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Das Siebdruck-Plakat ist ein durch das Siebdruckverfahren (Screenprinting) handgedrucktes Plakat, das sich durch intensive, opake Farben, haptische Papierqualität und häufig limitierte Auflage auszeichnet und im Kontext von Gig-Postern, Street Art und Fine Art gleichzeitig existiert.

Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger

Synonyme / Auch bekannt als: Screenprint, Serigraphy, Siebdruck, Handsiebdruck, Textilsiebdruck (verwandtes Verfahren)


Was ist ein Siebdruck-Plakat?

Siebdruck (englisch: Screen Printing oder Screenprint) ist ein Druckverfahren, bei dem Farbe durch ein mit Fotoemulsion beschichtetes Gewebe (das „Sieb") auf den Druckträger gedrückt wird. Bereiche, die nicht gedruckt werden sollen, sind durch die gehärtete Emulsion abgedeckt; die unbedeckten Bereiche erlauben den Farbdurchgang.

Das Verfahren erlaubt intensiv deckende Farben auf nahezu jedem Material (Papier, Karton, Textil, Holz, Glas), ist aber aufwändig in der Vorbereitung und daher für kleine bis mittlere Auflagen (10–1000 Stück) besser geeignet als für Massenproduktion. Für das Plakatdesign bedeutet das: Siebdruckplakate sind häufig limitiert, signiert, nummeriert und damit Sammlerobjekte.


Erklärung

Technischer Prozess

Schritt 1: Druckvorbereitung (Separation) Das Motiv wird in separate Farbebenen aufgeteilt: Jede Farbe benötigt ein eigenes Sieb. Für ein 4-Farb-Plakat braucht man 4 Siebe, 4 Druckgänge.

Die Druckvorbereitung erfolgt in der Regel digital: In Adobe Illustrator werden die Ebenen getrennt; für den Druck wird jede Farbe als Spot Color (Sonderfarbe) behandelt, nicht als CMYK-Prozessfarbe.

Schritt 2: Filmbelichtung / Direktbelichtung Das Sieb (Spannrahmen mit Polyester- oder Nylongewebe) wird mit lichtempfindlicher Fotoemulsion beschichtet und getrocknet. Dann wird das Motiv (als Film-Positiv oder per direktem Belichter) auf das Sieb belichtet: UV-Licht härtet die Emulsion in den hellen Bereichen aus; die dunklen Bereiche (das Motiv) werden mit Wasser ausgewaschen und bilden die offenen, druckfähigen Stellen.

Schritt 3: Druck Das Sieb wird auf der Druckunterlage (Drucktisch oder -karussell) positioniert. Farbe wird auf das Sieb aufgetragen und mit einem Rakel (Gummi- oder Polyurethanklinge) durch das Gewebe gezogen. Das Papier nimmt die Farbe an den offenen Stellen auf.

Bei Mehrfarbdruck wird nach jedem Druckgang getrocknet (je nach Farbe: Lufttrocknung oder Wärmeofen) und das nächste Sieb exakt auf Passung (Register) gesetzt. Fehlpassen (Missregister) sind das häufigste technische Problem beim Mehrfarbsiebdruck.

Schritt 4: Nachbehandlung Nach dem letzten Druckgang: vollständige Trocknung, Qualitätskontrolle (Fehldrucke aussondern), ggf. Signierung und Nummerierung.

Farben im Siebdruck

Siebdruckfarben sind entweder:

  • Wasserbasis (Waterbased): Umweltfreundlicher, weniger opak, beliebt für Textil und feine Grafikeffekte
  • Plastisol: Polymer-Farben auf PVC-Basis, hochopak, nicht wasserlöslich, nach dem Druck wärmegehärtet. Standard im Textilsiebdruck.
  • Solvenbasis: Für Spezialanwendungen (Glas, Metall)

Für Kunstdrucke (Fine Art Screenprints) werden oft wasserbasierte oder UV-härtende Siebdruckfarben verwendet, die archivfeste Qualität (acid-free) bieten.

Pantone-System: Im Gig-Poster-Bereich werden Farben fast immer in Pantone-Referenzen kommuniziert: „PMS 485" für ein bestimmtes Rot, „PMS 300" für ein bestimmtes Blau. Das stellt sicher, dass Designer:in und Drucker:in dieselbe Farbe meinen.

Das Siebdruck-Revival

Siebdruck erlebte ab den 1990er Jahren ein Revival im Kontext der Gig-Poster-Bewegung (vgl. Eintrag Konzertplakat). Heute gibt es eine weltweite Community von Siebdruckkünstler:innen und -studios, die für Bands, Ausstellungen und als eigenständige Kunstdrucke produzieren.

DIY-Siebdruck: Mit einem Kit (Sieb, Emulsion, Rakel, Farbe) für ca. 100–200 Euro ist ein einfacher Heimsiebdruck möglich. YouTube-Tutorials machen den Einstieg zugänglich.

Professionelle Studios: Für qualitativ hochwertige Mehrfarbplakate (5+ Farben) sind spezialisierte Siebdruckstudios zu empfehlen. In Deutschland: Druckatelier München, Plattenwerk Berlin u. a.

Fine Art Screenprint

Im Fine Art-Kontext ist Siebdruck (dort oft „Serigrafie" genannt) eine eigenständige Druckgrafiktechnik mit langer Geschichte. Andy Warhol (Marilyn, Campbell's Soup, 1962–1964) nutzte Siebdruck für seine Massenreplikation von Ikonen. Roy Lichtenstein, Robert Rauschenberg und viele andere Pop-Art-Künstler arbeiteten mit Siebdruck. Die Unterscheidung zwischen „Fine Art Screenprint" und „Werbeplakat-Siebdruck" ist technisch minimal, kulturell jedoch bedeutsam.


Beispiele (5 konkrete Plakate/Werke mit Designer:in und Jahr)

  1. Andy Warhol – „Marilyn" (1967): Serielle Siebdrucke des Marilyn-Monroe-Porträts in verschiedenen Farbvarianten. Warhols Siebdrucke sind das bekannteste Beispiel für die Verwendung des Verfahrens als künstlerisches Statement über Reproduktion und Massenkultur.
  2. Emek – „Radiohead / Morning Becomes Eclectic" (1997): Frühes Gig-Poster des israelisch-amerikanischen Künstlers Emek für ein Radiohead-Konzert. Detailreiche Illustration in 3–4 Siebdruckfarben auf strukturiertem Papier. Emek ist einer der renommiertesten Gig-Poster-Künstler der Gegenwart.
  3. Aesthetic Apparatus – Diverse Gig Poster (ab 2000): Das Minneapolis-Studio von Michael Byzewski und Dan Black produziert seit Jahrzehnten limitierte Siebdruckplakate für Acts wie Wilco, Radiohead und Modest Mouse. Ihr Stil (surreale Bildwelten, intensive Farben, handwerkliche Perfektion) ist exemplarisch für modernen Fine-Art-Gig-Poster.
  4. DKNG Studios – „Pearl Jam / Chicago" (2013): Geometrisch-abstraktes Siebdruckplakat in 5 Farben für eine Pearl-Jam-Show. Dan Stiles und Nathan Dobbins setzen auf geometrische Muster und intensive Pantone-Farben.
  5. Atelier Populaire – „La Police S'affiche à l'Elysée" (Paris, 1968): Schwarzweißes Siebdruckplakat der Studentenbewegung, in der besetzten Druckerei der École des Beaux-Arts hergestellt. Zeigt Siebdruck als politisches Werkzeug unter Zeitdruck.

In der Praxis

Workflow für ein eigenes Siebdruck-Plakat

Design-Vorbereitung in Illustrator:

  1. Dokument im Zielformat (z. B. 50 × 70 cm) anlegen
  2. Jede Farbe auf einer eigenen Ebene erstellen: Ebene 1 = Farbe 1 (z. B. Gelb), Ebene 2 = Farbe 2 (z. B. Rot) etc.
  3. Keine Verläufe (ausser über Halftone-Raster gelöst); nur Volltonfarben
  4. Überdrucken simulieren: Wo zwei Farben übereinander gedruckt werden, entsteht eine Mischfarbe (z. B. Gelb + Blau = Grün) – diesen Effekt einkalkulieren oder vermeiden
  5. Exportieren: Für jede Farbe ein separates PDF (nur die jeweilige Ebene sichtbar)

Empfehlungen für Einsteiger:

  • Mit 1–2 Farben beginnen; jede zusätzliche Farbe erhöht Register-Aufwand exponentiell
  • Schriften bei manuellen Sieben mind. 12 pt (dünnere Linien können beim Waschen ausbrechen)
  • Test-Print auf Zeitungspapier machen, bevor das teure Druckpapier verwendet wird

Material-Empfehlungen

MaterialEmpfehlung
Papier200–300 g/m², ungestrichen, säurefrei (für Fine Art: Büttenkarton)
Sieb120–160 mesh/inch für Grafik (feineres Gewebe = feinere Details)
EmulsionDiazo-Emulsion oder Dual-Cure für Acrylfarben
FarbeSpeedball Waterbased (Einsteiger), Matsui Waterbased (Professional), Permaset (Fine Art)
Rakel70–75 Shore Gummi für Grafik

Vergleich & Abgrenzung

Siebdruck vs. Offsetdruck: Offsetdruck ist günstiger für große Auflagen (ab ca. 500 Stück), aber weniger intensiv in den Farben und keine Einzelanfertigung. Siebdruck ist teurer bei kleinen Auflagen, dafür mit intensiveren Farben, haptischer Qualität und Sammlerwert.

Siebdruck vs. Digitaldruck: Digitaldruck (Tintenstrahldruck, Laserdruck) ist flexibel und kostengünstig für Einzelstücke, aber produziert nicht die opake Farbtiefe des Siebdrucks. Für Gig Poster ist der digitale „Look" klar erkennbar und gilt als minderwertig.


Häufige Fragen (FAQ)

Wie erkenne ich ein Original-Siebdruckplakat? Physische Indikatoren: haptisch spürbare Farbschicht (die Farbe liegt auf, nicht im Papier), sichtbare Passerungenauigkeiten bei Betrachtung mit Lupe, manchmal sichtbares Gewebemuster bei Fehldruck-Bereichen, handgeschriebene Nummerierung und Signatur.

Lohnt sich eigener Siebdruck oder sollte man ein Studio beauftragen? Für einen einzelnen Privatdruck: Eigener Siebdruck kann sich lohnen und ist lehrreich. Für professionelle Qualität bei Mehrfarbdrucken oder wenn die Auflage über 50 Stück liegt: Ein professionelles Studio ist effizienter. Die Rüstkosten (Belichten, Setup) verteilen sich bei größeren Auflagen besser.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
  • Haller, Martin: Siebdruck: Grundlagen, Materialien, Techniken. München: Callwey, 2009.
  • Fairey, Shepard / Gastman, Roger: Art of Modern Rock: The Poster Explosion. San Francisco: Chronicle Books, 2004.
  • Bose, Christine / Cate, Philip Dennis (Hrsg.): A Broad Spectrum: Studies in the History of Poster Making. London: Lund Humphries, 2007.
  • Christophersen, Kai: Siebdruck im Grafik-Design. Hamburg: Verlag Hermann Schmidt, 2015.
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