Das Bauhaus war eine 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründete und 1933 durch die Nationalsozialisten in Berlin geschlossene deutsche Kunst- und Designschule, die unter dem Leitbegriff "Form follows function" Handwerk, Kunst und Technologie vereinte und damit das moderne Grafik-, Produkt- und Architekturdesign des 20. Jahrhunderts fundamental prägte.
Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Grafikdesigns · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Staatliches Bauhaus, Hochschule für Gestaltung (Dessau), New Bauhaus (Chicago-Exil)
Was ist/war das Bauhaus?
Das Bauhaus (1919–1933) ist die einflussreichste Design- und Kunstschule des 20. Jahrhunderts und gilt als Geburtsort des modernen Grafikdesigns, der Industrieformgebung und der modernen Architekturausbildung. In seinen drei Stationen – Weimar (1919–1925), Dessau (1925–1932) und Berlin (1932–1933) – entwickelte das Bauhaus unter wechselnden politischen und intellektuellen Rahmenbedingungen eine Pädagogik und Gestaltungsphilosophie, die Handwerk und Technologie, Theorie und Praxis, Künstler und Ingenieur zusammenführen wollte. Sein Credo: Gutes Design ist nicht Luxus, sondern gesellschaftliche Notwendigkeit.
Erklärung
Gründung und Programm
Walter Gropius (1883–1969) verfasste 1919 das Bauhausmanifest, das mit dem utopischen Satz begann: "Das Endziel aller schöpferischen Tätigkeit ist der Bau!" Gropius wollte die Kluft zwischen freier und angewandter Kunst überwinden, die das wilhelminische Bildungssystem perpetuiert hatte. Am Bauhaus sollte jeder Werkstatt ein Meister der Form (Künstler) und ein Meister des Handwerks (Geselle/Meister) vorstehen – eine Doppelstruktur, die es in dieser Form nirgendwo gegeben hatte.
Die erste Phase in Weimar war geprägt von expressionistischem Geist und dem Einfluss des Vorkurslehrers Johannes Itten (1888–1967), der sein Unterrichten auf Körperschulung, Materialerkundung und Intuition aufbaute. Ittens mystisch-theosophische Züge gerieten in Konflikt mit Gropius' rationalerem Programm; 1923 verließ Itten das Bauhaus.
Moholy-Nagy und die neue Sachlichkeit
László Moholy-Nagy (1895–1946) übernahm Ittens Vorkurs und gab dem Bauhaus eine neue Richtung: technologiebegeistert, fotografiefanatisch, konstruktivistisch beeinflusst. Moholy-Nagy war maßgeblich daran beteiligt, dass das Bauhaus die Fotografie und die "neue Typografie" als eigenständige Ausdrucksmittel erschloss. Seine "Bauhausbücher" – eine zwischen 1925 und 1930 erscheinende Buchreihe, in der er selbst Malerei, Fotografie, Film (1925) und Von Material zu Architektur (1929) veröffentlichte – wurden zu Standardwerken des Modernen Designs.
Die Dessauer Phase und Herbert Bayer
In Dessau (ab 1925) erhielt das Bauhaus sein bis heute ikonisches Gebäude – entworfen von Gropius selbst – und professionalisierte seinen Lehrbetrieb. Herbert Bayer (1900–1985) übernahm die neu gegründete Druckerei- und Reklamewerkstatt. Er entwickelte 1925 das "universal"-Alphabet, eine konsequent in Kleinbuchstaben gehaltene, serifenlose Schrift ("Warum zwei Alphabete nutzen, wenn eines ausreicht?"). Bayers Plakatgestaltung, Ausstellungsarchitektur und Typografie setzten Maßstäbe für das moderne Kommunikationsdesign.
Joost Schmidt (1893–1948) leitete ab 1925 die typografische Werkstatt und entwarf das berühmte Bauhaus-Ausstellungsplakat von 1923 – ein Werk, das Konstruktivismus, De Stijl und Neue Typographie zu einer eigenständigen Handschrift verdichtet.
Das Bauhausbuch-Projekt
Zwischen 1925 und 1930 erschienen 14 Bauhausbücher, die die intellektuelle Breite des Lehrprogramms dokumentieren: Kandinsky schrieb über Punkt und Linie zur Fläche, Klee über pädagogisches Skizzenbuch, Mondrian über Neoplastizismus. Die Bücher selbst sind typografische Meisterwerke – mit asymmetrischen Layouts, konsequentem Rastersystem, Fotomontagen und serifenlosen Schriften.
Politischer Druck und Schließung
Das Bauhaus stand von Beginn an unter politischem Druck konservativer Kräfte. In Weimar zwangen haushaltspolitische Auseinandersetzungen den Umzug nach Dessau; dort schloss 1932 die NSDAP-dominierte Stadtregierung die Schule. Kurz in Berlin weiterbetrieben, löste das Bauhaus sich am 19. Juli 1933 selbst auf – eine Woche nachdem die Gestapo Haussuchung durchgeführt hatte. Viele Bauhäusler emigrierten: Gropius und Breuer nach England und in die USA, Moholy-Nagy gründete 1937 in Chicago das New Bauhaus (heute Illinois Institute of Technology), Mies van der Rohe lehrte am IIT bis 1958.
Typische Merkmale & Beispiele
- Serifenlose Groteskschriften – bewusste Abkehr von historischen Serifentypen; Verwendung von Schriften wie Futura (Paul Renner, 1927) oder der eigenen "universal"-Type von Herbert Bayer
- Rasterbasiertes Layout – systematische Seitenaufteilung durch horizontale und vertikale Raster; keine willkürliche Platzierung von Elementen
- Foto statt Illustration – die Fotografie als "objektives" Mittel der Kommunikation bevorzugt (Moholy-Nagy, Lucia Moholy)
- Asymmetrische Typografie – Texte werden nicht mehr mittig gesetzt, sondern am linken Rand ausgerichtet; Weißraum als aktives Gestaltungsmittel
- Primärfarben und Schwarz/Weiß – reduzierte Farbpalette mit Signalwirkung (Rot, Gelb, Blau plus Schwarz)
- Gesamtgestaltung – Plakat, Verpackung, Messestand und Ausstellungsarchitektur als zusammenhängendes Kommunikationssystem
- Form folgt Funktion – Ornament ist Verschwendung; jedes Gestaltungselement muss seine Existenz kommunikativ rechtfertigen
Historische Bedeutung
Das Bauhaus ist die Schnittstelle, an der die avantgardistischen Experimente des frühen 20. Jahrhunderts – Konstruktivismus, De Stijl, Expressionismus – in eine lehrbare, übertragbare Praxis überführt wurden. Durch die Emigration der Bauhäusler nach dem Ende des Dritten Reichs wurden seine Ideen weltweit verbreitet und liegen heute allen größeren Designausbildungen der westlichen Welt zugrunde.
Für die Werbegestaltung und visuelle Kommunikation ist das Bauhaus die Gründungsinstitution des modernen Berufsbilds "Grafikdesigner": Der Gestalter als Problemlöser, der mit visuellen Mitteln kommunikative Ziele erreicht – nicht als Künstler, der sich selbst ausdrückt.
Vergleich & Abgrenzung
Das Bauhaus unterscheidet sich von der Arts and Crafts Movement durch seine Bejahung der Maschine und der industriellen Produktion. Im Vergleich zum Konstruktivismus ist es eine Schule, kein politisches Programm, und damit institutionstauglicher und pädagogisch durchdachter. Gegenüber De Stijl ist es breiter aufgestellt – nicht nur Malerei und Architektur, sondern Keramik, Weberei, Theater und Typografie. Sein wichtigstes Erbe – das systematische Designdenken – unterscheidet es von allen künstlerischen Bewegungen seiner Zeit.
Häufige Fragen (FAQ)
Stammt der Satz "Form follows function" wirklich vom Bauhaus? Nein – der Satz geht auf den amerikanischen Architekten Louis Sullivan zurück (1896). Gropius und das Bauhaus haben ihn adaptiert und zum programmatischen Kern ihrer Philosophie gemacht. Der Gedanke, dass die Funktion eines Objekts seine Form bestimmen soll, ist jedoch tatsächlich das Kernprinzip der Bauhausgestaltung.
Welche Schriften wurden am Bauhaus entwickelt? Bekannteste Entwicklung ist Herbert Bayers "universal" (1925), ein Kleinbuchstaben-Alphabet ohne Serifen. Das Bauhaus selbst entwarf keine kommerziell erfolgreiche Schrift für den Druck; es bevorzugte externe Groteskschriften wie die Grotesk-Antiqua und später Futura. Die serifenlose Schrift als Standard für modernes Druckdesign ist jedoch maßgeblich auf den Bauhaus-Einfluss zurückzuführen.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Frank Whitford: Bauhaus. Thames and Hudson, London 1984
- Magdalena Droste: Bauhaus 1919–1933. Taschen Verlag, Köln 2019 (Standardwerk, mehrsprachig)
- Bauhaus-Archiv / Museum für Gestaltung, Berlin:
- Bauhaus-Dessau-Stiftung:
