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Web 2.0 ist der Begriff für die ab ca. 2004 einsetzende zweite Entwicklungsphase des World Wide Web, die durch die aktive Beteiligung der Nutzer an der Inhaltserstellung charakterisiert ist – geprägt durch Plattformen wie MySpace, YouTube, Facebook und Wikipedia, auf denen Millionen von Menschen weltweit eigene Inhalte produzierten, teilten und kommentierten.

Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Fernsehens & Digitaler Medien · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Read-Write-Web, partizipatives Web, Mitmach-Web, Social Web


Was ist/war Web 2.0?

Den Begriff „Web 2.0" prägte der Verleger und Technologievordenker Tim O'Reilly im Jahr 2004 auf einer Konferenz. Er beschrieb damit keine technische Neuerung im eigentlichen Sinne, sondern einen Wandel in der Nutzungskultur des Internets: Statt nur Inhalte zu konsumieren, wurden Nutzer nun selbst zu Produzenten. Plattformen stellten die Infrastruktur bereit; die Inhalte lieferten die Nutzer. Dieser Ansatz wird als „User Generated Content" (UGC) bezeichnet und ist das Grundprinzip aller späteren Social-Media-Plattformen.


Erklärung

Das konzeptuelle Fundament: Plattformen statt Websites

Der entscheidende Unterschied zu Web 1.0 liegt im Plattformgedanken. Während Web-1.0-Websites Inhalte publizierten (wie ein Magazin), schufen Web-2.0-Plattformen einen Rahmen, in dem Nutzer selbst Inhalte erstellen, teilen und bewerten konnten. Die Plattform wurde wertvoll nicht durch ihre eigenen Inhalte, sondern durch das Netzwerk der Nutzer, die Inhalte einbrachten.

Technisch ermöglichten AJAX (Asynchronous JavaScript and XML), verbesserte Webbrowser und breitbandigere Internetverbindungen interaktivere und dynamischere Websites. Das Laden ganzer Seiten bei jeder Interaktion wurde durch dynamisches Nachladen einzelner Elemente ersetzt – die Grundlage für nutzerfreundliche, responsivere Web-Anwendungen.

MySpace: Die erste soziale Revolution (2003–2008)

MySpace, 2003 gegründet von Tom Anderson und Chris DeWolfe in Los Angeles, war das erste Social Network mit Massenreichweite. Nutzer konnten eigene Profile gestalten – mit Fotos, Musik, Blogs und persönlichen Informationen. MySpace war besonders als Musik-Plattform bedeutend: Aufstrebende Bands wie Arctic Monkeys oder Lily Allen bauten ihre erste Fangemeinde über MySpace auf.

2006 übernahm News Corp MySpace für 580 Millionen Dollar – eine Investition, die sich nicht auszahlte. Zu diesem Zeitpunkt hatte MySpace über 100 Millionen Nutzer, verlor aber schnell Marktanteile an Facebook. 2011 verkaufte News Corp MySpace für nur noch 35 Millionen Dollar weiter. Der Fall von MySpace gilt als Lehrbeispiel für die Vergänglichkeit von Social-Media-Führerschaft.

Blogs und die Demokratisierung des Publizierens

Webblogs – kurz Blogs – wurden ab 2001 durch Plattformen wie Blogger (1999, 2003 von Google übernommen) und WordPress (2003) massentauglich. Plötzlich konnte jede Person ohne Programmierkenntnisse eine eigene Webpräsenz betreiben und regelmäßig Texte, Bilder und Links veröffentlichen. Technorati zählte 2008 über 133 Millionen aktive Blogs.

Blogs veränderten den Journalismus: Citizen Journalism, also Bürgerjournalismus, wurde erstmals ernsthaft diskutiert. Ereignisse wie die Tsunami-Katastrophe 2004 oder die Bombenanschläge in London 2005 wurden durch Augenzeugen-Blogs aus erster Hand dokumentiert und erreichten ihre Leser oft schneller als professionelle Medien.

Wikipedia: Kollektives Wissen im Web 2.0

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia (2001 gegründet, ab ca. 2003 im massiven Wachstum) ist das reinste Beispiel für das Web-2.0-Prinzip: kollaborative Inhaltserstellung durch Tausende freiwilliger Autoren. Heute hat die englische Wikipedia über 6,7 Millionen Artikel, die deutschsprachige über 2,8 Millionen – alle kostenlos verfügbar, alle von einer Community erstellt und gepflegt.

Facebook: Das soziale Netzwerk überholt alles (2004–2012)

Mark Zuckerberg, Dustin Moskovitz und Eduardo Saverin gründeten Facebook im Februar 2004 als Netzwerk für Harvard-Studenten. Innerhalb weniger Monate öffnete es sich für andere Universitäten, 2006 dann für alle Nutzer ab 13 Jahren. 2008 überholte Facebook MySpace in der globalen Nutzerzahl. 2012 erreichte Facebook als erstes soziales Netzwerk eine Milliarde aktiver Nutzer – ein bis dahin einmaliger Meilenstein in der Mediengeschichte.

Facebook etablierte zentrale Mechanismen, die später die gesamte Social-Media-Branche prägten: das Echtzeit-Newsfeed (2006), den „Gefällt mir"-Button (2009), die Möglichkeit, Anwendungen von Drittanbietern zu integrieren, und – für das Geschäftsmodell entscheidend – hochgranulares Targeting von Werbung auf Basis von Nutzerprofildaten.

YouTube: Video wird demokratisch (2005)

YouTube wurde im Februar 2005 von Chad Hurley, Steve Chen und Jawed Karim gegründet. Das erste YouTube-Video, „Me at the zoo" von Jawed Karim, wurde am 23. April 2005 hochgeladen und ist heute das älteste noch online verfügbare Video auf der Plattform. Google übernahm YouTube im Oktober 2006 für 1,65 Milliarden Dollar in Aktien – damals eine astronomische Summe für ein Unternehmen, das erst 20 Monate alt war.

YouTube revolutionierte das bewegte Bild: Fernsehen ohne Sendelizenz, Videobotschaften, Musikvideos, Tutorials, politische Kommentare – alles wurde über YouTube verbreitet. Die Plattform wurde zum zweitgrößten Suchsystem der Welt (nach Google) und zur ersten Anlaufstelle für Videosuche.

Twitter und die Echtzeit-Öffentlichkeit (2006)

Twitter, 2006 von Jack Dorsey, Biz Stone, Noah Glass und Evan Williams gegründet, führte das Konzept des Microblogging ein: kurze Texte (anfangs maximal 140, heute 280 Zeichen) in Echtzeit. Twitter wurde zur Infrastruktur politischer Debatten, Nachrichtenverbreitung und gesellschaftlicher Diskussion – von der Obama-Kampagne 2008 bis zu den Arabischen Revolutionen 2010/11.


Wichtige Meilensteine & Fakten

  • 2002–2003: Friendster (erstes großes Social Network); MySpace gegründet
  • Februar 2004: Facebook startet an Harvard
  • Februar 2005: YouTube gegründet; erstes Video hochgeladen
  • 2006: Facebook öffnet für alle; Twitter startet; Facebook-Newsfeed eingeführt
  • Oktober 2006: Google kauft YouTube für 1,65 Mrd. Dollar
  • 2007: iPhone-Einführung – Mobile Web als Gamechanger
  • 2008: Facebook überholt MySpace; Obama nutzt Social Media als Wahlkampfwerkzeug
  • 2009: Facebook-„Gefällt mir"-Button eingeführt
  • 2012: Facebook erreicht 1 Milliarde Nutzer; Facebook-IPO (104 Milliarden Dollar Bewertung)

Gesellschaftliche & kulturelle Bedeutung

Web 2.0 veränderte das Verhältnis zwischen Medienproduktion und Medienkonsum fundamental. Der Begriff „Prosumer" (Produzent + Konsument) beschreibt den neuen Nutzertyp: Menschen, die gleichzeitig Inhalte konsumieren und produzieren. Dies hatte tiefgreifende Folgen für den professionellen Journalismus, die Musikindustrie, das Verlagswesen und die Werbewirtschaft.

Gleichzeitig entstanden die Grundlagen für spätere Probleme: Filterblasen, Echokammern, Desinformation, Datenmissbrauch (Cambridge Analytica) und die Macht algorithmischer Systeme über den öffentlichen Diskurs.


Vergleich & Abgrenzung

Web 1.0 war ein Lese-Medium; Web 2.0 ist ein Lese-Schreib-Medium. Der Begriff „Web 3.0" wird heute unterschiedlich verwendet – mal für das semantische Web (KI-gestützte Interpretation von Webinhalten), mal für das dezentralisierte Web auf Blockchain-Basis. Eine klare Ablösung wie zwischen Web 1.0 und Web 2.0 hat es bei Web 3.0 bislang nicht gegeben.


Häufige Fragen (FAQ)

Hat Tim O'Reilly den Begriff Web 2.0 erfunden? Tim O'Reilly popularisierte den Begriff 2004, er war aber nicht der alleinige Erfinder. Die Idee einer zweiten Web-Phase kursierte im Silicon Valley schon seit dem Dotcom-Crash. O'Reilley prägte die Definition und machte den Begriff durch seine „Web 2.0 Conference" weltweit bekannt.

Ist Web 2.0 noch aktuell? Die Web-2.0-Plattformen – Facebook, YouTube, Twitter/X, Wikipedia – sind heute noch alle aktiv und prägend. Der Begriff selbst ist etwas aus der Mode gekommen; stattdessen spricht man heute von „Social Media", „Plattformökonomie" oder „algorithmischen Medien". Das zugrunde liegende Prinzip des nutzergenerierten Inhalts ist heute das Grundprinzip des gesamten digitalen Mediensystems.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • O'Reilly, Tim: What Is Web 2.0? (Essay, 2005) –
  • Keen, Andrew: The Cult of the Amateur. How Today's Internet Is Killing Our Culture. Currency, New York 2007.
  • Shirky, Clay: Here Comes Everybody. The Power of Organizing Without Organizations. Penguin Press, New York 2008.
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