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Open-Source-Software ist Software, deren Quellcode öffentlich zugänglich ist und von jedem gelesen, verändert und weitergegeben werden darf. Die Open-Source-Bewegung hat seit den 1980er Jahren grundlegende Infrastrukturen des digitalen Medienökosystems geschaffen.

Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Digitale Ära · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Open Source, Freie Software, FOSS, FLOSS


Was ist die Open-Source-Bewegung?

Die Open-Source-Bewegung ist mehr als ein technisches Konzept: Sie ist eine soziale Bewegung, die auf den Überzeugungen basiert, dass Wissen geteilt werden soll, dass kollektive Entwicklung bessere Software produziert als proprietäre Entwicklung und dass digitale Infrastruktur nicht von einzelnen Unternehmen kontrolliert werden sollte. Ihr Einfluss auf die Medienlandschaft reicht von der technischen Infrastruktur des Webs bis zu Wikipedia und modernen KI-Modellen.


Erklärung

Ideologische Wurzeln: Hacker-Kultur und Richard Stallman (1970er–1985)

Die Ursprünge der Open-Source-Bewegung liegen in der akademischen Computer-Kultur der 1960er und 1970er Jahre. Am MIT und an anderen Universitäten war es selbstverständlich, Software zu teilen und gemeinsam weiterzuentwickeln. Software-Quellcode wurde in Magazinen abgedruckt; Nutzer modifizierten und verbesserten Programme.

Richard Stallman, Programmierer am MIT AI Lab, erlebte Mitte der 1970er Jahre den Übergang zur proprietären Softwarewelt. Als er 1980 den Treiber seines Druckers verbessern wollte, verweigerte ihm der Hersteller den Quellcode-Zugang. Stallman sah dies als ethisches Problem: Software-Quellcode geheim zu halten schaffe ungerechte Machtasymmetrien.

1985 gründete Stallman die Free Software Foundation (FSF) und formulierte die GNU General Public License (GPL): Copyleft statt Copyright. Software, die unter GPL steht, darf verwendet, verändert und weitergegeben werden – aber abgeleitete Werke müssen ebenfalls unter GPL stehen. Diese „virale" Klausel verhinderte die Einverleibung freier Software in proprietäre Produkte.

Stallman's Unterscheidung war wichtig: „Free" im Sinne von Freiheit (free speech), nicht von Preis (free beer). Diese ideologische Fundierung unterschied die Bewegung von pragmatischen Open-Source-Ansätzen.

Linux und die Infrastruktur des Internets (1991–heute)

Linus Torvalds, ein 21-jähriger Informatikstudent aus Helsinki, veröffentlichte im August 1991 in einer Newsgroup die Nachricht: „I'm doing a (free) operating system (just a hobby, won't be big and professional like gnu)." Dieses Betriebssystem war Linux.

Linux wurde unter der GPL veröffentlicht und wuchs durch Tausende freiwillige Beitragende weltweit. Heute läuft Linux auf:

  • Über 96 % aller Webserver der Welt
  • Allen Android-Smartphones (Android basiert auf dem Linux-Kernel)
  • Den leistungsstärksten Supercomputern der Welt (alle Top-500-Supercomputer)
  • Satellitensteuerungssystemen, Autos, Smart-TVs

Ohne Linux gäbe es kein modernes Internet in seiner heutigen Form. Die digitale Medieninfrastruktur – Webserver, Cloud-Computing, Streaming-Plattformen – basiert weitgehend auf Open-Source-Software.

Der Begriff „Open Source" und die pragmatische Wende (1998)

1998 prägten Eric S. Raymond und Bruce Perens den Begriff „Open Source" als bewusstes Rebranding der Freie-Software-Bewegung. Der Begriff sollte weniger ideologisch klingen und für Unternehmen attraktiver sein. Raymond veröffentlichte den einflussreichen Essay „The Cathedral and the Bazaar" (1997/1999): Er beschrieb, wie das Linux-Entwicklungsmodell (viele lose koordinierte Mitwirkende = Basar) besser funktionierte als hierarchische Unternehmensentwicklung (Kathedrale).

Die Netscape Communications Corporation veröffentlichte 1998 den Quellcode ihres Browsers unter freier Lizenz – der Beginn des Mozilla-Projekts, aus dem Firefox entstand. Dies war der erste große kommerzielle Schritt in Richtung Open Source.

Das Web und Open-Source-Werkzeuge

Die gesamte Web-Infrastruktur ist tief in Open-Source-Technologien verwurzelt:

Apache HTTP Server (1995): Der meistgenutzte Webserver-Software seit den frühen Web-Jahren; Open-Source, von der Apache Software Foundation entwickelt.

PHP, MySQL, PostgreSQL: Die Grundlage für dynamische Websites und Datenbanken. Das sogenannte LAMP-Stack (Linux, Apache, MySQL, PHP) war über ein Jahrzehnt die dominierende Web-Technologie.

WordPress (2003): Das am weitesten verbreitete Content-Management-System; Open-Source-PHP. Rund 40 % aller Webseiten weltweit laufen auf WordPress. Für Verlage, Blogs und Newsrooms ist WordPress ein fundamentales Werkzeug (vgl. Blogs und Podcasting: Demokratisierung der Medien).

Firefox (2004): Der Quelloffene Browser aus dem Mozilla-Projekt als Alternative zu Microsofts Internet Explorer.

Chromium: Die Open-Source-Basis von Googles Chrome-Browser; auch Grundlage von Microsoft Edge, Brave und anderen Browsern.

Wikipedia: Open-Source-Prinzipien angewandt auf Wissen (2001)

Wikipedia ist Open-Source-Prinzipien auf Wissensproduktion angewendet. Gegründet 2001 von Jimmy Wales und Larry Sanger, basiert Wikipedia auf der Überzeugung, dass kollaborative Wissensproduktion hochwertige Ergebnisse liefert. Die englische Wikipedia umfasst heute über 6,7 Millionen Artikel, produziert von Millionen freiwilliger Autoren ohne Vergütung.

Wikipedia läuft auf der Open-Source-Software MediaWiki (ebenfalls unter GPL). Der Inhalt selbst steht unter Creative Commons-Lizenz (CC BY-SA), was die Weiterverwendung und Adaption erlaubt.

Für Medienschaffende ist Wikipedia unverzichtbares Recherchewerkzeug, aber keine zitierfähige Primärquelle – die Quellenangaben in Wikipedia-Artikeln sind die eigentlich relevanten Dokumente.

Open-Source-Journalismus und Medientransparenz

Die Open-Source-Bewegung hat Einfluss auf journalistische Praktiken:

Datenjournalismus-Werkzeuge: Tools wie QGIS (Geoinformationen), OpenRefine (Datensäuberung), Gephi (Netzwerkanalyse) und R sind Open-Source und ermöglichten den Aufstieg des Datenjournalismus.

OpenStreetMap (2004): Das Open-Source-Äquivalent zu Google Maps, erstellt von freiwilligen Beitragenden weltweit. Nachrichtenorganisationen und NGOs nutzen OpenStreetMap für Krisen-Kartierung.

Document Cloud und Quellenschutz-Tools: SecureDrop (entwickelt von Aaron Swartz und James Dolan, gewartet von Freedom of the Press Foundation) ist eine Open-Source-Plattform, über die Whistleblower sicher Dokumente an Journalisten übergeben können. Die New York Times, Der Spiegel und viele andere Newsrooms nutzen SecureDrop.

Investigativer Journalismus: Im Panama-Papers-Leak (2016) und Pandora Papers (2021) analysierten über 400 Journalisten aus 150 Ländern gemeinsam Millionen von Dokumenten – ermöglicht durch kollaborative Open-Source-Plattformen und das ICIJ (International Consortium of Investigative Journalists).

Open Source und KI

Die jüngste Phase der Open-Source-Bewegung betrifft KI-Modelle:

Meta LLaMA (2023): Meta veröffentlichte das Large Language Model LLaMA als Open-Source, was Forscher und Unternehmen weltweit befähigte, eigene KI-Modelle zu entwickeln. LLaMA 2 und LLaMA 3 wurden zu Grundlagen für Hunderte abgeleiteter Modelle (vgl. ChatGPT (2022): Wie KI die Medienwelt verändert).

Stable Diffusion (2022): Das Open-Source-Bildgenerierungsmodell (vgl. Geschichte der KI-Bildgeneratoren (DALL-E, Midjourney, Stable Diffusion)) ermöglichte die lokale Ausführung von Bildgenerierung ohne Cloud-Abhängigkeit.

Hugging Face: Plattform für Open-Source-KI-Modelle, Datensätze und Demos; wird als „GitHub der KI" bezeichnet.

Die Frage, ob KI-Modelle Open-Source sein sollten, ist umstritten: Offenheit fördert Forschung und demokratisiert Zugang; sie ermöglicht aber auch Missbrauch (Deepfakes, Desinformation) ohne Kontrollmechanismen.


Beispiele

  • Linux-Kernel (1991): Grundlage der digitalen Medieninfrastruktur
  • Wikipedia (2001): Open-Source-Prinzipien auf Wissensproduktion angewandt
  • WordPress (2003): CMS für 40 % aller Webseiten
  • SecureDrop (2013): Whistleblower-Plattform für Nachrichtenorganisationen
  • Meta LLaMA (2023): Open-Source-KI-Sprachmodell als Demokratisierungsinstrument

In der Praxis

Für Redaktionen: Open-Source-Tools sind für kleinere Redaktionen ohne große IT-Budgets unverzichtbar. WordPress, OpenStreetMap und SecureDrop sind direkt für journalistische Arbeit nutzbar.

Für Medienpädagogen: Open-Source-Medienproduktionssoftware (Audacity für Audio, Inkscape für Vektorgrafik, GIMP für Bildbearbeitung, DaVinci Resolve für Video) ermöglicht Medienproduktions-Kurse ohne hohe Lizenzkosten.


Vergleich & Abgrenzung

LizenztypBeispielNutzungÄnderungenKommerziell
GPL (Copyleft)Linux, WordPressFreiMuss offen bleibenMit Einschränkungen
MIT/BSD (Permissiv)Node.js, jQueryFreiKann proprietär werdenVollständig erlaubt
Creative CommonsWikipediaJe nach VarianteJe nach VarianteJe nach Variante
ProprietärWindows, PhotoshopLizenz nötigVerbotenLizenzgebühr

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist der Unterschied zwischen „Free Software" und „Open Source"? Beide beschreiben überwiegend dieselben Softwarearten, unterscheiden sich in Betonung: „Free Software" (Stallman/FSF) betont ethische Prinzipien der Freiheit; „Open Source" (Raymond/OSI) betont pragmatische Vorteile kollaborativer Entwicklung.

Verdient niemand mit Open-Source-Software Geld? Doch. Red Hat (übernommen von IBM für 34 Milliarden Dollar) verkauft Support und Zertifizierungen für Linux. WordPress-Unternehmen Automattic hat über eine Milliarde Dollar Wert. Open-Source-Code ist gratis; Dienstleistungen, Support und Hosting sind es nicht.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Stallman, Richard (2002): Free Software, Free Society. Selected Essays. GNU Press, Cambridge, MA.
  • Raymond, Eric S. (1999): The Cathedral and the Bazaar. Musings on Linux and Open Source by an Accidental Revolutionary. O'Reilly, Sebastopol.
  • Weber, Steven (2004): The Success of Open Source. Harvard University Press, Cambridge.
  • Moody, Glyn (2001): Rebel Code. Linux and the Open Source Revolution. Perseus Publishing, Cambridge.
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