Post-Internet Art bezeichnet eine Tendenz in der zeitgenössischen Kunst seit ca. 2008, in der Künstlerinnen und Künstler das Internet nicht als Medium oder Ausstellungsraum nutzen, sondern als selbstverständlichen kulturellen Kontext aller Kunst – einer Welt, in der jedes Objekt und jede Erfahrung durch das Netz geprägt und gefiltert ist.
Rubrik: Intermediale Gestaltung · Unterrubrik: Medientheorie & Ästhetik · Niveau: Fortgeschritten Theoretiker/in: Marisa Olson (Begriff, 2008); Gene McHugh (Essay, 2010); Hito Steyerl (2012–)
Was ist Post-Internet Art?
Die Sängerin und Künstlerin Marisa Olson prägte den Begriff in einem Interview 2008: „Post-Internet" meint nicht eine Zeit nach dem Internet, sondern eine Kunstpraxis, die das Internet als so selbstverständlichen Teil der Wirklichkeit betrachtet, dass es nicht mehr als exotisches oder spezifisches Medium markiert werden muss. Das Netz ist kein Thema mehr – es ist der Hintergrund, vor dem alle Kunst entsteht und rezipiert wird.
Gene McHugh vertiefte die Theorie in seinem Online-Essay Post Internet (2010): Post-Internet Art entsteht in dem Bewusstsein, dass jedes Werk im Netz zirkulieren wird – als JPEG, als YouTube-Video, als Instagram-Post. Die physische Präsenz in einer Galerie ist eine von vielen Präsentationsformen neben der digitalen Reproduktion. Künstlerinnen wie Artie Vierkant gehen konsequent weiter: Ihre Arbeiten produzieren Bilder, die explizit für die digitale Zirkulation optimiert sind, und die physischen Objekte sind nur eine Manifestationsform unter anderen.
Erklärung & Kontext
Post-Internet Art unterscheidet sich von Net Art in einem entscheidenden Punkt: Net Art der 1990er Jahre nutzte das Netz als spezifisches Medium und reflektierte seine technischen und sozialen Eigenschaften aktiv. Post-Internet Art nimmt das Netz als Bedingung, nicht als Medium. Die Kunst findet in Galerien, auf Bühnen, in Büchern statt – aber immer im Wissen, dass sie in Netzöffentlichkeiten zirkulieren wird.
Hito Steyerl ist die prominenteste Denkerin des Post-Internet-Feldes. In ihrem Essay In Defense of the Poor Image (2009) analysiert sie die Ästhetik der komprimierten, vielfach kopierten, qualitätsdegredierten Bilder des Netzes – die „armen Bilder" (Poor Images): Screenshots, Rips, Torrents, YouTubevideos mit geringer Auflösung. Diese Bilder, so Steyerl, sind nicht inferior gegenüber hochaufgelösten Originalen, sie sind eine eigene Ästhetik: Sie tragen die Spuren ihrer Zirkulation in sich. Ein tausendfach weitergeteiltes, leicht verpixeltes Bild hat eine Geschichte, die das hochaufgelöste Original nicht hat.
Steyerls künstlerische Praxis verbindet Essay-Film, Installation und theoretisches Schreiben. Werke wie How Not to Be Seen: A Fucking Didactic Educational .MOV File (2013) verhandeln Sichtbarkeit, Überwachung, Bildpolitik und digitale Kultur in einer Form, die selbst auf digitale Zirkulation ausgelegt ist.
Bedeutung für die Gestaltungspraxis
Post-Internet Art hat das Denken über Dokumentation, Zirkulation und Originalität in der Gestaltungspraxis verändert:
Jedes Werk ist auch sein Dokument: In einer Post-Internet-Logik ist das Foto des Werkes kein Anhang zum eigentlichen Werk – es ist eine eigenständige Manifestation. Wer ein Plakat gestaltet, denkt automatisch, wie es fotografiert und geteilt werden wird. Wer eine Ausstellung konzipiert, denkt den Instagram-Post mit.
Zirkulation als Gestaltungsmittel: Wie ein Bild im Netz zirkuliert, welche Plattformen es durchläuft, welche Kompressionen es erfährt – all das ist Teil seiner ästhetischen Biografie. Gestalterinnen können diese Zirkulation aktiv steuern oder als Material reflektieren.
Ästhetik des Durchschnittlichen: Steyerls „Poor Image"-Theorie legitimiert Ästhetiken, die nicht auf höchste Bildqualität zielen: Lo-fi, komprimiert, gebrauchsspurig. Diese Ästhetik ist im Mediendesign und im Brand-Design präsent – als bewusste Abgrenzung von hochpolierter Werbeästhetik.
Beispiele (5 konkrete Anwendungen / Werke)
- Hito Steyerl – „How Not to Be Seen" (2013): Essay-Film, der Camouflage, Pixelauflösung und digitale Unsichtbarkeit thematisiert. Der Film ist für Online-Distribution optimiert und existiert gleichzeitig als Galerie-Installation. Beide Manifestationen sind gleichwertig.
- Artie Vierkant – „Image Objects" (2011–): Vierkant produziert Objekte, die für die Fotografie konzipiert sind. Die physischen Skulpturen werden für die Ausstellungsdokumentation speziell beleuchtet und fotografiert; Vierkant bearbeitet diese Fotos nach und stellt sie als eigenständige digitale Werke neben die Objekte.
- Ryan Trecartin – Videoproduktionen (2007–): Trecartins Videoarbeiten adaptieren Ästhetiken des frühen YouTube, von Chatrooms, Reality-TV und Online-Identitäten. Sie werden in Galerien projiziert, aber sind ästhetisch vollständig im Post-Internet-Kontext gedacht.
- Aids-3D (Daniel Keller & Nik Kosmas) – Installation und Web: Das Duo kombinierte 3D-Rendering, Webästhetik und Galerie-Objekte zu einer Praxis, die zwischen digitaler Oberfläche und physischem Objekt pendelte und die Hierarchie zwischen beiden aktiv verweigerte.
- Memes als Post-Internet-Material: Politische Memes, die in und für soziale Netze produziert werden, folgen Post-Internet-Logiken: Sie sind für Zirkulation optimiert, entstehen in Anlehnung an bestehende Bildsprachen, werden durch Teilen verändert und gewinnen durch Verbreitung Bedeutung.
Kritik & Weiterentwicklung
Kunstmarkt und Vereinnahmung: Post-Internet Art wurde schnell vom Kunstmarkt absorbiert: Galerien adaptierten den Diskurs, Preise stiegen, und was als kritische Praxis begann, wurde zur Galerie-Mode. Kritiker sehen darin eine Domestizierung subversiver Impulse.
Unschärfe des Begriffs: „Post-Internet" ist vage genug, um viele verschiedene Praktiken zu subsumieren. Das erschwert präzise kunstkritische Analyse. Gene McHugh selbst bezeichnete den Begriff rückblickend als zu ungenau.
Post-Post-Internet?: Mit dem Aufstieg von TikTok, der KI-Bildgenerierung und der Krise traditioneller sozialer Medien (Twitter-Zerfall, Facebook-Relevanzverlust) stellt sich die Frage, ob das Netz als einheitlicher Kontext noch gilt oder ob sich das Feld erneut fragmentiert.
Häufige Fragen (FAQ)
Muss Post-Internet Art im Internet stattfinden? Nein. Das ist gerade der Unterschied zur Net Art. Post-Internet Art kann physisch in Galerien, auf Bühnen oder als gedrucktes Buch stattfinden – aber sie entsteht im Bewusstsein einer vernetzten Welt, in der das Netz die Wahrnehmung und Zirkulation aller Kunst strukturiert.
Ist Hito Steyerl eine Post-Internet-Künstlerin? Steyerl lehnt Etikettierungen grundsätzlich ab. Aber ihre theoretische und künstlerische Arbeit ist das überzeugendste Beispiel für Post-Internet-Denken: Sie reflektiert Bildpolitik, digitale Zirkulation, Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit in Formaten, die selbst für das Netz gebaut sind.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Steyerl, H. (2009). In Defense of the Poor Image. e-flux journal, 10. November 2009.
- McHugh, G. (2010). Post Internet. Unveröffentlichter Essay, posthumanismartcomedy.tumblr.com.
- Vierkant, A. (2010). The Image Object Post-Internet. Selbstpublikation.
- Kholeif, O. (Hrsg.) (2014). You Are Here: Art After the Internet. Cornerhouse/SPACE.
