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New York School of Graphic Design bezeichnet eine informelle Gruppe amerikanischer Grafiker der 1950er und 1960er Jahre – allen voran Paul Rand, Saul Bass und Herb Lubalin –, die in New York City eine unverwechselbare, ideengetriebene Designsprache entwickelten, welche europäische Avantgarde-Prinzipien mit amerikanischer Werbewelt, Popkultur und persönlichem Witz verband.

Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Grafikdesigns · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: New York Graphic Design, American Modernism, American Graphic Design 1950s


Was ist/war die New York School of Graphic Design?

Die "New York School" ist kein institutionalisierter Begriff wie "Bauhaus" oder "Swiss Style" – sie bezeichnet retrospektiv eine Generation von Grafikern, die in New York arbeiteten und gemeinsam die amerikanische Grafikdesign-Identität prägten. Ihre Arbeit unterschied sich vom europäischen Modernismus durch stärkere Betonung von Konzept und Humor ("Big Idea"), weniger Dogmatismus und eine engere Verbindung zur Werbebranche und Populärkultur. Zu ihren wichtigsten Vertretern gehören Paul Rand (1914–1996), Saul Bass (1920–1996), Herb Lubalin (1918–1981), Bradbury Thompson (1911–1995) und Lou Dorfsman (1918–2008).


Erklärung

Paul Rand: Idee als Design

Paul Rand ist die überragende Figur des amerikanischen Grafikdesigns des 20. Jahrhunderts. Als Kind osteuropäischer Einwanderer in Brooklyn aufgewachsen, absorbierte er als junger Mann die europäische Avantgarde – Bauhaus, De Stijl, Konstruktivismus – und verband sie mit einer dezidiert amerikanischen Direktheit und einem ausgeprägten Sinn für spielerischen Witz.

Rands Frühwerk als Art Director bei der Werbeagentur Weintraub (1941–1954) zeigt bereits alle Eigenschaften, die sein späteres Werk prägen: konzeptionelle Klarheit, Reduktion auf das Wesentliche, überraschende Bildmetaphern, die den Betrachter aktiv einbeziehen. Seine Buchcover für Vintage Books, seine Zeitschriftenlayouts für Apparel Arts und Direction und seine Werbeanzeigen der 1940er Jahre machten ihn rasch zur zentralen Figur der amerikanischen Grafikszene.

National und international bekannt wurde Rand durch seine Corporate-Identity-Arbeiten für IBM (1956 Logo, 1981 das ikonische 8-Streifen-Logo), ABC (1962), Westinghouse (1960), Next Computer (1986, für Steve Jobs) und UPS (1961). Das IBM-Logo mit seinen horizontalen Streifen – eine Adaption des Swiss-Style-Rastergedankens in ein typografisches Logo – ist eines der langlebigsten Corporate-Design-Systeme der Geschichte. Rands Bücher Thoughts on Design (1947) und A Designer's Art (1985) sind Grundlagentexte der Designphilosophie.

Saul Bass: Filmplakat und Titelsequenz

Saul Bass revolutionierte zwei Bereiche des Grafikdesigns: das Filmplakat und die Filmtitelsequenz. Als Kind der New Yorker Lower East Side und wie Rand von europäischer Avantgarde geprägt, begann er in den frühen 1950er Jahren mit dem Regisseur Otto Preminger zusammenzuarbeiten. Sein Plakat für The Man with the Golden Arm (1955) – ein verzerrter Arm aus Papier auf weißem Grund, der Sucht und Kriminalität in einem abstrakten Bild fasst – gilt als Wendepunkt im Filmplakatdesign: Es kommuniziert Inhalt und Atmosphäre durch formale Reduktion statt durch realistische Darstellung.

Mit den Filmtitelsequenzen für Vertigo (1958), North by Northwest (1959) und Psycho (1960) – alle in Zusammenarbeit mit Alfred Hitchcock – schuf Bass ein neues Genre: die animierte Titelsequenz als eigenständiges Kunstwerk, das den Film emotional einstimmt. Die spiralförmigen Muster aus Vertigo, von Mathematiker John Whitney programmiert, werden als Beginn des Computergrafik-Einsatzes im Film zitiert. Bass entwarf außerdem Logos für AT&T, United Airlines, Minolta und Continental Airlines.

Herb Lubalin: Typografie als Bildsprache

Herb Lubalin war der experimentellste Typograf seiner Generation. Als Art Director bei Sudler & Hennessey und später als Gründer seines eigenen Studios entwickelte er eine Typografie, in der Schrift selbst zur Illustration wird. Sein bekanntestes Beispiel ist das Logo für die Zeitschrift Mother & Child (1964/65): das Ampersand "& " enthält in seiner Bauchung ein stilisiertes Baby – Schrift und Bild werden in einem einzigen Zeichen unauflöslich vereint.

Lubalins Zeitschrift U&lc (Upper and Lower Case, 1973–1999), das Hausblatt des International Typeface Corporation, war ein Experimentierfeld für typografische Konzepte und verbreitete neue Schriften und Ideen an eine globale Designer-Community. Er war an der Entwicklung populärer Schriften wie ITC Avant Garde Gothic beteiligt, die 1970 erschien und die Ästhetik der Popkultur-Typografie der 1970er Jahre prägte.

Bradbury Thompson und Lou Dorfsman

Bradbury Thompson gestaltete als Art Director der Westvaco Inspirations (interne Publikation der Westvacode Corporation) zwischen 1939 und 1962 Druckexperimente, die Druck, Fotografie und Typografie zu Gesamtkomositionen verschmolzen. Lou Dorfsman war von 1946 bis 1987 bei CBS Television tätig und schuf dort ein kohärentes Design-System für ein ganzes Fernsehunternehmen – von der On-Air-Grafik bis zur Kantine.


Typische Merkmale & Beispiele

  1. "Big Idea" als Kern – jede Gestaltung basiert auf einer einzigen starken konzeptionellen Idee, die Form und Inhalt untrennbar verbindet (Rand: IBM-Logo; Bass: Man with the Golden Arm)
  2. Witz und Überraschung – humorvolle Wendungen, unerwartete Metaphern, spielerische Elemente als Teil des Designkonzepts
  3. Abstrakte Bildsprache – keine realistische Illustration; geometrische Formen und reduzierte Symbole sprechen für sich
  4. Typografie als Bild – Buchstaben und Worte werden formal so eingesetzt, dass sie inhaltliche Bedeutung visuell verankern (Lubalin)
  5. Corporate Identity als System – nicht nur Logo, sondern kohärente Gestaltung aller Kommunikationsmittel (Rand für IBM)
  6. Medienübergreifendes Denken – Print, Film und TV werden als zusammenhängende Gestaltungsfelder verstanden
  7. Persönliche Handschrift – im Unterschied zum neutralen Swiss Style bleibt die individuelle gestalterische Stimme sichtbar

Historische Bedeutung

Die New York School hat das amerikanische Markenbild des 20. Jahrhunderts geprägt wie keine andere Gruppe. IBM, ABC, CBS, AT&T, United Airlines – die visuelle Identität amerikanischer Großkonzerne der Nachkriegszeit wurde von einer Handvoll New Yorker Designer gestaltet. Durch diese Corporate-Identity-Arbeiten wurde Grafikdesign in Amerika als strategisch bedeutsame Unternehmensinvestition begriffen – ein Gedanke, der für die heutige Branding-Industrie fundamental ist.

Paul Rands Einfluss auf die Technologiebranche ist besonders zu betonen: Steve Jobs holte ihn 1986 für das Next-Computer-Logo und äußerte sich stets enthusiastisch über Rands Arbeiten. Jony Ives Designphilosophie bei Apple hat erkennbare Rand'sche Wurzeln.


Vergleich & Abgrenzung

Im Vergleich zum Swiss International Style ist die New York School weniger methodisch und systematisch, aber konzeptionell spielerischer und individueller. Gegenüber dem späteren Postmodernen Design steht sie für modernistische Klarheit und konzeptionelle Integrität. Im Unterschied zur Bauhaus-Tradition ist sie kommerziell orientiert und betrachtet Werbung und Corporate Design nicht als Widerspruch zur künstlerischen Qualität, sondern als eigenständige Ausdrucksform.


Häufige Fragen (FAQ)

Kannte Paul Rand das Bauhaus? Ja, intensiv. Rand studierte dessen Prinzipien aus Büchern und Zeitschriften – er konnte das Bauhaus nicht direkt besuchen, da es 1933 geschlossen wurde, als er noch ein Teenager war. Moholy-Nagys Bücher und Arbeiten prägten ihn stark; er bezeichnete sich selbst als geistigen Schüler der europäischen Moderne.

Wie verhält sich die New York School zur Werbung? Anders als europäische Modernisten, die Werbung oft als kommerziell verdächtig betrachteten, sahen Rand und seine Zeitgenossen die Werbewelt als legitimes Experimentierfeld. Die enge Zusammenarbeit mit Werbeagenturen, Verlagen und Filmstudios brachte ihre Ideen in die Breite und finanzierte innovative Experimente.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Paul Rand: Thoughts on Design. Wittenborn, Schultz, New York 1947 (Reprint: Chronicle Books, San Francisco 2014)
  • Paul Rand: A Designer's Art. Yale University Press, New Haven 1985
  • Pat Kirkham (Hrsg.): Saul Bass. A Life in Film and Design. Laurence King Publishing, London 2011
  • Herb Lubalin Study Center, New York:
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