Street Art im Plakatkontext bezeichnet die Praxis, Plakate – oft ohne Genehmigung – im öffentlichen Raum anzubringen, um künstlerische, politische oder subkulturelle Botschaften zu kommunizieren, und vereinigt Grafikdesign, politischen Aktivismus und Kunstmarkt in einer hybridenen Praxis.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger
Synonyme / Auch bekannt als: Paste-up (Plakatierungstechnik), Wheatpaste-Poster, Urban Art, Guerilla Marketing, Billboard Liberation
Was ist Street Art im Kontext der Plakatgestaltung?
Das Plakat und die Street Art teilen denselben Grundimpuls: den öffentlichen Raum als Kommunikationsfläche nutzen. Wo das kommerzielle Plakat dafür bezahlt, verwendet die Street Art nichtautorisierte Flächen – Hauswände, Bauzäune, Stromverteilerkästen, ja, kommerzielle Werbeflächen selbst – als Medium. Diese Praxis reicht von politischem Protest (die Pariser 68er-Plakate auf den Wänden der Universität) über subkulturelle Selbstdarstellung (Punk-Flyer an Laternenpfählen) bis zur professionellen Kunstmarkt-Praxis von Shepard Fairey und Banksy.
Street Art ist keine klar abgrenzbare Kategorie: Sie überschneidet sich mit Graffiti, Politplakat, Werbung, Kunstinstallation und Galeriekunst. Für die Plakatgestaltung interessant ist besonders der Paste-up-Zweig: gedruckte Papierplakate, die mit Kleisterpaste an Flächen angebracht werden.
Erklärung
Historische Vorläufer
Die Geschichte des nicht-autorisierten Plakatierens ist so alt wie das Plakat selbst. In Paris des 19. Jahrhunderts wurden Plakate nachts ohne Genehmigung an Häuserwände angebracht; Polizei und Hausbesitzer entfernten sie tagsüber. Diese katz-und-maus-Dynamik zwischen Plakatierenden und Obrigkeiten ist strukturell dieselbe wie bei heutiger Street Art.
Die politische Paste-up-Tradition hat ihre wichtigsten Wurzeln in:
- Mai 1968 (Paris): Studenten besetzten die École des Beaux-Arts und druckten Siebdruckplakate, die umgehend an Universitäts- und Stadtmauern klebten
- Punk-Bewegung (UK, ab 1976): Xerokopierte Flyer und Konzertankündigungen als Wandpapier
- ACT UP (USA, 1987): Politische Plakate im öffentlichen Raum als Protest-Strategie
Shepard Fairey und OBEY Giant
Shepard Fairey (*1970) ist die zentrale Figur der modernen Plakatkunst-Street-Art. 1989, als Student am Rhode Island School of Design, begann er das Bild des Ringkampf-Wrestlers André the Giant mit dem Claim „André the Giant Has a Posse" an Flächen überall in den USA anzubringen – anfangs als Sticker, dann als gedruckte Plakate.
Das Projekt entwickelte sich zur fortlaufenden Serie OBEY Giant: Faireys stilisiertes André-Gesicht wurde zu einem der ubiquitärsten Bilder des öffentlichen Raums der 1990er und 2000er Jahre. Fairey selbst erklärte die „Phenomenology of OBEY" als konzeptuell: Das Plakat habe keine spezifische politische Botschaft, sondern solle den Betrachter auf die omnipräsenten autoritären Bilder im öffentlichen Raum aufmerksam machen – indem es eines mehr hinzufügt.
Faireys Bekanntheit überstieg ihre Underground-Ursprünge mit dem „HOPE"-Plakat für Barack Obamas Präsidentschaftskampagne (2008): Ein stilisiertes Obama-Porträt in Rot, Beige und Blau mit dem Claim „HOPE". Das Plakat wurde zum ikonischsten politischen Grafikbild des 21. Jahrhunderts – und löste gleichzeitig einen komplexen Urheberrechtsstreit aus, da Fairey ein Pressefoto des Fotografen Mannie Garcia ohne Lizenz verändert hatte.
Faireys OBEY-Studio produziert heute kommerziell hochpreisige Kunstdrucke, kollaboriert mit Fashionmarken und gestaltet Plakate für politische Kampagnen – eine Karriere, die den Weg vom illegalen Straßenplakat zum legitimen Kunstmarkt mustergültig illustriert.
Banksy: Das anonyme Markenzeichen
Banksy ist ein anonymer britischer Street Artist, dessen Identität trotz jahrzehntelanger öffentlicher Wirksamkeit unbekannt geblieben ist. Seine Schablonenbilder und Installationen – oft an prominenten Orten in Städten weltweit – kombinieren humorvolle Bildmontage mit politischem Kommentar zu Kapitalismus, Krieg, Überwachung und Konsumismus.
Banksy arbeitet primär mit Schablonen (Stencils), weniger mit gedruckten Plakaten. Dennoch ist sein Werk für die Plakatgeschichte relevant: Die Reproduzierbarkeit seiner Bilder (die immer wieder als Drucke in Umlauf kommen), die Verbindung von urbanem Kontext und konzeptionellem Bild und die Frage der Authentizität (ein Banksy-Original an einer Wand versus Druck auf Papier) sind direkt plakatgeschichtliche Themen.
Banksys Selbst-Schredder-Aktion (2018, als „Girl with Balloon" kurz nach dem Auktionszuschlag bei Sotheby's automatisch zerstückelt wurde) ist die dramatischste Geste der Kunstmarkt-Kritik durch einen Street Artist.
Weitere wichtige Figuren
JR (Jean René): Französischer Street Artist, der riesige Schwarz-Weiß-Fotoplakate an Hausfassaden kleistert. Seine Projekte („Inside Out", „Women Are Heroes") kombinieren sozialen Aktivismus mit ästhetischer Intervention in globalen Ausmaßen.
Vhils (Alexandre Farto): Portugiesischer Künstler, der Porträts in Mauerputz graviert oder blast – das Gegenteil des aufgeklebten Plakats, aber strukturell verwandt.
Swoon (Caledonia Curry): US-amerikanische Künstlerin, die aufwändig handgedruckte Paste-up-Collagen anfertigt und in Städten weltweit kleistert. Ihr Werk verbindet fine art craftsmanship mit Street-Art-Distribution.
Bill Posters und die Medienkultur
Der Begriff „Bill Poster" (englisch für Plakatkleber) bezeichnet historisch die Berufsgruppe, die Plakate im öffentlichen Raum anbrachte. Die satirische Künstlerkollaboration Bill Posters (modern) kaperte AR-Technologie, um gefälschte Videos von Mark Zuckerberg auf Instagram zu plakatieren – eine neue Form der digitalen Street Art.
Beispiele (5 konkrete Plakate mit Designer:in und Jahr)
- Shepard Fairey – „André the Giant Has a Posse" (ab 1989): Der Beginn von OBEYs universaler Plakatpräsenz. Schwarz-Weiß-Stempel auf rotem Grund, minimalste Bildsprache. Faireys erste großangelegte Straßenplakatierung war zugleich Kunstprojekt, Sozialexperiment und Vorläufer des viralen Marketing.
- Shepard Fairey – „HOPE" für Obama-Kampagne (2008): Vier-Farb-Siebdruckplakat, gestaffelte Farbflächen, stilisiertes Porträt. Das Plakat wurde als Ausdruck eines politischen Moments zur Ikone und demonstriert, wie Street-Art-Ästhetik in den politischen Mainstream transferiert werden kann.
- Banksy – „Girl with Balloon" (Shoreditch, London, 2004): Schablonengraffito mit einem Mädchen, das einen herzförmigen Ballon loslässt. Wurde zum meistreplizierten Banksy-Bild, erscheint auf unzähligen Drucken, Postern und Merchandise – die Urheberrechtsfrage einer ur-urbanen Kunst im kommerziellen Kontext.
- JR – „Women Are Heroes" (Kibera, Nairobi, 2009): Hausgroßes Schwarz-Weiß-Foto-Plakat auf einem Hausdach in einem der größten informellen Siedlungen der Welt. JRs Projekt macht Frauen in unsichtbaren Gemeinschaften buchstäblich sichtbar.
- Atelier Populaire (anonym) – „La Lutte Continue" (Paris, 1968): Siebdruckplakat der Studentenbewegung. Schwarze Faust auf weißem Grund, kurzer Claim. Das Plakat entstand in einer besetzten Druckerei und wurde direkt auf Straßen und Uni-Wänden verteilt.
In der Praxis
Wheatpaste-Technik
Die klassische Technik des Paste-up-Plakats:
Material:
- Mehlkleister (Tapetenkleister oder selbstgekochter Mehlkleister)
- Gedrucktes Plakat (Laserdruck oder Offsetdruck auf 80–120 g/m²)
- Kleisterrolle oder breiter Pinsel
Technik:
- Fläche mit Kleister vorstreichen
- Plakat andrücken, von der Mitte nach außen glattstreichen
- Oberfläche ebenfalls mit Kleister versiegeln (erhöht Haltbarkeit)
Rechtliche Hinweise: In Deutschland ist nicht-genehmigtes Plakatieren an fremden Flächen Sachbeschädigung (§ 303 StGB) und Hausfriedensbruch (§ 123 StGB). Legale Alternativen: Genehmigung bei Hauseigentümern einholen; legale Plakatierungsflächen (einige Kommunen bieten freie Flächen für Kulturplakate).
Design-Prinzipien für Street-Art-Plakate
- Maximale Reduktion: Aus 10 m lesbar, bei schlechter Beleuchtung erkennbar
- Hoher Kontrast: Schwarz-Weiß oder 2-Farb-Kontrast bevorzugt
- Siebdruckoptimierung: Design in flächige Einzelfarben aufteilen; keine Verläufe ohne Halftone
- Skalierfähigkeit: Von A4-Sticker bis zu A1-Wheatpaste dieselbe Wirkung
Vergleich & Abgrenzung
Street Art vs. Graffiti: Graffiti basiert auf individueller Schriftzug-Tradition (Tags, Pieces); Street Art ist bildorientierter und häufiger konzeptionell. Überlappungen sind umfangreich.
Paste-up vs. Stencil: Paste-up (gedrucktes Papier) ermöglicht komplexere Bilder; Stencil (Schablone, gesprüht) ist schneller, hinterlässt keine Papierreste, ist wetterfester.
Häufige Fragen (FAQ)
Ist Street Art legal? In Deutschland ist das Anbringen von Plakaten an fremden Eigentum ohne Genehmigung eine Ordnungswidrigkeit oder Straftat. Viele Street Artists arbeiten in der Grauzone zwischen Kunst und Vergehen. Einige Städte schaffen legale Mural-Flächen oder Open-Walls-Projekte, die Street Art erlauben und fördern.
Wie wurde Banksy so berühmt, ohne seine Identität preiszugeben? Die Anonymität ist ein wesentlicher Teil der Banksy-Marke. Sie schützt einerseits vor strafrechtlicher Verfolgung, erzeugt andererseits mystischen Mehrwert. Banksys Team (der Galerist Steve Lazarides arbeitete lange mit ihm zusammen) managt die öffentliche Präsenz professionell, ohne die Identität zu enthüllen. Die Spannung zwischen Anonymität und Markenwert ist selbst Thema seiner Kunst.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
- Fairey, Shepard / Gastman, Roger (Hrsg.): Art of Modern Rock: The Poster Explosion. San Francisco: Chronicle Books, 2004.
- Banksy: Wall and Piece. London: Century, 2005.
- Ganz, Nicholas: Graffiti World: Street Art from Five Continents. London: Thames & Hudson, 2004.
- Lewisohn, Cedar: Street Art: The Graffiti Revolution. London: Tate Publishing, 2008.
