David Wark Griffith (1875–1948) war ein amerikanischer Stummfilmregisseur, der zwischen 1908 und 1916 die fundamentalen Ausdrucksmittel des Films – Schnitt, Close-Up, Parallelmontage, Establishing Shot – systematisch entwickelte und damit die Grammatik des Kinos begründete.
Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Films · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: „Vater der Filmsprache", „Father of Film Grammar", D.W. Griffith
Was ist/war D.W. Griffiths Bedeutung für die Filmgeschichte?
David Wark Griffith begann 1908 als Regisseur bei der American Biograph Company und drehte in wenigen Jahren Hunderte von Kurzfilmen, in denen er sukzessive die Möglichkeiten der Kamera und des Schnitts erkundete. Mit „The Birth of a Nation" (1915) und „Intolerance" (1916) schuf er zwei wegweisende Spielfilme, die die Filmsprache revolutionierten – auch wenn „The Birth of a Nation" wegen seines rassistischen Inhalts und seiner Verherrlichung des Ku-Klux-Klan bis heute zurecht massiv kritisiert wird. Griffith etablierte das Vokabular, mit dem Filme erzählen.
Erklärung
Vor Griffith war das Kino im Wesentlichen eine Aufnahme des Theaters: Die Kamera stand fest, Schauspieler bewegten sich vor ihr wie auf einer Bühne, und eine Szene wurde komplett in einer einzigen Einstellung gezeigt. Griffith verstand – und bewies durch Experimente –, dass die Kamera aktiv am Erzählen teilnehmen kann. Er entwickelte oder perfektionierte folgende filmsprachliche Mittel, die heute als selbstverständlich gelten:
Close-Up (Nahaufnahme): Griffith zeigte erstmals systematisch Gesichter in Großaufnahme, um Emotionen sichtbar zu machen. Während das Theaterpublikum vom Parkett aus Mimik kaum wahrnehmen konnte, erlaubte die Filmkamera das Eintauchen in das Gesicht eines Schauspielers. Die Nahaufnahme wurde damit zum wichtigsten Ausdrucksmittel des stummen Films – wo Dialoge fehlten, sprachen Augen und Mund.
Parallelmontage (Cross-Cutting): Griffith entwickelte die Technik des abwechselnden Zeigens zweier gleichzeitig stattfindender Handlungsstränge, um Spannung zu erzeugen. Die klassische „Last-Minute-Rettung" – Held eilt herbei, während Heldin in Gefahr ist – wurde durch diese Technik zum dramaturgischen Standardmittel des Kinos. Eisenstein und alle späteren Filmemacher bauten auf dieser Grundlage auf.
Establishing Shot: Griffith führte die Praxis ein, eine Szene mit einer Totalen zu eröffnen, die dem Zuschauer den Raum zeigt, bevor auf Nah- und Detailaufnahmen geschnitten wird. Diese Konvention strukturiert bis heute die meisten Spielfilme.
Tracking Shot und Kamerabewegung: Griffith experimentiierte mit Kamerafahrten und Schwenks, um den Bildraum zu dynamisieren – eine Praxis, die zuvor kaum existierte.
Rhythmischer Schnitt: Durch das Variieren der Schnittfrequenz – kurze Schnitte für Spannung, längere für Ruhe – gestaltete Griffith das emotionale Tempo eines Films aktiv.
„The Birth of a Nation" (1915) demonstrierte all diese Techniken in einem abendfüllenden Spielfilm und war kommerziell ein riesiger Erfolg. Er ist technisch ein Meilenstein der Filmsprache. Inhaltlich glorifiziert er den Ku-Klux-Klan und zeigt afroamerikanische Charaktere in rassistischen Klischees – ein Umstand, der bei der Premiere zu Protesten führte und das Werk bis heute moralisch diskreditiert. Als Reaktion auf die Kritik drehte Griffith „Intolerance" (1916), ein komplexes Werk, das vier historische Epochen parallel montierte und die Grenzen der Filmerzählung dramatisch erweiterte.
Griffiths Einfluss auf Filmemacher wie Sergei Eisenstein, Vsevolod Pudovkin und alle Vertreter des klassischen Hollywoodkinos war direkt und enorm. Eisenstein bezeichnete Griffith als seinen wichtigsten Lehrmeister, auch wenn er dessen Montageprinzipien in eine andere, dialektische Richtung weiterentwickelte.
Wichtige Filme & Regisseure
- „The Birth of a Nation" (D.W. Griffith, 1915) – Technisch revolutionär, inhaltlich rassistisch; kommerziell erfolgreichster Stummfilm seiner Zeit
- „Intolerance" (D.W. Griffith, 1916) – Vier parallele Erzählstränge aus verschiedenen Epochen; Meisterwerk der Montage
- „Broken Blossoms" (D.W. Griffith, 1919) – Sensibles Drama über Rassismus und Gewalt; wegweisend für das melodramatische Kino
- „Way Down East" (D.W. Griffith, 1920) – Meisterhafter Einsatz von Parallelmontage in der berühmten Eisscholle-Sequenz
- „Judith of Bethulia" (D.W. Griffith, 1914) – Erster amerikanischer Langspielfilm von Griffith
- „The Musketeers of Pig Alley" (D.W. Griffith, 1912) – Frühes Gangsterdrama; Vorläufer des Film noir
Historische Bedeutung
Griffith kodifizierte die Sprache des Films. Die Konventionen, die er entwickelte – Close-Up, Parallelmontage, Establishing Shot, rhythmischer Schnitt – sind so grundlegend in das Kino eingeschrieben, dass sie heute unsichtbar sind: Wir nehmen sie wahr, ohne sie zu bemerken. Jeder Filmemacher von Eisenstein über Hitchcock bis Nolan arbeitet mit Mitteln, die Griffith systematisierte. Gleichzeitig illustriert „The Birth of a Nation" auf erschreckende Weise, wie ein mächtiges Medium zur Propagierung von Rassismus und Hass eingesetzt werden kann – ein medienpädagogisch wichtiges Lehrstück.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu Méliès, der die Kamera als Zauberapparatur verstand, verstand Griffith sie als Erzählinstanz. Während Méliès theaterorientiert arbeitete, löste Griffith den Film endgültig von der Bühne. Im Vergleich zu Eisenstein, der wenige Jahre später die Montagetheorie entwickelte, war Griffiths Ansatz intuitiver und emotionaler: Er wollte Gefühle erzeugen, keine dialektischen Ideen kommunizieren. Eisenstein überführte Griffiths Erbe in eine theoretisch fundierte, politisch motivierte Filmpraxis.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie kann man Griffiths künstlerisches Erbe von seinem rassistischen Film trennen? Dies ist eine der schwierigen Fragen der Filmgeschichte. „The Birth of a Nation" kann nicht von seinem Inhalt getrennt werden – der Film ist inhärent rassistisch und hat nachweislich zur Wiedererstarkerung des Ku-Klux-Klan in den USA beigetragen. Gleichzeitig sind Griffiths filmtechnische Innovationen real und historisch bedeutsam. Der Filmhistoriker muss beides anerkennen: das technische Erbe und die moralische Verwerflichkeit. Der Film sollte, wenn überhaupt, nur im kritischen Kontext gezeigt werden.
Was bedeutet „Filmsprache" und wer hat sie erfunden? Filmsprache bezeichnet das System visueller und auditiver Mittel, mit denen ein Film eine Geschichte erzählt – Einstellungsgrößen, Kamerabewegungen, Schnitt, Licht, Ton. Griffith hat diese Sprache nicht allein erfunden; auch Edwin S. Porter (1903) und andere Pioniere leisteten Beiträge. Aber Griffith systematisierte und verfeinerte diese Mittel so konsequent und in so vielen Filmen, dass er zu Recht als ihr wichtigster früher Architekt gilt.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Schickel, Richard: „D.W. Griffith: An American Life", Limelight Editions, 2004
- Gunning, Tom: „D.W. Griffith and the Origins of American Narrative Film", University of Illinois Press, 1994
- Library of Congress Griffith Collection:
