Das Trockenplatten-Verfahren ist ein fotografisches Glasplattenverfahren, das 1871 von dem englischen Arzt und Fotografen Richard Leach Maddox entwickelt wurde und durch die Verwendung von Gelatine als Trägerschicht für Silberbromid erstmals fabrikmäßig vorgefertigte, lagerfähige Fotoplatten ermöglichte.
Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte der Fotografie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Gelatine-Trockenplatte, Dry Plate Process (englisch), Gelatine-Silberbromid-Verfahren
Was ist/war das Trockenplatten-Verfahren?
Das Trockenplatten-Verfahren ist eine Weiterentwicklung des Kollodium-Nassplatten-Verfahrens, bei der die klebrige Kollodiumschicht durch Gelatine ersetzt wird. Gelatine – ein tierisches Protein – bildet nach dem Trocknen eine flexible, stabile und dennoch für Chemikalien durchdringbare Schicht. Die Lichtempfindlichkeit bleibt im trockenen Zustand vollständig erhalten. Richard Leach Maddox veröffentlichte den Grundgedanken im September 1871 im British Journal of Photography.
Erklärung
Die entscheidende Innovation des Trockenplatten-Verfahrens liegt im Trägermaterial: Statt Kollodium – das feucht bleiben muss – wird Gelatine verwendet, die mit Silberbromid versetzt wird. Gelatine quillt in Wasser auf und lässt Chemikalien eindringen, bleibt aber im trockenen Zustand lichtempfindlich. Das bedeutet: Platten können im Voraus fabrikmäßig hergestellt, gelagert, transportiert und erst im entscheidenden Moment belichtet werden – ganz ohne mobiles Dunkelkammerlabor am Aufnahmeort.
Maddox' ursprüngliche Rezeptur war noch nicht optimal; die entscheidenden Verbesserungen kamen in den folgenden Jahren durch Richard Kennet (1873, der Gelatineemulsion als kommerzielles Produkt anbot), Charles Harper Bennett (1878, der durch längeres Reifen der Emulsion die Empfindlichkeit vervielfachte) und schließlich durch industrielle Hersteller wie Wratten & Wainwright und Ilford in England. Um 1880 waren Trockenplatten so empfindlich, dass Belichtungszeiten von einem Hundertstel Sekunde möglich wurden – ein Quantensprung gegenüber den Nassplatten.
Diese kurzen Belichtungszeiten hatten revolutionäre Konsequenzen: Erstmals konnten bewegte Motive scharf fotografiert werden. Eadweard Muybridge nutzte schnell aufeinanderfolgende Aufnahmen mit Trockenplatten (ab 1878) für seine berühmten Bewegungsstudien von Pferden und Menschen – eine direkte Vorstufe des Films. Die Fotografie konnte nun auf Straßen, in Sportanlagen, auf Reisen genutzt werden, ohne schwere Chemikalienkästen mitführen zu müssen. Der „Sonntagsfotograf" entstand als soziales Phänomen.
Die industrielle Massenproduktion von Trockenplatten durch Unternehmen wie Ilford (gegr. 1879), Agfa (gegr. 1867, Fotoplattenfertigung ab den 1870ern) und später Kodak veränderte die Wirtschaftsstruktur der Fotografie grundlegend: Fotografieren wurde zur Massenware. Händler verkauften fertige Platten, und mit dem Erscheinen der Kodak-Kamera (1888, Rollfilm) war der Weg zur Knipskamera geebnet – ein Weg, der direkt über die Trockenplatten-Revolution führte.
Historische Bedeutung & Auswirkungen
Das Trockenplatten-Verfahren beendete die Dominanz des Nassplattenverfahrens innerhalb weniger Jahre nach 1878/80. Es ermöglichte die Entstehung einer fotografischen Industrie mit standardisierten, fabrikmäßig produzierten Materialien. Die erhöhte Empfindlichkeit ermöglichte Schnappschüsse, Sportfotografie und Nachtaufnahmen mit künstlichem Licht. Für die Pressefotografie war die Handhabbarkeit ein entscheidender Vorteil. Die Trockenplatte blieb bis in die 1920er Jahre das dominante Aufnahmematerial für professionelle Studio- und Landschaftsfotografie, bevor sie vom Rollfilm verdrängt wurde.
Wichtige Personen & Werke
- Richard Leach Maddox (1816–1902): Englischer Arzt und Amateur-Fotograf; veröffentlichte 1871 die Grundidee der Gelatine-Trockenplatte
- Charles Harper Bennett (1840–1927): Verbesserte 1878 durch „Reifen" der Emulsion die Empfindlichkeit dramatisch
- Eadweard Muybridge (1830–1904): Nutzte Trockenplatten für seine Bewegungsstudien Animal Locomotion (1887) – Vorläufer des Kinos
- Ilford Limited (gegr. 1879): Einer der ersten kommerziellen Trockenplatten-Hersteller, später führender Hersteller fotografischer Materialien
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zum Kollodium-Nassplatten-Verfahren entfällt beim Trockenplatten-Verfahren der Zwang, direkt am Aufnahmeort zu entwickeln. Trockenplatten sind lagerfähig, transportierbar und liefern durch verbesserte Emulsionen kürzere Belichtungszeiten. Im Vergleich zum späteren Rollfilm (ab 1888) sind Glasplatten schwerer und zerbrechlicher, liefern aber oft qualitativ hochwertigere Negative – weshalb professionelle Studio- und Landschaftsfotografen noch Jahrzehnte lang Glasplatten bevorzugten. Auch heute gibt es ein Revival der Trockenplattenästhetik in der künstlerischen Fotografie.
Häufige Fragen (FAQ)
Was machte die Gelatine-Trockenplatte so viel empfindlicher als die Nassplatte? Durch das „Reifen" der Gelatine-Silberbromid-Emulsion bei erhöhter Temperatur (Entdeckung von Bennett, 1878) entstehen größere und unregelmäßigere Silberbromidkristalle, die deutlich lichtempfindlicher sind. Gleichzeitig ermöglicht die Gelatinematrix eine bessere Verteilung der Kristalle und schützt die Emulsion während der Entwicklung.
Wann wurden Trockenplatten vom Rollfilm abgelöst? Im Amateur-Segment verdrängte der Rollfilm (ab 1888 mit der Kodak-Kamera) die Glasplatten rasch. Berufsfotografen und Wissenschaftler nutzten Glasplatten jedoch bis weit in die 1930er und 1940er Jahre, da sie formstabil, scharf und für die Mikrofotografie unverzichtbar waren. Astronomische Observatorien setzten Glasplatten sogar bis in die 1990er Jahre ein.
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Weiterführend
- Peres, Michael R. (Hg.): The Focal Encyclopedia of Photography. 4. Aufl., Focal Press, Burlington 2007
- Science Museum London: Photography and the Camera (Dauerausstellung) – www.sciencemuseum.org.uk
