Ein Veranstaltungsplakat ist ein Plakat, das über eine konkrete Veranstaltung informiert und dabei Aufmerksamkeit, Interesse und eine Handlung (Kartenkauf, Anmeldung) beim Betrachter auslösen soll.
Rubrik: Grafik & Kommunikationsdesign · Unterrubrik: Plakatgestaltung · Niveau: Einsteiger
Synonyme / Auch bekannt als: Event-Plakat, Ankündigungsplakat, Aushangplakat
Was ist ein Veranstaltungsplakat?
Das Veranstaltungsplakat ist die alltäglichste und am häufigsten produzierte Form des Plakats: von der handbeschrifteten Zettelankündigung am Supermarkt-Brett bis zum professionellen A0-Format an Litfaßsäulen. Es verbindet die gestalterische Herausforderung des Plakats (Aufmerksamkeit in Sekunden, Lesbarkeit auf Distanz) mit konkreten Informationspflichten: Wer veranstaltet was, wann, wo, wie kommt man hin und wie kauft man Tickets?
Die Qualität eines Veranstaltungsplakats entscheidet direkt über den Erfolg der Bewerbung: Ein schlecht hierarchisiertes Plakat, auf dem Datum und Ort kaum zu finden sind, oder ein Plakat ohne Ticketinformation ist nicht nur ästhetisch, sondern kommunikativ gescheitert.
Erklärung
Die W-Fragen als Informationsstruktur
Jedes Veranstaltungsplakat muss folgende Fragen beantworten:
- Was? Veranstaltungsname/-titel (Hauptinformation, prominenteste Größe)
- Wer? Künstler:in, Redner:in, Ensemble, Verein (je nach Veranstaltung oft zentral)
- Wann? Datum und Uhrzeit (inkl. Einlass vs. Beginn)
- Wo? Veranstaltungsort, ggf. Adresse
- Wie? Ticketpreis und -quelle, ggf. Altersbeschränkung
- Warum? Kann durch das Keyvisual und den Gesamteindruck kommuniziert werden, nicht durch Text
Visuelle Hierarchie
Die Informationen müssen in einer klaren Lesehierarchie angeordnet werden. Eine bewährte 3-Level-Struktur:
Level 1 – Aufmerksamkeit (aus 10 m lesbar): Veranstaltungsname und/oder zentrales Bild. Schriftgröße: mind. 8–10 % der Plakathöhe. Bei A1 (594 mm hoch) = mind. 47–59 pt.
Level 2 – Interesse (aus 3 m lesbar): Datum, Ort, Hauptkünstler:in. Schriftgröße: ca. 3–5 % der Plakathöhe. Bei A1 = ca. 18–30 pt.
Level 3 – Entscheidung (aus 1 m lesbar): Ticketinfo, Website, Einlass, zusätzliche Details. Schriftgröße: 8–12 pt.
Diese Hierarchie entspricht dem realen Blickverlauf: Betrachter entscheiden in 2–3 Sekunden, ob das Plakat sie betrifft; dann nähern sie sich für Details.
Keyvisual entwickeln
Das Keyvisual ist das zentrale Bild (Foto, Illustration, Typoelement), das die Stimmung und Identität der Veranstaltung auf einen Blick vermittelt. Entwicklungsschritte:
- Brief verstehen: Welche Zielgruppe soll das Plakat ansprechen? Welche Stimmung soll die Veranstaltung auslösen?
- Moodboard: 10–20 Referenzbilder sammeln, die die angestrebte Ästhetik zeigen
- Konzeptskizzen: 3–5 verschiedene visuelle Ansätze grob skizzieren
- Auswahl: Mit dem Auftraggeber einen Ansatz auswählen
- Ausarbeitung: Foto, Illustration oder typografisches Element ausarbeiten
Schrift auf einem Veranstaltungsplakat
Grundregeln für die Schriftwahl:
- Maximal 2 Schriftfamilien (eine für Headline, eine für Details)
- Starker Kontrast zwischen Headline-Schrift und Infoblock-Schrift (z. B. Bold Extended vs. Regular Condensed)
- Schrift muss auf dem Hintergrundbild lesbar bleiben: ggf. Textbox mit Hintergrundfarbe oder Schatten
Empfehlenswerte Schriften für Veranstaltungsplakate:
- Headings: Bebas Neue (kostenlos, sehr lesbar), Futura PT, Trade Gothic Condensed
- Sublines/Info: Helvetica Neue, Source Sans Pro, DM Sans (alle gut lesbar in klein)
Beispiele (5 konkrete Plakate mit Designer:in und Jahr)
- Saul Bass – „The Man with the Golden Arm" (1955): Obwohl technisch ein Filmplakat, ist es auch ein Paradebeispiel für Event-Kommunikation: Ein grafisches Element (Arm) dominiert, Titel und Schauspieler:innen-Namen klar hierarchisiert. Bass' System aus geometrischen Figuren und monochromer Farbgebung setzte Standards für die informationsorientierte Plakatgestaltung.
- Neville Brody – „The Face"-Covergestaltungen (1980er): Brody gestaltete für das britische Musikmagazin Titelseiten, die wie Veranstaltungsplakate funktionierten: starkes typografisches Statement, Künstlerporträt, wenige aber präzise Informationsblöcke.
- Pentagram (Paula Scher) – New York Public Theater Plakate (ab 1994): Paula Scher entwickelte für das Public Theater New York ein System, das auf variablen, expressiven Headline-Kompositionen basiert. Die Plakate sind jedes Mal neu, aber durch das typografische System sofort als Familie erkennbar.
- Massimo Vignelli – „Lincoln Center" Saisonprogramm-Plakat (1966): Rasterbasiertes, zweifarbiges Informationsplakat für die Lincoln-Center-Spielzeiteröffnung. Zeigt, wie eine umfangreiche Informationsmenge durch konsequentes Rastersystem geordnet werden kann.
- Stefan Sagmeister – „Lou Reed / A Night to Remember" (1996): Handgeschriebene Typografie (in eigene Haut geritzt, fotografiert) als Plakatfoto. Sagmeisters provokanter Ansatz zeigt das andere Extrem des Veranstaltungsplakats: maximale Expressivität statt rationaler Hierarchie.
In der Praxis
Checkliste Druckvorbereitung
Format und Maßstab:
- [ ] Dokument im Zielformat angelegt (A1, A2, etc.)
- [ ] Auflösung: mind. 300 dpi für alle Bilder (bei A0 mind. 150 dpi akzeptabel)
- [ ] Randabschnitt (Beschnitt): mind. 3 mm auf allen Seiten
- [ ] Sicherheitsabstand für wichtige Inhalte: 5 mm vom Schnitt entfernt
Farbe:
- [ ] Farbmodus: CMYK (nicht RGB) für Offsetdruck
- [ ] Sonderfarben (Pantone) falls verwendet: korrekt benannt
- [ ] Schwarz für Text: 100K, nicht Composite Black (400%)
Schriften:
- [ ] Alle Schriften in Pfade umgewandelt (Illustrator: Schrift → In Pfade umwandeln) oder eingebettet (InDesign: Exporteinstellungen)
- [ ] Alle verwendeten Schriften lizenziert für Drucknutzung
Dateiformat:
- [ ] PDF/X-1a oder PDF/X-4 für Offset
- [ ] Preflight in Acrobat Pro durchgeführt
Softwareempfehlung
- Adobe Illustrator: Ideal für vektorbasierte Plakate mit Typografie-Fokus
- Adobe InDesign: Besser bei langen Textmengen und mehrseitigen Dokumenten
- Affinity Publisher: Günstige Illustrator/InDesign-Alternative
- Canva: Für schnelle, nicht-druckprofessionelle Veranstaltungsplakate (z. B. Social Media)
Vergleich & Abgrenzung
Veranstaltungsplakat vs. Werbeplakat: Das Werbeplakat hat meist nur eine Botschaft (Produkt kaufen). Das Veranstaltungsplakat muss mehrere Informationen (Wer, Was, Wann, Wo) kommunizieren – eine anspruchsvollere Hierarchieaufgabe.
Veranstaltungsplakat vs. Flyerf: Der Flyer (A5–A6) ist das kleinere Geschwister des Veranstaltungsplakats, oft mit mehr Text. Der Flyer wird persönlich weitergegeben; das Plakat hängt öffentlich.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie groß sollte das Datum auf einem Veranstaltungsplakat sein? Das Datum ist oft die wichtigste Entscheidungsinformation: Kommt man an dem Tag? Es sollte auf Level 2 der Hierarchie stehen – nicht so groß wie der Veranstaltungsname, aber deutlich größer als kleine Details. Eine Faustregel: Das Datum sollte aus 3 Metern Entfernung ohne Anstrengung lesbar sein.
Muss das Logo des Veranstalters groß sein? Das hängt von der Markenbekanntheit ab. Bei bekannten Institutionen (Wiener Philharmoniker, Bayreuth) kann das Logo klein sein – der Name steht ohnehin im Titel. Bei unbekannten Veranstaltern hilft ein prominentes Logo, Vertrauen zu schaffen. Die häufigste Anfängerfehler: Logo zu groß platzieren auf Kosten der wichtigeren W-Informationen.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Jubert, Roxane: Typography and Graphic Design. From Antiquity to the Present. Paris: Flammarion, 2006.
- Hollis, Richard: Graphic Design: A Concise History. London: Thames & Hudson, 2001.
- Müller-Brockmann, Josef: Rastersysteme für die visuelle Gestaltung. Niederteufen: Niggli, 1981.
- Ambrose, Gavin / Harris, Paul: The Layout Book. Lausanne: AVA Publishing, 2007.
- Samara, Timothy: Making and Breaking the Grid. Beverly: Rockport Publishers, 2002.
