Infografik-Typen sind die systematischen Grundformen von Informationsgrafiken, klassifiziert nach ihrer primären kommunikativen Funktion: Statistical, Timeline, Process, Geographic, Comparison und Hierarchical.
Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: Infografik & Datenvisualisierung · Niveau: Einsteiger
Was sind Infografik-Typen?
Eine Infografik (Informationsgrafik) kombiniert Text, visuelle Darstellung und Daten, um komplexe Informationen schnell und verständlich zu kommunizieren. „Infografik" ist dabei ein Oberbegriff: Darunter fallen reine Datencharts genauso wie illustrierte Prozessdarstellungen, Zeitlinien oder Karten.
Die Klassifikation in Typen hilft bei der Entscheidung, welche Darstellungsform für eine bestimmte Information am besten geeignet ist. Cairo (2016) und Wilke (2019) betonen, dass die Wahl des richtigen Typs die wichtigste gestalterische Entscheidung in der Datenkommunikation ist.
Erklärung
1. Statistical Infographic (Statistische Infografik)
Definition: Zeigt quantitative Daten in visueller Form. Kernfrage: „Wie viel? Wie viele? Wie groß?"
Visuelle Mittel: Balkendiagramme, Liniendiagramme, Tortendiagramme, Scatter Plots, Heatmaps, Waffle Charts.
Typische Anwendungen: Umfrageergebnisse, Wirtschaftsdaten, Bevölkerungsstatistiken, Forschungsergebnisse.
Stärke: Präzise Kommunikation von Mengen und Verhältnissen. „Faktenbasiert" wirkt objektiv und seriös.
Schwäche: Kann ohne Kontext kalt und schwer zugänglich wirken. Erfordert Datenkompetenz beim Publikum.
2. Timeline-Infografik (Zeitachsen-Infografik)
Definition: Stellt Ereignisse oder Entwicklungen in ihrer zeitlichen Abfolge dar. Kernfrage: „Wann? In welcher Reihenfolge?"
Visuelle Mittel: Horizontale oder vertikale Zeitachse, Kreise oder Markierungen für Ereignisse, Liniendiagramme für kontinuierliche Entwicklungen.
Typische Anwendungen: Historische Chronologien, Unternehmensgeschichte, Projektzeitpläne (Gantt-Diagramme), Biographien, Technikentwicklungen.
Stärke: Zeigt Kausalitäten und Entwicklungsverläufe. Leicht zu verstehen, weil Zeit intuitiv von links nach rechts läuft.
Schwäche: Wenn Ereignisdichte ungleich verteilt ist (wenige Ereignisse in vielen Jahren, viele in wenigen), entstehen unausgewogene Layouts.
3. Process-Infografik (Prozess-Infografik)
Definition: Beschreibt schrittweise Abläufe oder Verfahren. Kernfrage: „Wie funktioniert das? Wie geht das Schritt für Schritt?"
Visuelle Mittel: Nummerierte Schritte, Pfeile, Flussdiagramme, Icons, zyklische Ringdiagramme (für Kreislaufprozesse).
Typische Anwendungen: Anleitungen, Rezepte, technische Prozesse (Recycling-Kreislauf, Gesetzgebungsverfahren), Onboarding-Grafiken.
Stärke: Macht abstrakte oder komplexe Prozesse konkret und Schritt für Schritt nachvollziehbar. Hervorragend für Bildungskontexte.
Schwäche: Gefahr der Übervereinf achung komplexer Prozesse. Wenn zu viele Schritte vorhanden sind, wird die Infografik überladen.
4. Geographic Infographic (Geografische Infografik)
Definition: Verbindet Daten mit geographischem Raum. Kernfrage: „Wo? Wie ist die räumliche Verteilung?"
Visuelle Mittel: Choropleth-Karten, Proportionalsymbol-Karten, Locator Maps, Kartogramme, räumliche Heatmaps.
Typische Anwendungen: Wahlergebnisse, Bevölkerungsdichte, Klimadaten, Verbreitungskarten (Sprachen, Krankheiten, Tierarten), Reiserouten.
Stärke: Räumliche Muster sind unmittelbar sichtbar. Karten haben hohe emotionale und kommunikative Wirkung.
Schwäche: Geographische Verzerrung (große Flächen dominieren optisch). Normalisierung der Daten notwendig (pro Einwohner, nicht absolut).
5. Comparison Infographic (Vergleichs-Infografik)
Definition: Stellt Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen zwei oder mehr Objekten, Konzepten oder Zeitpunkten gegenüber. Kernfrage: „Wie unterscheiden sich X und Y?"
Visuelle Mittel: Parallel-Layouts (Side-by-Side), Venn-Diagramme, Slope Charts (Vorher-Nachher), Bullet Charts, Tabellenvergleiche, Spider/Radar Charts.
Typische Anwendungen: Produktvergleiche, Ländervergleiche, Vorher-Nachher-Darstellungen, politische Programme gegenübergestellt, Gehaltsvergleiche.
Stärke: Zeigt Entscheidungsgrundlagen klar. Für Kaufentscheidungen und Bewertungen sehr wirksam.
Schwäche: Auswahl der Vergleichsdimensionen beeinflusst das Ergebnis stark. Manipulation durch selektive Auswahl von Dimensionen möglich.
6. Hierarchical Infographic (Hierarchie-Infografik)
Definition: Stellt Über- und Unterordnungsbeziehungen dar. Kernfrage: „Wer ist wem untergeordnet? Wie ist die Struktur?"
Visuelle Mittel: Organigramme, Baumdiagramme, Treemaps, Sunburst-Diagramme, Mind Maps, Dendrgramme.
Typische Anwendungen: Unternehmensstrukturen, Taxonomien, Dateisysteme, wissenschaftliche Klassifikationen, Entscheidungsbäume.
Stärke: Macht unsichtbare Strukturen sichtbar. Zeigt klare Hierarchien, Zuständigkeiten und Zugehörigkeiten.
Schwäche: Echte Strukturen sind oft komplexer als reine Hierarchien (mit Querverbindungen, die der Netzwerkgraph besser abbildet). Große Hierarchien werden schnell unübersichtlich.
Wann einsetzen / wann nicht
Entscheidungsbaum – die richtige Infografik-Typ-Wahl:
- Geht es um Zahlen und Mengen? → Statistical Infographic (Balken, Linien, Scatter)
- Geht es um zeitliche Abfolge? → Timeline (Chronologie, Zeitachse)
- Geht es um Schritte und Anleitungen? → Process (Flussdiagramm, nummerierte Schritte)
- Geht es um räumliche Verteilung? → Geographic (Karte, Choropleth)
- Geht es um Gegenüberstellung? → Comparison (Side-by-Side, Venn)
- Geht es um Struktur und Hierarchie? → Hierarchical (Organigramm, Treemap)
Oft kombinieren reale Infografiken mehrere Typen: Eine Reportage-Infografik kann eine Karte (Geographic), eine Timeline und ein Balkendiagramm (Statistical) kombinieren – dann spricht man von einer Mixed-Type-Infografik.
Beispiele (5 konkrete)
- Statistical: „Energiemix in Deutschland 2024" – Balkendiagramm mit Anteilen der Energiequellen an der Stromproduktion. Zahlen stehen im Mittelpunkt.
- Timeline: „Geschichte der Europäischen Union" – Horizontale Zeitachse von 1957 (Römische Verträge) bis 2023 mit wichtigen Ereignissen (Beitritte, Krisen, Verträge) als Markierungen.
- Process: „Wie wird ein Gesetz verabschiedet?" – Flussdiagramm mit 7 Schritten von der Gesetzesinitiative über Bundestag, Bundesrat bis zur Verkündung. Nummerierte Schritte mit Icons.
- Geographic: „Bildungsausgaben in EU-Ländern" – Choropleth-Karte mit Bildungsausgaben in % des BIP pro Land. Zeigt Nord-Süd-Gefälle im europäischen Bildungssystem.
- Comparison: „Diesel vs. Elektro vs. Hybrid" – Dreispaltiger Vergleich nach Reichweite, Verbrauch, CO₂-Emissionen, Unterhaltskosten. Jede Zeile = ein Kriterium, jede Spalte = ein Fahrzeugtyp.
In der Praxis
Kombinierte Infografiken: Große Reportage-Infografiken (z. B. im Spiegel, in der Zeit oder im National Geographic) kombinieren typischerweise mehrere Typen. Ein klassisches Beispiel: Eine Doppelseite zu einem Flugzeugabsturz enthält eine Locator Map (Geographic), eine Timeline der Ereignisse (Timeline), eine Prozess-Darstellung des Absturzverlaufs (Process) und Statistiken zu Flugsicherheit (Statistical).
Tools je nach Typ:
- Statistical: Datawrapper, Flourish, R/ggplot2
- Timeline: TimelineJS (knight.lab), Illustrator
- Process: Canva, Adobe Illustrator, Miro
- Geographic: Datawrapper, QGIS, D3-Geo
- Comparison: Datawrapper, Illustrator
- Hierarchical: Miro, D3-Hierarchy, Flourish
Vergleich & Abgrenzung
| Typ | Kernfrage | Beispiel-Tool |
|---|---|---|
| Statistical | Wie viel? | Datawrapper |
| Timeline | Wann? | TimelineJS |
| Process | Wie? | Illustrator, Canva |
| Geographic | Wo? | Datawrapper, QGIS |
| Comparison | Wie anders? | Datawrapper, Illustrator |
| Hierarchical | Wer über wem? | D3-Hierarchy, Miro |
Häufige Fragen (FAQ)
Wie wähle ich den richtigen Infografik-Typ? Die Kernfrage ist: Was soll die Infografik bei der Betrachteri n oder dem Betrachter auslösen? Wenn Sie eine Entscheidung unterstützen wollen, ist ein Comparison-Typ gut. Wenn Sie ein Gefühl für Dimensionen und Größen vermitteln wollen, Statistical. Wenn räumliche Zusammenhänge verstanden werden sollen, Geographic. Die häufigste Fehlerquelle: Der Typ wird nach Ästhetik-Präferenzen statt nach inhaltlicher Funktion gewählt.
Sind „Infografik" und „Datenvisualisierung" dasselbe? Nicht ganz. Datenvisualisierung ist ein Teilbereich der Infografik: Sie zeigt immer quantitative Daten in visueller Form (Balken, Linien, Karten). Infografiken können auch nicht-quantitative Informationen visualisieren – Prozesse, Beziehungen, Ereignisse – ohne dass Zahlen im Mittelpunkt stehen. Jede Datenvisualisierung ist eine Infografik; nicht jede Infografik ist eine Datenvisualisierung.
Verwandte Einträge
- Datenstorytelling — Infografiken in narrative Sequenzen einbetten
- Balkendiagramm — Kernwerkzeug der Statistical Infographic
- Choropleth-Karte — Kernwerkzeug der Geographic Infographic
Weiterführend
- Cairo, A. (2016). The Truthful Art, Kap. 2 (What is a visualization?). New Riders.
- Tufte, E. R. (2001). The Visual Display of Quantitative Information (2. Aufl.). Graphics Press.
- Smiciklas, M. (2012). The Power of Infographics. Que Publishing.
- Wilke, C. O. (2019). Fundamentals of Data Visualization. O'Reilly Media.
