomontage und klarer Hierarchie.
In der Schweiz entwickelte sich aus diesen Einflüssen der „Internationale Typografische Stil" (Swiss Style), der die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts dominieren sollte.
Zweiter Weltkrieg: Propaganda-Apogäum (1939–1945)
Nationalsozialismus, Faschismus und sowjetischer Stalinismus trieben die Propagandaästhetik zu einem Höhepunkt der Manipulation. Plakate dienten zur Dehumanisierung politischer Gegner, zur Kriegsbegeisterung und zur Durchsetzung politischer Ideologien. Die Alliierten antworteten mit eigenen Kampagnen – darunter Rosie the Riveter (Norman Rockwell/J. Howard Miller, 1943) in den USA.
Nach 1945 war das Propagandaplakat in Westdeutschland und anderen demokratischen Gesellschaften diskreditiert. Die kritische Auseinandersetzung mit Manipulation durch Bild und Text wurde zum Gegenstand von Ausstellungen und akademischer Forschung.
Die Nachkriegszeit und der Swiss International Style (1945–1970)
Die Schweizer Grafiker Josef Müller-Brockmann, Armin Hofmann und Emil Ruder prägten in den 1950er und 1960er Jahren das Bild eines rationalen, auf Raster und Sachlichkeit basierenden Plakatstils. Die Helvetica (1957) und Univers (1957) wurden zu Leitschriften einer neuen Plakatästhetik. Das Kulturplakat – besonders für Konzerte und Ausstellungen – wurde zur wichtigsten Gattung.
In Polen entstanden mit dem sogenannten Polnischen Plakat (Henryk Tomaszewski, Waldemar Swierzy u. a.) eine der originellsten nationalen Schulen: surreale, malerische, oft metaphernreiche Bilder kontrastierten mit den westlichen Rationalisierungstendenzen.
Protest und Psychedelia (1960er und 1970er Jahre)
1968 erlebte das politische Plakat eine Renaissance: In Paris entstanden in den besetzten Druckereien der École des Beaux-Arts Siebdruckplakate, die bis heute zu den ikonischsten der Plakatgeschichte gehören. Plakate wurden zum Instrument sozialer Bewegungen – Bürgerrechtsbewegung (USA), Anti-Vietnam-Protest, Feminismus.
In San Francisco entwickelte sich die psychedelische Plakatkultur für Rockkonzerte (Fillmore Auditorium, Avalon Ballroom): Victor Moscoso, Wes Wilson und Rick Griffin schufen ornamentale, farbintensive Poster, die bewusst mit Lesbarkeit spielten. Das Konzertplakat wurde zur Sammlergattung.
Postmoderne und digitale Revolution (1980er–2000er)
Wolfgang Weingart in Basel sprengte in den 1970er und 1980er Jahren die Regeln des Swiss Style und leitete die postmoderne Plakatgestaltung ein: Überladung, Schichtung, Collage. April Greiman (Los Angeles) integrierte als erste Designerin konsequent den Apple Macintosh in ihre Plakatarbeit (1986). In den 1990er Jahren ermöglichten Desktop-Publishing-Programme wie Adobe Illustrator und Photoshop eine Demokratisierung der Plakatgestaltung.
Heute: Digitale Plakate und neue Hybridformen
Das 21. Jahrhundert kennt das Plakat in einer Vielzahl neuer Erscheinungsformen: Digital-Out-of-Home (DOOH) mit interaktiven Bildschirmen, Social-Media-Poster als quadratische JPEGs, animierte GIF-Plakate und augmented-reality-fähige Print-Plakate. Zugleich erlebt der Siebdruck als handwerkliches Verfahren eine Wiedergeburt in der Indie-Musik- und Street-Art-Szene.
Beispiele (5 Schlüsselwerke mit Designer:in und Jahr)
- Jules Chéret – „Bal au Moulin Rouge" (1889): Chromolithografisches Plakat, das die Verbindung von Tanz, Vergnügen und kräftiger Farbigkeit für ein Pariser Varietétheater kommuniziert. Chérets charakteristische schwebende Figuren und das leuchtende Orangerot gelten als Geburtsstunde des modernen Werbeplakats.
- Henri de Toulouse-Lautrec – „Moulin Rouge – La Goulue" (1891): Lithografie, 170 × 118 cm. Flächige Scherenschnitt-Silhouetten im Vordergrund, zentrales Tänzerinnenprofil, japanisch beeinflusste Komposition. Erste Arbeit in der Konzertserie, die Lautrecs Ruhm als Plakatgestalter begründete.
- Lucian Bernhard – „Priester Matches" (1906): Sachplakat, das mit zwei Streichhölzern und dem Firmennamen auskommt. Bernhards Reduktion auf Objekt und Schriftzug ohne Hintergrundillustration revolutionierte die deutsche Werbegrafik.
- Herbert Bayer – „Bauhaus Ausstellung Weimar 1923": Typo-grafisches Plakat mit geometrischer Kreiskomposition und der Bauhaus-Grotesk als Schrift. Verbindet konstruktivistische Formensprache mit dem Informationsbedürfnis einer Ausstellungsankündigung.
- Josef Müller-Brockmann – „Musica Viva" (1954): Konzertplakat für die Veranstaltungsreihe des Bayerischen Rundfunks, Rasterkomposition mit rhythmischen Kreisbögen, zweifarbig in Schwarz-Rot. Paradebeispiel des Swiss International Style.
In der Praxis
Gestaltungsprozess historischer Plakate
Die handwerkliche Herstellung von Plakaten war bis ins 20. Jahrhundert ein aufwendiges Verfahren: Lithografiekünstler übertrugen Zeichnungen spiegelverkehrt auf Kalkstein; Chromolithografie erforderte für jede Farbe einen separaten Stein und passgenaues Drucken (Register). Die Zusammenarbeit zwischen Künstler:in und Drucker:in war eng und prägend.
Heute entstehen Plakate in der Regel mit vektoriellen Grafikprogrammen (Adobe Illustrator, Affinity Designer) und werden als PDF/X-4 an Druckereien übergeben. Die handwerkliche Tradition lebt im Siebdruck und im Letterpress-Revival weiter.
Formate und Normen
Standardformate in Deutschland: A0 (841 × 1189 mm), A1 (594 × 841 mm), A2 (420 × 594 mm). Großfläche (18/1): 3560 × 2520 mm. City-Light-Poster: 1185 × 1750 mm. Für DOOH gelten spezifische Pixelspezifikationen je nach Displayhersteller.
Software-Empfehlungen
- Vektorarbeit: Adobe Illustrator, Affinity Designer
- Bildbearbeitung: Adobe Photoshop
- Typografie: FontExplorer, Adobe Fonts
- Layout-Kontrolle: Adobe Acrobat (Preflight für Druckvorstufe)
Vergleich & Abgrenzung
Das Flugblatt (DIN A5–A4) ist kleiner und häufig einseitig bedruckt; es zielt auf persönliche Weitergabe, nicht öffentlichen Aushang. Das Banner (Werbebanner online oder physischer Stoff-Rollup) teilt mit dem Plakat die Einwegkommunikation, unterscheidet sich aber durch Material und Kontext. Das Broadside (engl. Einblattdruck) ist der historische Vorläufer des Plakats, dominiert durch Text ohne gestalterischen Anspruch.
Häufige Fragen (FAQ)
Wann wurde das erste „echte" Plakat gedruckt? Der Begriff ist eine Konvention. Historiker setzen die Geburtsstunde des modernen Plakats häufig mit Jules Chérets Werkstattgründung 1866 in Paris an, da erst er die Chromolithografie systematisch für großformatige, bildgeprägte Werbung nutzte. Funktionale Vorläufer (Ediktszettel, Marktankündigungen) existieren seit dem 15. Jahrhundert.
Hat das Plakat in der digitalen Ära noch eine Zukunft? Ja – aus mehreren Gründen: Das physische Plakat hat eine kontextuelle Präsenz, die digitale Werbung nicht ersetzen kann. Gleichzeitig erlebt das Poster als Sammlerobjekt, Wohnraumdekoration und kulturelles Artefakt eine Renaissance. DOOH-Screens erweitern das Konzept in die digitale Sphäre, ohne die Grundlogik – öffentliche Aufmerksamkeit durch visuelle Gestaltung – aufzugeben.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
- Hollis, Richard: Graphic Design: A Concise History. London: Thames & Hudson, 2001.
- Weill, Alain: Graphic Design: A History. New York: Abrams, 2004.
- Barnicoat, John: A Concise History of Posters. London: Thames & Hudson, 1972.
- Museum für Gestaltung Zürich (Hrsg.): 100 Jahre Schweizer Grafik. Zürich: Lars Müller Publishers, 2014.
