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Der Tonfilm bezeichnet das Verfahren, bei dem Bild und Ton im Film synchronisiert werden; die entscheidende Weichenstellung erfolgte am 6. Oktober 1927 mit der Premiere von „The Jazz Singer" (Warner Bros.), dem ersten kommerziell erfolgreichen Spielfilm mit synchronisierten Dialogszenen.

Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Films · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Talkie, Sprechfilm, Lichtton, Sound Film, Synchronton, „Talkies"

Was ist/war der Tonfilm?

Der Tonfilm ist das Ergebnis einer jahrelangen Suche nach einer technisch zuverlässigen Methode, um Bild und Ton im Kino synchron wiederzugeben. Obwohl die Idee des Tonfilms so alt ist wie das Kino selbst – Edison träumte bereits 1891 vom „Kinetophon" – scheiterten frühe Versuche an mangelnder Verlässlichkeit. Das Vitaphone-System der Warner Bros., das bei „The Jazz Singer" zum Einsatz kam, und das zeitgleich entwickelte Lichtton-Verfahren lösten das technische Problem und revolutionierten das Kino innerhalb weniger Jahre.

Erklärung

Die technische Entwicklung des Tonfilms verlief in zwei parallelen Bahnen. Das erste kommerzielle System war das Vitaphone-Verfahren von Warner Bros.: Dabei wurde der Ton auf separate Schallplatten aufgezeichnet, die synchron zur Filmprojektion abgespielt wurden. Das Problem: Schallplatten konnten brechen oder sich verschieben – Synchronisation war alles andere als garantiert. Dennoch nutzte Warner Bros. das Vitaphone-System ab 1926 zunächst für Musikbegleitungen und kurze Tonfilmakte.

Das zweite und langfristig überlegene System war das Lichtton-Verfahren (Optical Sound / Ton-auf-Film): Hier wurde der Ton als fotografische Spur direkt auf den Filmstreifen aufgezeichnet und garantierte damit automatische Synchronisation. Lee de Forest hatte dieses Verfahren bereits 1923 als „Phonofilm" demonstriert; Fox entwickelte es mit dem „Movietone"-System und Warner Bros. wechselte schließlich ab 1929 ebenfalls auf Lichtton.

„The Jazz Singer" (1927) mit Al Jolson war nicht der erste Tonfilm überhaupt, aber der erste, der beim Massenpublikum ankam und die Industrie überzeugte. Der Film enthielt hauptsächlich Musiknummern und Stummfilm-Segmente, aber zwei Szenen, in denen Jolson tatsächlich gesprochenen Dialog hatte – darunter der legendäre spontane Satz „Wait a minute, wait a minute. You ain't heard nothin' yet!" – erzeugten beim Publikum eine Sensation. Diese wenigen Minuten synchonisierten Tons reichten aus, um das Ende des Stummfilms einzuläuten.

Die Folgen des Tonfilms waren tiefgreifend und oft brutal:

Technische Auswirkungen: Kameras mussten in schalldichte Kabinen eingesperrt werden, da ihre mechanische Laufgeräusche die Mikrofone störten. Dies lähmte zunächst die Beweglichkeit der Kamera, die im späten Stummfilm so mühsam erkämpft worden war. Aufnahmestudios mussten akustisch gedämmt werden. Die Kosten der Filmproduktion stiegen drastisch. Erst mit beweglichen Mikrofon-Angeln (Boom) und verbesserten Kameras Anfang der 1930er gewann die Filmsprache ihre Beweglichkeit zurück.

Karriereschäden: Zahlreiche Stummfilmstars scheiterten im Tonfilm. Manche hatten Akzente, die das amerikanische Publikum nicht akzeptierte; andere hatten hohe oder uncharismatische Stimmen, die zur etablierten Leinwandpersönlichkeit nicht passten. John Gilbert, einer der größten Stummfilmstars, verlor innerhalb weniger Jahre seine Karriere – obwohl die viel zitierte Geschichte, seine Stimme sei zu hoch gewesen, von vielen Historikern als Legende eingestuft wird.

Internationale Konsequenzen: Mit dem Tonfilm verlor das Kino vorübergehend seine universale Verständlichkeit. Ein Stummfilm war überall auf der Welt mit lokalen Zwischentiteln übersetzbar; ein amerikanischer Sprechfilm war für nichtanglophone Zuschauer zunächst unverständlich. Die Lösung waren zunächst mehrsprachige Produktionen (derselbe Film in mehreren Sprachversionen gedreht) und dann die Synchronisation, die in Deutschland besonders früh und professionell entwickelt wurde.

Künstlerische Auswirkungen: Die neue Dominanz des gesprochenen Wortes veränderte das Verhältnis von Bild und Ton fundamental. Filme wurden literarischer und theaternaher; der visuelle Erfindungsreichtum des Stummfilms nahm vorübergehend ab. Kritiker wie Rudolf Arnheim und Béla Balázs beklagten den „Rückfall ins Theater". Erst allmählich entwickelten Filmemacher eine eigene Tonfilm-Ästhetik, die Bild und Ton als gleichwertige, wechselwirkende Ebenen behandelte.

Wichtige Filme & Regisseure

  • „The Jazz Singer" (Alan Crosland / Warner Bros., 1927) – Durchbruch des kommerziellen Tonfilms; Al Jolson als Star
  • „Lights of New York" (Bryan Foy, 1928) – Erster vollständiger Tonspielfilm (100 % Ton, keine Stummfilm-Elemente)
  • „Sunrise: A Song of Two Humans" (F.W. Murnau, 1927) – Stummfilm-Meisterwerk mit Musikspur; Übergangswerk zwischen den Ären
  • „Blackmail" (Alfred Hitchcock, 1929) – Erster britischer Tonfilm; Hitchcock nutzt Ton als dramaturgisches Mittel
  • „City Lights" (Charlie Chaplin, 1931) – Chaplin verweigerte den Dialog-Tonfilm; trotzdem eine Tonfilm-Produktion mit Musikspur
  • „M – Eine Stadt sucht einen Mörder" (Fritz Lang, 1931) – Meisterhafter früher Tonfilm; Stille und Lärm als dramaturgische Mittel

Historische Bedeutung

Der Übergang zum Tonfilm war die größte technische Revolution in der Geschichte des Kinos und veränderte die gesamte Filmwirtschaft innerhalb weniger Jahre grundlegend. Er trieb die Standardisierung und Industrialisierung der Filmproduktion voran, da nun teure Tonausrüstung, akustisch optimierte Studios und neue Vertragssysteme für Schauspieler mit Gesangs- und Sprachtraining erforderlich wurden. Das Hollywood-Studio-System profitierte, da kleine unabhängige Produzenten die Umrüstungskosten nicht aufbringen konnten.

Vergleich & Abgrenzung

Der Tonfilm verhielt sich zum Stummfilm wie die Photographie zur Malerei: Er verdrängte ihn nicht vollständig, aber er veränderte die Bedingungen und Möglichkeiten des Mediums fundamental. Der Stummfilm wurde zur Nische und später zur Kunstform für Cinephile und Nostalgiker. Parallelen zur digitalen Revolution des Kinos in den 1990ern sind offensichtlich: In beiden Fällen erzwang eine technische Innovation eine komplette Neuorientierung der Industrie.

Häufige Fragen (FAQ)

War „The Jazz Singer" wirklich der erste Tonfilm? Nein. Es gab zahlreiche frühere Versuche: Edison mit dem Kinetophon (1913), Lee de Forest mit Phonofilm (1923) und verschiedene Warner-Bros.-Kurzfilme im Vitaphone-Verfahren ab 1926. „The Jazz Singer" war jedoch der erste kommerziell erfolgreiche Tonfilm, der das Publikum überzeugte und die Industrie zum Umdenken bewegte. Zudem war er kein Tonfilm im heutigen Sinne – der größte Teil des Films ist Stummfilm mit Musikuntermalung.

Warum lehnten Künstler wie Chaplin den Tonfilm ab? Chaplin und andere sahen im Tonfilm eine Bedrohung der universalen Ausdruckskraft des stummen Kinos. Der Stummfilm war eine globale Kunstform ohne Sprachbarrieren; der Tonfilm schuf nationale und sprachliche Grenzen. Chaplin sprach auch künstlerische Bedenken aus: Er sah die Sprache als Konkurrenz zur visuellen Bildkraft. Erst 1940 mit „The Great Dictator" wechselte er zum vollständigen Dialog-Tonfilm – und nutzte die Sprache dann für die berühmte Schlussrede.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Crafton, Donald: „The Talkies: American Cinema's Transition to Sound, 1926–1931", University of California Press, 1997
  • Walker, Alexander: „The Shattered Silents: How the Talkies Came to Stay", Harmon, 1979
  • Academy Film Archive:
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