Wikipedia ist eine seit dem 15. Januar 2001 von Jimmy Wales und Larry Sanger gegründete, kostenlos zugängliche Online-Enzyklopädie, die auf freiwilliger kollaborativer Mitarbeit ihrer Nutzer basiert und heute mit über 60 Millionen Artikeln in mehr als 300 Sprachen das umfangreichste Wissenswerk der Menschheitsgeschichte darstellt.
Rubrik: Mediengeschichte & Chronologie · Unterrubrik: Geschichte des Fernsehens & Digitaler Medien · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: The Free Encyclopedia, freie Enzyklopädie, Wiki
Was ist Wikipedia?
Wikipedia ist eine mehrsprachige, kostenlos zugängliche Online-Enzyklopädie, deren Inhalte von freiwilligen Autoren auf Basis des Neutralen Standpunkts (NPOV – Neutral Point of View) verfasst, redigiert und gepflegt werden. Das Besondere: Jeder kann prinzipiell Artikel bearbeiten oder neue erstellen – ohne Bezahlung, ohne zentrale Redaktion, nur unter Einhaltung der Community-eigenen Regeln. Die Wikimedia Foundation betreibt die technische Infrastruktur, kontrolliert aber die Inhalte nicht direkt.
Erklärung
Vorgeschichte: Nupedia und das Scheitern des Expertenmodells (2000)
Bevor Wikipedia entstand, gab es Nupedia – ebenfalls ein Projekt von Jimmy Wales. Nupedia (2000) sollte eine kostenlose Online-Enzyklopädie sein, deren Artikel von Experten geschrieben und einem strengen peer-Review-Verfahren mit sieben Prüfstufen unterzogen wurden. Das Problem: Das System war zu langsam. Nach einem Jahr hatte Nupedia gerade einmal 21 vollständig abgeschlossene Artikel.
Larry Sanger, Nupedias Chefredakteur, schlug vor, ein Wiki – ein kooperatives Bearbeitungssystem – als schnellere Alternative für erste Artikelentwürfe zu nutzen. Wales stimmte zu, und am 15. Januar 2001 ging Wikipedia online – als Ergänzung zu Nupedia gedacht.
Gründung und exponentielles Wachstum (2001)
Die Wikipedia-Idee verbreitete sich rasend schnell. Bereits nach einem Jahr gab es in der englischsprachigen Wikipedia über 20.000 Artikel; 2003 überschritt sie die 100.000-Marken. Nutzer fanden, dass das Wiki-Modell – auch mit seinen Fehlern und Unvollständigkeiten – nützlicher war als die statische, langsam wachsende Nupedia. Nupedia wurde 2003 eingestellt.
Parallel entstanden Sprachversionen: die deutschsprachige Wikipedia startete am 16. März 2001 (nur zwei Monate nach der englischen), die französische im März 2001, die japanische im September 2001. Heute hat Wikipedia über 300 Sprachversionen.
Das Wiki-Prinzip: Wie Wikipedia funktioniert
Wikipedia basiert auf der Wiki-Technologie, entwickelt von Ward Cunningham 1995 (der den Namen „WikiWiki" nach dem hawaiianischen Wort für „schnell" gewählt hatte). Kern der Technologie: Webseiten können von Nutzern direkt im Browser bearbeitet werden; jede Version wird gespeichert, und Änderungen können rückgängig gemacht werden.
Für Wikipedia entwickelte die Community spezifische Regeln:
- Neutral Point of View (NPOV): Artikel sollen Fakten darstellen, nicht Meinungen
- Keine Eigenforschung: Nur belegbare Informationen aus zitierten Quellen
- Verifikation: Behauptungen müssen durch Quellen belegt werden
- Konsens: Konflikte werden durch Diskussion gelöst, nicht durch Macht
Die Community hat im Laufe der Jahre elaborate Governance-Strukturen entwickelt: Administratoren mit erweiterten Rechten, Schiedsgerichte, Edit-Wars und ihre Schlichtung.
Wikimedia Foundation und das Spendenmodell (2003 ff.)
Im Juni 2003 gründete Jimmy Wales die Wikimedia Foundation als gemeinnützige Organisation in Florida, um Wikipedia und verwandte Projekte (Wikimedia Commons, Wiktionary, Wikibooks, Wikinews etc.) zu betreiben. Die Foundation finanziert sich ausschließlich durch Spenden – keine Werbung, keine Bezahlung für Artikel.
Die regelmäßigen Spendenaufrufe, meist am Jahresende mit Jimmy Wales' Bild auf dem Banner, sind in der Internetwelt berühmt (und gelegentlich auch begluckt). Die Wikimedia Foundation erhält jährlich über 100 Millionen Dollar Spenden und ist damit finanziell stabil, ohne kommerzielle Abhängigkeiten.
Qualität und Kritik: Wie verlässlich ist Wikipedia?
Wikipedia hat als Quelle einen ambivalenten Ruf. Eine Studie der Fachzeitschrift Nature verglich 2005 Wikipedia und die Encyclopedia Britannica in 42 wissenschaftlichen Artikeln und fand ähnliche Fehlerquoten – überraschend für eine Plattform, auf der jeder schreiben kann.
Jedoch gibt es systematische Schwächen:
- Aktualitätsbias: Aktuelle, populäre Themen sind besser abgedeckt als historische oder Nischen-Themen
- Demografischer Bias: Die meisten Wikipedia-Autoren sind junge westliche Männer; Frauen, nicht-westliche Perspektiven und LGBTQ+-Themen sind oft unterrepräsentiert
- Vandalism: Absichtliche Falschinformationen kommen vor, werden aber meist schnell erkannt und rückgängig gemacht
- Interessenkonflikte: Unternehmen, PR-Agenturen und politische Akteure versuchen gelegentlich, Wikipedia-Artikel in ihrem Sinne zu beeinflussen
Wissenschaftliche und journalistische Standards verlangen, Wikipedia nur als Einstiegspunkt zu nutzen, nicht als Primärquelle.
Deutschsprachige Wikipedia: Besonderheiten
Die deutschsprachige Wikipedia (de.wikipedia.org) hat über 2,8 Millionen Artikel und gilt in der internationalen Wikipedia-Community als vergleichsweise streng in Bezug auf Qualitätsstandards und Belegpflicht. Die Community ist kleiner als die englischsprachige, aber sehr aktiv. Deutschland ist zudem das Land mit einer der höchsten Wikipedia-Nutzungsraten pro Kopf.
Wikipedia im digitalen Ökosystem
Wikipedia ist eine der meistbesuchten Websites der Welt (regelmäßig unter den Top 10) und für viele die erste Anlaufstelle bei Informationsbedarf. Google und andere Suchmaschinen nutzen Wikipedia-Daten für Knowledge Panels (die Infoboxen bei Suchergebnissen). Sprachassistenten wie Siri, Alexa und Google Assistant greifen bei vielen Fragen auf Wikipedia zurück.
Wichtige Meilensteine & Fakten
- März 2000: Nupedia startet – Vorläufer von Wikipedia
- 15. Januar 2001: Wikipedia geht online (englisch); 16. März: deutschsprachige Version
- 2003: Wikimedia Foundation gegründet; Nupedia eingestellt
- 2004: Wikipedia überschreitet 1 Million Artikel (englisch)
- 2005: Nature-Studie: Wikipedia ähnlich verlässlich wie Britannica
- 2007: 10 Millionen Artikel in allen Sprachversionen
- 2012: Englischsprachige Wikipedia überschreitet 4 Millionen Artikel
- 2021: Wikipedia feiert 20. Geburtstag; 55 Millionen Artikel in 300+ Sprachen
- 2024: Über 6,7 Millionen englische Artikel; ca. 2,8 Millionen deutsche Artikel
Gesellschaftliche & kulturelle Bedeutung
Wikipedia ist das erste erfolgreiche Beispiel kollaborativen Wissensmanagements im Internet und ein Beweis, dass das Web-2.0-Prinzip (Nutzer produzieren Inhalte) auch für seriöse Enzyklopädiearbeit funktionieren kann. Es hat die Wissenslandschaft demokratisiert: In Ländern ohne gut ausgebaute Bibliotheksinfrastruktur ist Wikipedia oft die einzige verfügbare Wissensquelle.
Die Schließung der deutschen Brockhaus-Enzyklopädie (Printausgabe 2014 eingestellt) ist symbolisch: Wikipedia hat das traditionelle Enzyklopädiemodell faktisch verdrängt.
Vergleich & Abgrenzung
Im Vergleich zu kommerziellen Enzyklopädien (Britannica, Brockhaus, Larousse) ist Wikipedia kostenfrei, schneller aktualisiert, breiter in Themenabdeckung und Sprachen, aber ungleichmäßiger in Qualität und ohne redaktionelle Qualitätskontrolle. Im Vergleich zu anderen Wiki-Projekten (Wikia/Fandom, betriebene Themen-Wikis) hat Wikipedia einen breiten, allgemeinen Fokus und strikte Neutralitätsvorgaben.
Häufige Fragen (FAQ)
Darf ich Wikipedia als Quelle in wissenschaftlichen Arbeiten zitieren? In den meisten wissenschaftlichen Kontexten gilt Wikipedia nicht als zitierfähige Primärquelle, da die Inhalte von jedermann bearbeitet werden können und nicht peer-reviewed sind. Wikipedia eignet sich als Einstieg zur Themenorientierung und zur Identifikation weiterführender Quellen, die dann zitiert werden können.
Verdient Jimmy Wales an Wikipedia? Nein. Jimmy Wales hat Wikipedia nicht kommerziell ausgebaut. Die Wikimedia Foundation ist gemeinnützig; Wales bezieht kein Gehalt von ihr. Seinen Lebensunterhalt verdient er durch andere Aktivitäten (Beratung, Vorträge, Wikia/Fandom-Beteiligung). Wales' Verzicht auf Kommerzialisierung ist ein wesentlicher Grund für Wikipedias anhaltende Glaubwürdigkeit.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Reagle, Joseph Michael: Good Faith Collaboration. The Culture of Wikipedia. MIT Press, Cambridge MA 2010.
- Lih, Andrew: The Wikipedia Revolution. How a Bunch of Nobodies Created the World's Greatest Encyclopedia. Hyperion, New York 2009.
- Wikimedia Foundation: Wikipedia Statistics –
