Auf- und Abstrich sind die beiden Grundbewegungen der Kalligrafie: Der Aufstrich läuft nahezu drucklos aufwärts und bleibt dünn, der Abstrich läuft abwärts und wird — je nach Werkzeug durch Druck — breit.
Rubrik: Kalligrafie · Unterrubrik: Grundlagen & Begriffe · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Aufstrich/Abstrich, upstroke/downstroke, Federzüge
Was ist ein Auf- und Abstrich?
Auf- und Abstrich beschreiben die Richtung und Charakteristik der einzelnen Striche, aus denen kalligrafische Buchstaben aufgebaut sind. Der Aufstrich ist die Bewegung von unten nach oben; er bleibt fein und leicht. Der Abstrich ist die Bewegung von oben nach unten; er trägt meist den vollen Druck und bildet den kräftigen Teil des Buchstabens. Dieser Wechsel ist das Grundprinzip, aus dem der Strichkontrast der Kalligrafie entsteht.
Erklärung
Der Unterschied zwischen Auf- und Abstrich hat einen handwerklichen Grund, besonders bei der Spitzfeder: Die Feder läuft mit ihrer Spitze nur „rückwärts" sauber. Zieht man sie beim Abstrich nach unten, gleitet sie geschmeidig und lässt sich durch Druck spreizen — der Strich wird breit. Schiebt man sie dagegen beim Aufstrich nach oben, würde Druck die Spitze ins Papier rammen, kratzen und spritzen. Deshalb gilt die eiserne Regel: Druck nur im Abstrich, niemals im Aufstrich. Der Aufstrich muss leicht und fein bleiben — er erzeugt den Haarstrich.
Bei der Breitfeder ist die Regel weniger streng, weil der Druck konstant bleibt; dennoch unterscheidet man Auf- und Abstrich nach Richtung, weil sie unterschiedliche Strichbreiten erzeugen und die Strichfolge bestimmen. Bei Pinsel und Brush Pen überträgt sich das Prinzip ebenfalls: Abwärts mit Druck (breit), aufwärts leicht (schmal).
Das bewusste Trennen von Auf- und Abstrich ist der erste Schritt zu sauberen Buchstaben. Viele typische Anfängerfehler — kratzende Linien, ungleichmäßige Schwellungen, Tintenspritzer — verschwinden, sobald man konsequent nur im Abstrich Druck gibt. Aus der geschickten Verbindung von Auf- und Abstrich entsteht später der elegante Schwellzug verbundener Schreibschriften.
Beispiele
- Spitzfeder-„i": Drucklos hoch (Aufstrich), mit Druck herunter (Abstrich) — schmal-breit-Wechsel.
- „n": Aufstrich, Bogen, Abstrich — sichtbarer Wechsel der Strichbreite.
- Schwellzug: Sanfter Übergang vom Haaraufstrich in den vollen Abstrich.
- Breitfeder-Senkrechte: Abstrich mit konstantem Druck, volle Federbreite.
- Verbindungsstrich: Feiner Aufstrich, der zwei Buchstaben miteinander verknüpft.
In der Praxis
Anfänger/innen üben Auf- und Abstrich isoliert, bevor sie Buchstaben schreiben: Reihen aus dünnen Aufstrichen und kräftigen Abstrichen, im Wechsel. Bei der Spitzfeder ist langsames Tempo entscheidend, um den Druck nur abwärts zu dosieren. Ein gleichmäßiges Ergebnis erkennt man daran, dass alle Abstriche gleich breit und alle Aufstriche gleich fein sind.
Vergleich & Abgrenzung
| Merkmal | Aufstrich | Abstrich |
|---|---|---|
| Richtung | aufwärts | abwärts |
| Druck (Spitzfeder) | keiner | voll |
| Strichbreite | dünn (Haarstrich) | breit (Schattenstrich) |
Häufige Fragen (FAQ)
Warum darf man beim Aufstrich keinen Druck geben? Weil die Federspitze beim Aufwärtsschieben gegen ihre eigene Spitze läuft. Druck rammt sie ins Papier — die Feder spritzt, kratzt oder bleibt hängen. Nur der drucklose, leichte Aufstrich erzeugt einen sauberen Haarstrich.
Gilt die Auf-/Abstrich-Regel auch für die Breitfeder? Bei der Breitfeder ist sie weniger kritisch, weil der Druck ohnehin konstant bleibt. Man unterscheidet Auf- und Abstrich dort vor allem nach Richtung und Strichfolge, nicht nach Druck.
Weiterführend
- Noordzij, Gerrit (2005): The Stroke: Theory of Writing. Hyphen Press.
- Henning, William E. (2002): An Elegant Hand. Oak Knoll Press.
- Harris, David (2003): The Art of Calligraphy. DK Publishing.

