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Nouvelle Vague (deutsch: Neue Welle) war eine Filmerneuerbewegung in Frankreich, die ab 1958 von jungen Regisseuren wie Jean-Luc Godard, François Truffaut und Claude Chabrol angeführt wurde und durch Handkamera, Location-Dreharbeiten, Jump Cuts, improvisierte Dialoge und die Betonung der Regie als Autorenschaft das Weltkino revolutionierte.

Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Films · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Neue Welle, French New Wave, Cinéma de qualité (Vorläufer), Rive Gauche (linker Flügel der Bewegung)

Was ist/war die Nouvelle Vague?

Die Nouvelle Vague war keine formal organisierte Bewegung, sondern eine Gemeinschaft junger Filmkritiker und Filmemacher, die in den späten 1950ern fast gleichzeitig begannen, mit konventionellen Erzählweisen und Produktionsmethoden zu brechen. Ihr intellektuelles Zentrum war die einflussreiche Filmzeitschrift Cahiers du Cinéma, gegründet 1951 von André Bazin, in der Truffaut, Godard, Jacques Rivette, Éric Rohmer und Claude Chabrol als Kritiker die Konventionen des französischen „Qualitätskinos" angriffen und amerikanische B-Film-Regisseure wie Howard Hawks und Alfred Hitchcock als „Auteurs" feierten. Als diese Kritiker selbst zu Filmemachern wurden, veränderten sie das Kino dauerhaft.

Erklärung

Die Nouvelle Vague entstand aus einer doppelten Ablehnung: Einerseits der Ablehnung des zeitgenössischen kommerziellen „cinéma de qualité" Frankreichs, das Truffaut in seinem polemischen Essay „Une certaine tendance du cinéma français" (1954) als sklerotische Literaturverfilmung ohne persönliche Handschrift attackierte. Andererseits einer Begeisterung für das amerikanische Genre-Kino, das trotz oder gerade wegen seiner kommerziellen Natur von starken Regisseurs-Persönlichkeiten geprägt war.

Die Autorentheorie (politique des auteurs) war das theoretische Fundament: Ein Film ist, unabhängig von Drehbuch, Stars und Produktionssystem, das persönliche Werk seines Regisseurs. Der Regisseur ist der „Autor" des Films wie ein Schriftsteller der Autor seines Romans. Diese Theorie – die Andrew Sarris in den USA übernahm und als „auteur theory" verbreitete – hatte weitreichende Folgen: Sie wertete den Regisseur als kreativen Kopf auf und entwertete die kollektive Studioarbeit.

François Truffauts „Les Quatre Cents Coups" (Die 400 Streiche, 1959) gilt als einer der Startpunkte der Nouvelle Vague: autobiografisch, mit einem Laiendarsteller (Jean-Pierre Léaud) in der Hauptrolle, in Paris gedreht, mit der emotionalen Direktheit eines persönlichen Tagebuchs. Der Film gewann in Cannes den Preis für den besten Regisseur und machte Truffaut weltberühmt.

Jean-Luc Godards „À bout de souffle" (Außer Atem, 1960) war die radikalere Provokation: Godard schnitt Szenen willkürlich zusammen, ließ Schauspieler in die Kamera schauen, brach die narrative Logik durch Jump Cuts (sprunghafte Schnitte innerhalb einer Einstellung, die die Illusion filmischer Kontinuität zerstören) und dekonstruierte das Gangsterfilm-Genre mit intellektuellem Selbstbewusstsein. „À bout de souffle" zitierte amerikanische B-Movies, widersprach ihnen und lieferte gleichzeitig ein Manifest des neuen Kinos.

Die Handkamera (entwickelt durch die kompakten Arriflex- und Eclair-Modelle der Zeit) ermöglichte Außenaufnahmen ohne Studio-Infrastruktur: Die Kameramänner Raoul Coutard (Godards wichtigster Kameramann) und Henri Decaë filmten auf den Pariser Boulevards, in Cafés, auf Dächern – ohne Genehmigungen, ohne Lichtaufbauten, mit natürlichem Licht. Dies verlieh den Filmen eine Energie und Unmittelbarkeit, die das Studiokino nicht erreichen konnte.

Improvisation und Direktheit waren weitere Merkmale: Dialoge wurden manchmal am Set geschrieben oder improvisiert; Schauspieler arbeiteten ohne strikte Drehbuchvorgaben; die emotionale Wahrheit war wichtiger als dramaturgische Konstruktion.

Zur Nouvelle Vague im weiteren Sinne gehören auch die Filme von Agnès Varda (oft als die „Großmutter" oder feministische Stimme der Bewegung bezeichnet), Jacques Demy (mit seinen Musicals „Die Regenschirme von Cherbourg"), Chris Marker (der essayistische Film „La Jetée"), Alain Resnais (mit „Hiroshima mon amour" und „Letztes Jahr in Marienbad") und dem sogenannten Rive-Gauche-Flügel.

Wichtige Filme & Regisseure

  • „Les Quatre Cents Coups" (Die 400 Streiche) (François Truffaut, 1959) – Autobiografisches Debut; einer der einflussreichsten Erstlingsfilme der Geschichte
  • „À bout de souffle" (Außer Atem) (Jean-Luc Godard, 1960) – Manifestfilm der Nouvelle Vague; Jump Cut, Hommage und Dekonstruktion des Gangsterfilms
  • „Hiroshima mon amour" (Alain Resnais, 1959) – Essayfilm über Erinnerung, Geschichte und Liebe; nicht-lineares Erzählen
  • „Cléo de 5 à 7" (Agnès Varda, 1962) – Feministische Echtzeit-Studie einer Frau in Paris; revolutionärer Umgang mit Zeit
  • „Le mépris" (Die Verachtung) (Jean-Luc Godard, 1963) – Reflexion über Film, Ehe und die Krise der Männlichkeit; mit Fritz Lang als Selbstzitat
  • „Jules et Jim" (François Truffaut, 1962) – Menage-à-trois als filmisches Experiment; sprunghafte Zeitgestaltung und Freude am Filmerzählen
  • „Letztes Jahr in Marienbad" (Alain Resnais, 1961) – Radikales Experiment mit Zeit und Gedächtnis; Drehbuch von Alain Robbe-Grillet

Historische Bedeutung

Die Nouvelle Vague veränderte das Weltkino irreversibel. Sie bewies, dass Filme mit kleinen Budgets, ohne Studio-Infrastruktur und ohne professionelle Stars möglich – und künstlerisch überlegen – sein können. Sie propagierte den Regisseur als Autor und schuf damit das Modell des Autoren-Films, das alle nachfolgenden Kunstkinobewegungen prägte: New German Cinema, New Hollywood, iranisches Kino der 1990er, zeitgenössisches rumänisches Kino. Der Jump Cut wurde zum stilistischen Normalfall des modernen Kinos; die Handkamera ein globales Standardwerkzeug.

Vergleich & Abgrenzung

Die Nouvelle Vague ist einerseits Erbe des Neorealismus (Laiendarsteller, Originalschauplätze) und andererseits sein intellektueller Übertritt: Während der Neorealismus soziale Realität dokumentieren wollte, reflektierte die Nouvelle Vague bewusst über Film als Medium und spielte mit Genrekonventionen. Im Vergleich zum zeitgleichen deutschen Autorenkino (New German Cinema) war die Nouvelle Vague stilistisch vielfältiger und weniger politisch-ideologisch ausgerichtet.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist ein Jump Cut und warum war er revolutionär? Ein Jump Cut ist ein Schnitt innerhalb einer Szene, der die räumliche oder zeitliche Kontinuität absichtlich bricht – zwei Aufnahmen derselben Szene werden zusammengefügt, aber das Bild „springt" sichtbar, anstatt nahtlos anzuschließen. In der klassischen Hollywood-Montage wurde diese Technik als Fehler vermieden; Godard nutzte sie in „À bout de souffle" bewusst als stilistisches Mittel, um den Zuschauer an die Konstruiertheit des Films zu erinnern und den Illusionscharakter des Kinos zu thematisieren.

Was bedeutet „Cahiers du Cinéma" für die Filmtheorie? Die Cahiers du Cinéma, gegründet 1951, war die wichtigste Filmzeitschrift des 20. Jahrhunderts und Geburtsort der Autorentheorie. In ihr schrieben künftige Regisseure wie Truffaut, Godard, Rivette und Rohmer Filmkritiken, die Maßstäbe setzten und politisch-ästhetische Positionen formulierten. Die Tradition der Cahiers prägte die akademische Filmwissenschaft weltweit und ist bis heute lebendig – die Zeitschrift erscheint noch immer.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Truffaut, François: „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" (Interview-Buch), Heyne, 2003
  • De Baecque, Antoine: „La Nouvelle Vague. Portrait d'une jeunesse", Flammarion, 2009
  • Cahiers du Cinéma:
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