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Liniendiagramm ist eine Diagrammform, bei der einzelne Datenpunkte durch Linien verbunden werden, um kontinuierliche Verläufe – besonders Zeitreihen – visuell darzustellen.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: Infografik & Datenvisualisierung · Niveau: Einsteiger


Was ist ein Liniendiagramm?

Das Liniendiagramm (englisch: Line Chart) stellt Daten in einem kartesischen Koordinatensystem dar: Auf der X-Achse läuft typischerweise eine kontinuierliche Variable – fast immer die Zeit – auf der Y-Achse der gemessene Wert. Die Datenpunkte werden durch Liniensegmente verbunden, was den Betrachtern ermöglicht, den Verlauf zwischen den Messpunkten zu erahnen und Trends auf einen Blick zu erkennen.

Das Verbinden der Punkte setzt eine implizite Botschaft: Es gibt eine sinnvolle Kontinuität zwischen den Messpunkten. Deshalb eignet sich das Liniendiagramm ausschließlich für kontinuierliche Daten – nicht für beliebige Kategorien.


Erklärung

Die Achsen und ihre Bedeutung:

Die X-Achse repräsentiert fast immer Zeit oder eine andere geordnete, kontinuierliche Variable. Die Y-Achse zeigt den zugehörigen Messwert. Anders als beim Balkendiagramm muss die Y-Achse beim Liniendiagramm nicht zwingend bei Null beginnen: Wenn kleine Veränderungen in einem eng begrenzten Wertebereich sichtbar gemacht werden sollen (z. B. Körpertemperaturverläufe zwischen 36 und 40 °C), ist ein ausgeschnittener Y-Bereich legitim. Allerdings sollte das im Diagramm deutlich markiert sein – etwa durch einen Zickzack-Unterbruch der Achse.

Mehrere Linien: Liniendiagramme können mehrere Datenreihen als überlagerte Linien zeigen. Dabei gelten folgende Grundregeln:

  • Maximal 4–5 Linien, sonst entsteht ein unleserliches „Spaghetti-Diagramm".
  • Jede Linie erhält eine eindeutige, farbenblind-sichere Farbe oder ein unterschiedliches Strichmuster (gestrichelt, gepunktet).
  • Direkte Beschriftung am Linienende ist einer Legende vorzuziehen, weil sie Augensprünge vermeidet.

Glättung: Rohe Daten zeigen oft viel Rauschen. Eine geglättete Linie (Moving Average, LOESS-Kurve) kann den zugrundeliegenden Trend hervorheben. Wichtig: Die Rohdaten sollten sichtbar bleiben (z. B. als blasse Punkte oder leichte Linie im Hintergrund), damit die Glättung transparent ist.

Achsenabschnitt und Nulllinie: Cairo (2016) betont: Beim Liniendiagramm geht es primär um die Form des Verlaufs (steigt, fällt, flacht ab), nicht um absolute Längen wie beim Balken. Deshalb ist ein abgeschnittener Y-Bereich hier semantisch vertretbarer – solange der Kontext stimmt und keine irreführende Dramatisierung entsteht.

Flächendiagramm (Area Chart): Wenn die Fläche unter der Linie ausgefüllt wird, entsteht ein Flächendiagramm. Das verstärkt den Eindruck von Volumen und eignet sich gut, wenn ein kumulativer Wert (z. B. Gesamtenergieverbrauch) dargestellt wird. Gestapelte Flächendiagramme zeigen mehrere Reihen als aufeinander aufbauende Schichten.


Wann einsetzen / wann nicht

Einsetzen, wenn:

  • Zeitreihen dargestellt werden: Aktienkurse, Temperaturverläufe, Bevölkerungsentwicklungen.
  • Die X-Achse eine geordnete, kontinuierliche Variable ist (Zeit, Entfernung, Temperatur).
  • Trends und Wendepunkte im Vordergrund stehen.
  • Mehrere Reihen verglichen werden sollen, die denselben Zeitraum abdecken (bis ca. 5 Linien).

Nicht einsetzen, wenn:

  • Die X-Achse nominale Kategorien enthält (Länder, Produktnamen). Hier ist das Balkendiagramm korrekt.
  • Nur zwei oder drei Datenpunkte vorhanden sind – dann sind Balken klarer und ehrlicher.
  • Mehr als fünf Linien überlagert werden sollen – das Ergebnis ist unleserlich.
  • Diskrete, nicht-verknüpfte Ereignisse dargestellt werden sollen (z. B. einzelne Verkäufe ohne Kontinuität).

Fehler, der immer wieder passiert: Stadtvergleiche über mehrere Jahre als Liniendiagramm darstellen, obwohl die Städte keine sinnvolle Reihenfolge auf der X-Achse haben. Die Linie zwischen „Berlin" und „München" suggeriert fälschlicherweise einen Verlauf zwischen zwei Werten.


Beispiele (5 konkrete)

  1. Klimawandel-Darstellung: Die globale Durchschnittstemperatur von 1880 bis 2025 als Linie – mit einer roten Hervorhebung der Anomalie seit den 1980er-Jahren. Klassisches Kommunikationsmittel in Klimajournalismus.
  2. Aktienkursverläufe: Drei Technologieunternehmen im Vergleich über ein Jahr, drei farblich differenzierte Linien, direkt am rechten Ende beschriftet. Der Wert der Darstellung liegt im Verlauf, nicht im Absolutwert.
  3. COVID-19-Fallzahlen: Mehrliniendarstellung mit täglichen Neu-Infektionszahlen in Deutschland, geglättete 7-Tage-Linie im Vordergrund, Rohwerte als Punkte im Hintergrund.
  4. Webseitentraffic: Ein Liniendiagramm aus Google Analytics zeigt die Seitenaufrufe pro Woche über zwölf Monate. Saisonale Muster (Sommer-Delle, Jahresend-Peak) werden unmittelbar erkennbar.
  5. Schulleistung im Längsschnitt: Mathematik-Testergebnisse einer Schulklasse von Klasse 5 bis Klasse 10 als individuell gezeichnete Linien – jede Schülerin, jeder Schüler eine Linie. Zeigt individuelle Entwicklungsverläufe.

In der Praxis

Datawrapper: Datawrapper bietet einen eigenen Liniendiagramm-Typen mit automatischer Achsenskalierung und Hover-Tooltips. Besonders nützlich: die Option, bestimmte Zeitbereiche farblich zu markieren (z. B. Krisenjahre als grauer Hintergrundbalken). CSV-Import oder Google-Sheets-Anbindung möglich. Das Ergebnis ist ein responsives Embed-Widget.

Flourish: Flourish bietet animierte Liniendiagramme, bei denen neue Datenpunkte in Echtzeit eingeblendet werden können. Das „Line Race"-Template zeigt, wie sich Rankings über Zeit verschieben. Für Storytelling-Sequenzen lassen sich einzelne Linienabschnitte schrittweise durch Scrollen enthüllen (Story-Mode).

D3.js / Observable Plot: In D3.js wird eine Linie über d3.line() erzeugt. Die X- und Y-Skalen werden mit d3.scaleTime() und d3.scaleLinear() definiert. Observable Plot (von Mike Bostock, dem D3-Schöpfer) bietet eine einfachere, deklarative Syntax: Plot.line(data, {x: "date", y: "value"}). Gut geeignet für schnelle, anpassbare Prototypen.


Vergleich & Abgrenzung

DiagrammtypStärkeSchwäche
LiniendiagrammZeitreihen, TrendsSchlechter für Kategorienvergleiche
BalkendiagrammKategorienvergleicheKeine Trendanzeige
FlächendiagrammVolumenwahrnehmungGestapelt schwer lesbar
Scatter PlotKorrelationen zweier VariablenKeine Zeitreihen
SparklineKompakte Mini-Linien in TextKeine Detailwerte

Eine Sparkline ist eine stark verkleinerte, von Achsenbeschriftungen befreite Linie, die direkt im Fließtext oder in Tabellenzellen eingebettet wird. Sie zeigt nur die Trendform, nicht Absolutwerte. Tufte (2001) hat das Konzept popularisiert: „Intense, simple, word-sized graphics."


Häufige Fragen (FAQ)

Muss die Y-Achse beim Liniendiagramm bei Null beginnen? Nein – und das ist ein wichtiger Unterschied zum Balkendiagramm. Bei Liniendiagrammen steht die Verlaufsform (steigend, fallend, Plateaus) im Vordergrund, nicht die absolute Balkenlänge. Wenn sich alle Werte zwischen 95 und 100 bewegen, wäre eine Achse von 0 bis 100 sinnlos – die interessante Variation würde auf einem kleinen Streifen ganz oben verschwinden. Allerdings: Wenn zwei Diagramme verglichen werden sollen, sollten die Achsen identisch skaliert sein.

Wie viele Linien sind sinnvoll? Wilke (2019) empfiehlt als Faustregel maximal drei bis vier Linien für klare Lesbarkeit. Ab fünf Linien sollte man überlegen, ob ein Small-Multiples-Layout (viele kleine Einzeldiagramme nebeneinander) die Botschaft besser vermittelt. Jedes Einzeldiagramm zeigt nur eine Linie, alle auf derselben Skala – so sind Vergleiche möglich, ohne Überladung.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Tufte, E. R. (2001). The Visual Display of Quantitative Information (2. Aufl.). Graphics Press.
  • Wilke, C. O. (2019). Fundamentals of Data Visualization. O'Reilly Media. (clauswilke.com/dataviz)
  • Cairo, A. (2016). The Truthful Art: Data, Charts, and Maps for Communication. New Riders.
  • Few, S. (2012). Show Me the Numbers: Designing Tables and Graphs to Enlighten (2. Aufl.). Analytics Press.
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