Kodachrome ist ein 1935 von den amerikanischen Musikern und Chemikern Leopold Godowsky Jr. und Leopold Mannes bei Kodak entwickelter Mehrschicht-Umkehrfilm, der das erste praktikable subtraktive Farbfotofilm-Verfahren für das Kleinbildformat darstellte und bis zu seiner Einstellung 2010 ikonische Bilder des 20. Jahrhunderts erzeugte.
Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte der Fotografie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Kodachrome 25, Kodachrome 64, KR64, Kodachrome II, Kodachrome Professional
Was ist/war Kodachrome?
Kodachrome war ein Diapositivfilm (Umkehrfilm) für 35-mm-Kleinbildkameras, der zunächst 1935 für 16-mm-Kinofilm und noch im selben Jahr für 35-mm-Fotografie eingeführt wurde. Er basiert auf dem Prinzip der subtraktiven Farbmischung: Drei übereinanderliegende Emulsionsschichten, jeweils für eine Grundfarbe sensibilisiert, werden in einem aufwendigen externen Entwicklungsprozess mit Farbkupplern zu einem farbigen Positiv-Diapositiv verarbeitet. Entwickelt werden durfte Kodachrome ausschließlich in speziell ausgestatteten Labors – eine bewusste Designentscheidung Kodaks.
Erklärung
Die chemische Genialität von Kodachrome liegt in seiner Mehrschichtenarchitektur: Auf dem Filmträger sind drei Silberhalogenid-Emulsionsschichten übereinander angeordnet – eine für blaues, eine für grünes, eine für rotes Licht sensibilisiert. Die im Film enthaltenen Schichten enthalten anfangs keine Farbstoffe; diese werden erst im Entwicklungsprozess schichtspezifisch eingekoppelt. Diese Technik – das sogenannte „Farbkuppler-Verfahren ohne Kuppler im Film" – erlaubte extrem dünne Emulsionsschichten und damit außergewöhnliche Bildschärfe.
Der Entwicklungsprozess (bekannt als K-14-Prozess in seiner letzten Form) war extrem komplex: Eine Sequenz von 16 Bädern über mehr als eine Stunde, streng temperaturkontrolliert, mit schichtspezifischer Farbentwicklung durch Eindringen der Entwicklerchemikalien von der Filmseite. Deshalb musste Kodachrome in lizenzierten Kodak-Labors entwickelt werden; erst mit K-12-Prozess in den 1970ern öffnete sich das System etwas.
Die Farbqualität von Kodachrome war legendär: außergewöhnliche Farbsättigung, minimale Körnung (ISO 25–64 je nach Generation), und vor allem: überragende Langzeitstabilität. Während viele Farbfilme der 1950er bis 1970er Jahre inzwischen verblasst oder farbverschoben sind, sind Kodachrome-Dias aus derselben Zeit oft noch weitgehend originalgetreu. Chemisch-physikalische Analysen zeigen, dass optimale Kodachrome-Dias Farbstabilität von über 100 Jahren aufweisen.
Ikonische Bilder wurden auf Kodachrome festgehalten: Steve McCurrys „Afghanes Mädchen" (National Geographic, 1984), zahllose NASA-Aufnahmen, Reportagen aus dem Vietnamkrieg, und nicht zuletzt Paul Simons gleichnamiger Song (1973) – „Mama, don't take my Kodachrome away" – machte den Film zur Kulturikone. Die offizielle Einstellung von Kodachrome wurde am 22. Juni 2009 durch Kodak bekanntgegeben; das letzte Kodachrome-Labor (Dwayne's Photo, Parsons, Kansas) entwickelte am 30. Dezember 2010 die letzte Rolle – Steve McCurry, der sie fotografiert hatte, dokumentierte das Ende einer Ära.
Historische Bedeutung & Auswirkungen
Kodachrome definierte für fast 75 Jahre die Ästhetik der Farbfotografie. Es war das bevorzugte Material für Magazin-Fotografie (Life, National Geographic, Time), für Reisefotografie, Naturfotografie und Dokumentarfotografie. Die Farbpalette – satte, leicht warme Töne, tiefes Blau, leuchtendes Grün – beeinflusste nicht nur die Fotografie, sondern auch das Farbempfinden einer ganzen Kultur. Viele Menschen erinnern sich unbewusst an die Welt der 1950er bis 1990er Jahre in Kodachrome-Farben, weil so viele veröffentlichte Fotos dieser Jahrzehnte auf diesem Film entstanden.
Wichtige Personen & Werke
- Leopold Godowsky Jr. (1900–1983) und Leopold Mannes (1899–1964): Amerikanische Musiker (Geiger und Pianist) und Chemiker; Entwickler des Kodachrome-Prozesses; intern bei Kodak als „God and Man" bekannt
- Steve McCurry (geb. 1950): Bekannt für die letzte offizielle Kodachrome-Rolle (2010) und das berühmte „Afghane Mädchen" (1984)
- National Geographic Magazine: Publizierte seit den 1930er Jahren systematisch Kodachrome-Fotografie und prägte damit das globale Bild der Welt
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zum Autochrome Lumière (1907) liefert Kodachrome deutlich schärfere, sattere Bilder mit höherer Lichtempfindlichkeit und ist reproduzierbar (als Dia projizier- und kopierbar). Gegenüber Agfacolor (1936) und späteren Konkurrenzprodukten wie Fujichrome Velvia war Kodachrome bekannt für seine Farbstabilität; Fujichrome Velvia hingegen für noch sattere, kontrastreicherere Farben. Im Gegensatz zu C-41-Negativfilmen (z.B. Kodacolor) ist Kodachrome ein Umkehrfilm, der direkt ein positives Dia ergibt.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum konnte Kodachrome nicht im heimischen Labor entwickelt werden? Die einzigartige Architektur von Kodachrome – Farbkuppler werden erst während der Entwicklung schichtspezifisch eingebracht – erforderte hochpräzise maschinelle Prozesse mit exaktem Temperaturmanagement und schichtspezifischer Penetration der Chemikalien. Dies war in Privatlabors technisch und wirtschaftlich nicht realisierbar. Kodak nutzte diese Abhängigkeit bewusst als Geschäftsmodell.
Warum wurde Kodachrome 2010 eingestellt? Der Rückgang der Filmfotografie durch die Digitalisierung ab den 2000er Jahren ließ die Nachfrage dramatisch sinken. Der komplexe K-14-Entwicklungsprozess war nur wirtschaftlich, wenn genügend Filmmaterial entwickelt wurde. Als die kritische Masse unterschritten war, wurden die Chemikalien für den K-14-Prozess nicht mehr produziert, was die Einstellung erzwang.
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Weiterführend
- Wilhelm, Henry & Brower, Carol: The Permanence and Care of Color Photographs. Preservation Publishing Company, Grinnell 1993 (PDF frei verfügbar unter www.wilhelm-research.com)
- Smithsonian National Museum of American History: Kodachrome-Sammlung in Washington, D.C. – americanhistory.si.edu
