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Card Sorting ist eine partizipative UX-Forschungsmethode, bei der Testpersonen Begriffe oder Inhalte auf physischen oder digitalen Karten eigenständig in Gruppen ordnen, um mentale Modelle für Navigationssysteme und Informationsarchitekturen sichtbar zu machen.

Rubrik: Mediendesign & Digitale Medien · Unterrubrik: UX Research · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Kartensortierung, Kartenmethode, Open Card Sort, Closed Card Sort


Was ist Card Sorting?

Card Sorting ist eine bewährte Methode der Informationsarchitektur, bei der echte Nutzer Karten mit Begriffen, Themen oder Inhalten in für sie logische Gruppen einteilen. Die Ergebnisse zeigen, wie die Zielgruppe Inhalte kategorisch denkt – und damit, wie Menüstrukturen, Kategoriesysteme oder Seitenhierarchien gestaltet sein sollten, damit Nutzer sich intuitiv zurechtfinden. Card Sorting ist besonders wertvoll vor der Entwicklung oder Überarbeitung von Websites, Apps oder komplexen Content-Systemen.


Erklärung

Card Sorting gibt es in drei grundlegenden Varianten:

Open Card Sorting: Die Teilnehmenden erhalten eine Menge von Karten (typischerweise 30–100 Begriffe) und bilden selbst Gruppen, die sie anschließend benennen. Diese Variante eignet sich für die explorative Phase, wenn noch keine Kategoriestruktur existiert und man verstehen möchte, wie Nutzer Inhalte natürlich bündeln.

Closed Card Sorting: Die Kategorienamen sind vorgegeben; die Teilnehmenden ordnen die Karten nur zu. Diese Variante prüft, ob eine bestehende oder geplante Kategorisierung für Nutzer nachvollziehbar ist.

Hybrid Card Sorting: Kombination aus beiden Varianten – Kategorien sind teilweise vorgegeben, neue dürfen hinzugefügt werden.

Für die Durchführung werden mindestens 15–20 Teilnehmende pro Nutzersegment empfohlen, da die Analyse statistische Muster erfordert. Die Auswertung erfolgt über Dendrogramme (Baumdiagramme der Ähnlichkeiten), Ähnlichkeitsmatrizen oder Cluster-Analysen. Digitale Tools wie Optimal Workshop (OptimalSort), UserZoom oder Maze automatisieren diese Auswertung und liefern visuelle Berichte direkt nach der Testphase.

Card Sorting steht oft am Anfang eines Informationsarchitektur-Prozesses und wird anschließend durch Tree Testing validiert: Während Card Sorting die Struktur generiert, überprüft Tree Testing, ob Nutzer in dieser Struktur das Gesuchte finden.

Ein häufiger Fehler ist es, zu viele Karten zu verwenden. Ab 120 Karten sinkt die Teilnahmebereitschaft und Konzentration erheblich. Optimal sind 40–80 Begriffe, die die wichtigsten Inhaltsbereiche des Systems repräsentieren.


Beispiele

  1. App-Entwicklung: Ein Gesundheitsportal lässt Patienten 60 Begriffe (Symptome, Fachbereiche, Services) sortieren, um die Navigationsstruktur der neuen App zu entwickeln.
  2. E-Commerce: Ein Onlineshop für Elektronik führt ein Closed Card Sort durch, um zu prüfen, ob Nutzer Produkte den internen Warenkategorien richtig zuordnen würden.
  3. Öffentlicher Sektor / NGO: Eine Bibliothek sortiert ihr digitales Ressourcenangebot mit Hilfe von Studierenden und Lehrenden neu, nachdem Nutzungsdaten zeigen, dass 40 % der Inhalte nie gefunden werden.
  4. Startup: Ein SaaS-Tool für Projektmanagement überarbeitet sein Einstellungsmenü auf Basis eines Hybrid Card Sorts – Nutzer hatten wiederholt Schwierigkeiten, Funktionen zu finden.
  5. Agentur-Perspektive: Eine Digitalagentur setzt Card Sorting im Kick-off eines Website-Relaunches ein, um gemeinsam mit dem Kunden und echten Endnutzern die Seitenarchitektur zu validieren, bevor das erste Wireframe entsteht.

In der Praxis

Typischer Ablauf:

  1. Vorbereitung: Inhaltsliste des Systems zusammenstellen und auf 40–80 repräsentative Begriffe reduzieren. Tool wählen (physisch: Moderationskarten; digital: OptimalSort, Maze, Miro).
  2. Rekrutierung: 15–30 Teilnehmende aus der Zielgruppe, per Remote oder vor Ort.
  3. Durchführung: Briefing zur Aufgabe, Sortierung ohne Einmischung der Moderierenden; bei physischen Sessions laut denken lassen (Think-Aloud-Protokoll).
  4. Auswertung: Dendrogramm und Ähnlichkeitsmatrix analysieren, Cluster identifizieren und benennen.
  5. Anwendung: Vorgeschlagene Kategoriestruktur entwickeln und mit Tree Testing validieren.

Tools: OptimalSort (Optimal Workshop), Maze, UserZoom, Miro (physischer Ansatz digital simuliert), Figma (für iterative IA-Prototypen).


Vergleich & Abgrenzung

Card Sorting und Tree Testing sind komplementäre Methoden: Card Sorting generiert eine Struktur bottom-up aus Nutzerperspektive, Tree Testing validiert diese Struktur durch Navigationstests. Card Sorting sollte daher vor Tree Testing stattfinden. Im Vergleich zu User Interviews liefert Card Sorting quantitativ auswertbare Muster über viele Teilnehmende; es erklärt aber nicht, warum Nutzer bestimmte Zuordnungen treffen – hierfür sind begleitende qualitative Methoden sinnvoll.


Häufige Fragen (FAQ)

Wie viele Karten sollte ich verwenden? Die Forschungsliteratur empfiehlt 40–80 Karten als optimale Spanne. Zu wenige Karten produzieren triviale Ergebnisse; zu viele überfordern Teilnehmende und verringern die Datenqualität. Jakob Nielsen und seine Kolleginnen empfehlen, sich auf die Inhalte zu konzentrieren, über die echte Unsicherheit bezüglich der Kategorisierung besteht.

Kann ich Card Sorting remote durchführen? Ja, und es ist heute die häufigste Form. Remote-Card-Sorting über Tools wie OptimalSort oder Maze erlaubt es, deutlich mehr Teilnehmende zu erreichen, ohne Reisekosten oder Logistikaufwand. Der Nachteil: Man verliert die Möglichkeit, spontane Kommentare und Körpersprache zu beobachten. Eine Kombination aus Remote-Sort und wenigen moderierten Think-Aloud-Sessions ist deshalb empfehlenswert.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Rosenfeld, L. / Morville, P. / Arango, J. (2015): Information Architecture: For the Web and Beyond. 4. Aufl. O'Reilly Media.
  • Spencer, D. (2009): Card Sorting: Designing Usable Categories. Rosenfeld Media.
  • Nielsen, J. (2004): Card Sorting: How Many Users to Test. Nielsen Norman Group Report.
  • Online: Optimal Workshop Blog – „A beginner's guide to card sorting" (optimalworkshop.com)
  • Online: Nielsen Norman Group – „Card Sorting: Uncover Users' Mental Models" (nngroup.com)
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