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Tortendiagramm (auch Kuchendiagramm) ist eine kreisförmige Darstellung, bei der Kreissegmente die Anteile von Teilmengen an einer Gesamtheit proportional zum Winkel repräsentieren.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: Infografik & Datenvisualisierung · Niveau: Einsteiger


Was ist ein Tortendiagramm?

Das Tortendiagramm unterteilt einen Kreis in Segmente, deren Winkelgröße dem Anteil der jeweiligen Kategorie am Gesamtwert entspricht. 100 % entsprechen 360°. Das Diagramm kommuniziert eine einzige, klare Botschaft: Wie teilt sich ein Ganzes in seine Teile auf?

Es gehört zu den bekanntesten – und zugleich am häufigsten missbrauchten – Diagrammformen. Der entscheidende Unterschied zu anderen Diagrammen: Das Tortendiagramm kann nur sinnvoll eingesetzt werden, wenn alle Segmente zusammen 100 % eines sinnvollen Ganzen ergeben.


Erklärung

Warum Winkel schlecht lesbar sind:

Menschen können Längen deutlich präziser wahrnehmen als Winkel. Cleveland und McGill (1984) haben experimentell nachgewiesen, dass Kreissegmente systematisch falsch eingeschätzt werden – besonders, wenn sie ähnlich groß sind und keine 90°- oder 180°-Grenzen aufweisen. Ein Segment mit 32 % und eines mit 28 % sehen in einem Tortendiagramm fast identisch aus. In einem horizontalen Balkendiagramm ist der Unterschied sofort erkennbar.

Die Fünf-Segmente-Regel:

Wilke (2019) formuliert es klar: Tortendiagramme sind nur dann gerechtfertigt, wenn eine kleine Anzahl von Segmenten (idealerweise 2–4, maximal 5) dargestellt wird und der Kontrast zwischen ihnen deutlich sichtbar ist. Sobald mehr Kategorien vorhanden sind, sollte auf ein Balkendiagramm gewechselt werden.

Sortierung und Startpunkt:

Die größten Segmente sollten oben (bei 12 Uhr) beginnen und im Uhrzeigersinn angeordnet sein. Das entspricht der natürlichen Leserichtung. Alternativ kann man ein „besonderes" Segment – etwa die zu kommunizierende Kernbotschaft – leicht aus dem Kreis herausziehen (Exploded Pie), um es hervorzuheben.

Donut-Variante:

Das Donut-Diagramm (Ringdiagramm) ist ein Tortendiagramm mit einem Loch in der Mitte. Das hat zwei Vorteile: Die Fläche im Zentrum kann für eine Kennzahl (z. B. den Gesamtwert oder einen Titel) genutzt werden, und das Loch zwingt den Blick stärker auf die Bogenlänge der Segmente statt auf die Fläche. Few (2012) ist skeptisch gegenüber dem Donut, weil die Mitte ablenkt – die Wahl bleibt Geschmackssache.

3D-Tortendiagramme:

Dreidimensionale Tortendiagramme sind aus Dataviz-Perspektive abzulehnen. Die Perspektive verzerrt die Winkel und macht vergleichende Urteile noch unzuverlässiger als ohnehin schon. Tufte (2001) nennt solche Darstellungen „chartjunk" – visuelle Elemente, die keine Information hinzufügen, aber die Wahrnehmung erschweren.


Wann einsetzen / wann nicht

Einsetzen, wenn:

  • Exakt eine Frage beantwortet wird: „Wie teilt sich das Ganze auf?"
  • Maximal 4–5 Segmente vorhanden sind, von denen mindestens eines deutlich dominiert.
  • Das Verhältnis „eine große Mehrheit" vs. „kleine Minderheit" kommuniziert werden soll (z. B. 80 % vs. 20 %).
  • Die Zielgruppe laienorientiert ist und das Tortendiagramm als bekannte Form akzeptiert.

Nicht einsetzen, wenn:

  • Mehr als 5 Kategorien dargestellt werden sollen – die kleinen Segmente verschwinden und die Legende wird überwältigend.
  • Präzise Vergleiche zwischen ähnlich großen Segmenten nötig sind.
  • Werte summiert oder subtrahiert werden sollen – das Balkendiagramm ist ehrlicher.
  • Sich die Daten über die Zeit verändern (Zeitreihe) – dafür ist das Liniendiagramm zu verwenden.
  • Die Segmente sich nicht zu einem sinnvollen Ganzen addieren (Mehrfachantworten, überlappende Kategorien).

Die goldene Frage: Würde ein Balkendiagramm dieselbe Botschaft klarer zeigen? Wenn ja – Balken verwenden. Wilke (2019) schreibt: „I am not saying that pie charts are always bad. [...] But I do recommend avoiding them in most situations."


Beispiele (5 konkrete)

  1. Marktanteil der Browser: Drei Hauptbrowser (Chrome 65 %, Firefox 15 %, Safari 12 %) plus ein „Sonstige"-Segment (8 %). Vier Segmente, deutliche Dominanz von Chrome – klassischer, legitimer Tortendiagramm-Einsatz.
  2. Wahlkreis-Ergebnis: Eine Partei gewinnt 52 % der Stimmen, die zweite 38 %, die dritte 10 %. Zwei große Segmente, klare Botschaft. Das Tortendiagramm zeigt die Mehrheit intuitiv.
  3. Haushaltsmittel eines Vereins: Drei Ausgabenposten (Personal 60 %, Sachkosten 25 %, Reserve 15 %) werden als Donut dargestellt. Im Zentrum steht der Gesamtbetrag in Euro.
  4. Bevölkerungsverteilung nach Altersgruppe: Vier Gruppen (0–17 Jahre, 18–39 Jahre, 40–64 Jahre, 65+). Jede Gruppe ist in einer klar unterscheidbaren Farbe; direkte Beschriftung statt Legende.
  5. Religionszugehörigkeit in Deutschland: Nur drei Kategorien (Christlich, Ohne Bekenntnis, Andere) – eine seltene Situation, in der ein Tortendiagramm funktioniert und schnell gelesen wird.

In der Praxis

Datawrapper: Datawrapper bietet sowohl das klassische Tortendiagramm als auch die Donut-Variante. Wichtig: Datawrapper erzwingt keine Mindestanzahl an Segmenten – das liegt in der Verantwortung der Nutzerinnen und Nutzer. Die Plattform sortiert Segmente automatisch und bietet Optionen für direkte Beschriftungen oder Legenden. Responsives Embed-Widget für Webartikel.

Flourish: Flourish bietet ansprechende Donut-Templates mit Animationen beim Laden. Für interaktive Dashboards lassen sich Segmente beim Hover hervorheben und mit Tooltips versehen. Flourish warnt nicht vor zu vielen Segmenten – das redaktionelle Urteil bleibt beim Menschen.

D3.js: In D3.js werden Tortendiagramme über d3.pie() und d3.arc() erzeugt. Das pie()-Layout berechnet die Start- und Endwinkel für jedes Segment; arc() zeichnet den Pfad. Der innere Radius bei arc() bestimmt, ob es ein Tortendiagramm (innerRadius: 0) oder ein Donut (innerRadius > 0) ist. Für animierte Übergänge lassen sich Datenbindungen und Tweens nutzen.


Vergleich & Abgrenzung

DiagrammtypEignet sich fürSchwäche
TortendiagrammAnteile, max. 5 SegmenteWinkel schlecht schätzbar
Donut-DiagrammAnteile + Kennzahl im ZentrumGleiche Lesbarkeitsgrenze
BalkendiagrammPräzise AnteilsvergleicheWeniger intuitiv für „Ganzes"
Waffle ChartAnteile anschaulich, bei LaienNur ganzzahlige Prozente
Gestapelter BalkenMehrere Gruppen mit AnteilenEinzelsegmente schlechter vergleichbar

Häufige Fragen (FAQ)

Sind Tortendiagramme wirklich so schlecht, wie Dataviz-Experten sagen? Differenziert betrachtet: Tortendiagramme sind kein schlechtes Werkzeug, wenn sie korrekt eingesetzt werden. Das Problem ist, dass sie durch Software-Standardeinstellungen oft mit zu vielen Segmenten, in 3D oder mit sich nicht summierenden Daten erzeugt werden. In diesen Fällen schaden sie mehr als sie nützen. Mit 2–4 klaren Segmenten, direkter Beschriftung und flachem Design können sie effektiv kommunizieren.

Was ist der Unterschied zwischen Tortendiagramm und Donut-Diagramm? Technisch: Nur das zentrale Loch. Das Donut-Diagramm entfernt die Fläche im Zentrum und nutzt sie optional für eine Kennzahl (Gesamt, Titel). Optisch lenkt das Loch den Fokus stärker auf die Bogenlänge der Segmente (Umfang) statt auf die Fläche – was theoretisch präzisere Urteile ermöglicht. In der Praxis ist der Unterschied für die meisten Betrachter gering.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Few, S. (2012). Show Me the Numbers (2. Aufl.). Analytics Press.
  • Wilke, C. O. (2019). Fundamentals of Data Visualization. O'Reilly Media.
  • Tufte, E. R. (2001). The Visual Display of Quantitative Information (2. Aufl.). Graphics Press.
  • Cairo, A. (2016). The Truthful Art. New Riders.
  • Cleveland, W. S. & McGill, R. (1984). Graphical Perception. Journal of the American Statistical Association, 79(387), 531–554.
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