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Video Art (Videokunst) ist eine seit den 1960er Jahren etablierte Kunstform, die das Videomedium – von der Einkanal-Videoarbeit über Installation bis zur Closed-Circuit-Übertragung – als primäres künstlerisches Material und kritisches Reflexionsinstrument über Fernsehen, Wahrnehmung und Medialität nutzt.

Rubrik: Intermediale Gestaltung · Unterrubrik: Medienkunst · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Videokunst, Video Installation, Single-Channel Video, Moving-Image Art

Was ist Video Art?

Video Art bezeichnet künstlerische Arbeiten, die Videoaufnahme und -wiedergabe als zentrales Medium nutzen – nicht im Dienst von Dokumentation oder Unterhaltung, sondern als eigenständige ästhetische Praxis. Videokunst stellt Fragen nach dem Verhältnis von Bild und Zeit, von Live-Übertragung und Aufzeichnung, von künstlerischem Einzelobjekt und massenmedialer Reproduzierbarkeit. Sie trat in direkte Auseinandersetzung mit dem Fernsehen als dominantem Bildmedium des 20. Jahrhunderts.

Erklärung

Die Geburt der Videokunst: Nam June Paik (1963–1970)

Als Geburtsstunde der Videokunst gilt oft der 4. Oktober 1965: Nam June Paik filmte mit einem der ersten kommerziell erhältlichen Portapak-Videorekorder den Papstbesuch in New York und zeigte das Rohmaterial noch am selben Abend im Café Au Go Go. Der Unterschied zum Fernsehen: Unmittelbarkeit, subjektive Perspektive, keine Redaktion. Paik hatte bereits 1963 in der Galerie Parnass in Wuppertal seine Ausstellung "Exposition of Music – Electronic Television" gezeigt, bei der manipulierte Fernsehgeräte zu skulpturalen Objekten wurden. Diese Kombination aus Kritik am Fernsehapparat und Erprobung des neuen Videomediums machte Paik zur zentralen Figur der Videokunst.

Videoperformance und Body Art

In den späten 1960ern und 1970ern verschmolzen Videokunst und Digital Performance. Künstlerinnen wie Joan Jonas, Vito Acconci und Bruce Nauman nutzten die Kamera als Spiegel und Zeugen. Die Kamera war nicht mehr neutrale Dokumentationsmaschine, sondern aktive Teilnehmerin einer performativen Situation. Carolee Schneemann, Yoko Ono und andere Fluxus-Künstlerinnen erweiterten diesen Ansatz durch feministische Perspektiven.

Videoinstallation und White Cube (1970–1990)

Die Videoinstallation entwickelte sich zur dominanten Form der Videokunst. Bill Viola wurde zur bedeutendsten Stimme: Seine großformatigen Videoinstallationen wie "The Crossing" (1996) arbeiten mit extremer Zeitlupenaufnahme, archetypischen Motiven (Feuer, Wasser, Geburt, Tod) und dem Raum als dramaturgischem Element. Gary Hill, Peter Campus und Dan Graham untersuchten die Verzögerung und Verdopplung von Bild und Wahrnehmung durch Closed-Circuit-Systeme.

Internationalisierung und institutionelle Anerkennung (ab 1990)

In den 1990ern wurde Videokunst zum Bestandteil des internationalen Kunstmarkts und der großen Museumssammlungen. Pipilotti Rist verwarf die oft düstere Ästhetik der frühen Videokunst und schuf farbexplosive, körperbetonte Videoinstallationen. Isaac Julien, Kutlug Ataman und Yang Fudong brachten Fragen nach Postkolonialismus, Identität und Gedächtnis in das Medium. Mit digitalen Schnittsystemen wurden aufwändige Mehrkanal-Installationen realisierbar.

Videokunst heute

Heute ist die Grenze zwischen Videokunst und anderen Medienformen durchlässig: Moving Image, Film, VR und Digital Performance überlappen sich. Hito Steyerl, eine der einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart, arbeitet mit Essay-Film, Computergrafik und dokumentarischen Materialien zu Fragen von Krieg, Digitalität und globalem Kapitalismus.

Beispiele

  1. Nam June Paik: TV-Buddha (1974) – Buddhafigur betrachtet sich selbst im Closed-Circuit-Monitor; Meditation über Selbstreflexion und Medialität.
  2. Bill Viola: The Crossing (1996) – Zweikanal-Videoinstallation; Menschenfigur wird von Feuer und Wasser verschlungen – Naturgewalt als spirituelle Metapher.
  3. Pipilotti Rist: Ever Is Over All (1997) – Frau schlägt fröhlich Autoscheiben ein; farbgesättigte Videoinstallation über weibliche Macht und gesellschaftliche Normen.
  4. Bruce Nauman: Slow Angle Walk (Beckett Walk) (1968) – Videoband zeigt Nauman beim Gehen nach präzisen Regeln; Body Art als Konzeptkunst.
  5. Hito Steyerl: How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File (2013) – Video-Essay über Unsichtbarkeit, Überwachung und Bildpolitik in der digitalen Gesellschaft.

In der Praxis

Für Einsteiger bieten Videoprogramme (Adobe Premiere, DaVinci Resolve, Final Cut) den technischen Einstieg. Konzeptionell wichtiger ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Mediums – etwa durch das studieren der Werke von Paik, Viola und Rist. Filmhochschulen, Kunsthochschulen (z. B. Städelschule Frankfurt, UdK Berlin) bieten Studiengänge mit Schwerpunkt auf Videokunst und Moving Image. Museen wie das Hamburger Bahnhof, das Museum Ludwig Köln und das Centre Pompidou besitzen bedeutende Sammlungen.

Vergleich & Abgrenzung

Videokunst unterscheidet sich von Experimentalfilm durch ihre primäre Verortung in Ausstellungsräumen und ihren direkten Dialog mit dem Fernsehmedium. Im Gegensatz zu Digital Performance steht nicht der Live-Akt, sondern die aufgezeichnete oder installierte Arbeit im Vordergrund. Sound Art kann mit Videokunst überlappen (Audio-Video-Installationen), ist aber eigenständig akustisch ausgerichtet.

Häufige Fragen (FAQ)

Was unterscheidet Videokunst von Film? Während Film primär auf lineare Erzählung und Kinoerfahrung ausgerichtet ist, stellt Videokunst das Medium selbst – Zeitlichkeit, Schleife, Installation, Nähe – in den Mittelpunkt. Videokunst wird typischerweise in Galerien und Museen gezeigt, arbeitet oft mit nicht-narrativen Strukturen und richtet sich an ein einzelnes Werk statt an ein Programm.

Wo kann man Videokunst erleben? Das Hamburger Bahnhof in Berlin, das Stedelijk Museum Amsterdam und das MOCA Los Angeles besitzen wichtige Sammlungen. Das MoMA New York widmet Videokunst eine eigene Abteilung. Festivals wie die documenta, die Biennale Venedig und Transmediale zeigen regelmäßig bedeutende Videoarbeiten.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Rush, Michael: Video Art. Thames & Hudson, London 2007 (überarb. Aufl.).
  • Hanhardt, John G. (Hg.): Nam June Paik. Whitney Museum of American Art, New York 1982.
  • Elwes, Catherine: Video Art: A Guided Tour. I.B. Tauris, London 2005.
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