Kreativität fördern heißt, Kindern und Jugendlichen Zeit, Material, Freiraum und Anerkennung zu geben, damit sie eigene Ideen entwickeln und umsetzen; in der Psychologie gilt als kreativ, was zugleich neu und für einen Zweck brauchbar ist.
Rubrik: Medienpsychologie & Wirkungsforschung · Unterrubrik: Familie · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: kreatives Denken stärken, Ideenreichtum fördern, Gestaltungsfreude
Was bedeutet Kreativität fördern?
Kreativität ist keine Begabung, die man hat oder nicht hat. Die Kreativitätsforschung versteht sie als Fähigkeit, die sich durch Übung, Umgebung und Motivation entwickelt. Mark Runco und Garrett Jaeger fassen die übliche Definition 2012 so zusammen: Kreativ ist etwas, das originell und zugleich wirksam ist, also neu und für einen Zweck brauchbar. Kreativität zeigt sich deshalb nicht nur beim Malen oder Musizieren, sondern auch beim Lösen von Problemen, beim Bauen, Programmieren, Kochen oder Erzählen.
Erklärung
Drei Bausteine aus der Forschung
Divergentes Denken: Joy Paul Guilford hat 1950 in einer viel beachteten Rede vor der American Psychological Association gefordert, Kreativität systematisch zu erforschen. Er unterschied konvergentes Denken, das eine richtige Lösung sucht, und divergentes Denken, das viele mögliche Lösungen hervorbringt. Viele Kreativitätstests messen bis heute, wie viele und wie unterschiedliche Ideen jemand zu einer offenen Frage findet.
Motivation von innen: Die Psychologin Teresa Amabile hat in ihrem Komponentenmodell gezeigt, dass Kreativität aus Fachwissen, kreativen Denkweisen und Motivation entsteht. Besonders wichtig ist die intrinsische Motivation, also Freude an der Sache selbst. Starker Druck von außen, ständige Bewertung oder Belohnung für jedes Ergebnis kann diese Motivation schwächen.
Umgebung: Kreativität braucht Gelegenheiten. Dazu gehören freie Zeit, zugängliches Material, Vorbilder und ein Klima, in dem Fehler erlaubt sind. Der Medienratgeber SCHAU HIN! betont, dass Kinder auch lernen sollten, Langeweile auszuhalten, weil daraus oft eigene Ideen entstehen.
Wie kreativ sind Kinder heute in ihrer Freizeit?
Die KIM-Studie 2024 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) zeigt: 46 Prozent der 6- bis 13-Jährigen basteln oder malen mindestens einmal pro Woche. Täglich tun das zwölf Prozent. Vor 20 Jahren waren es laut der Studie noch 17 Prozent. Mädchen sind in ihrer Freizeit häufiger kreativ tätig als Jungen.
Medien als kreatives Werkzeug
Bildschirme sind nicht automatisch Kreativitätskiller. Entscheidend ist, ob Kinder konsumieren oder gestalten. SCHAU HIN! beschreibt, dass Kinder bei eigenen Medienprojekten „vom Konsumenten zum Produzenten“ werden. Wer ein Hörspiel aufnimmt, einen Trickfilm dreht oder ein Spiel programmiert, übt Planung, Erzählen, Gestaltung und Durchhaltevermögen. SCHAU HIN! nennt dafür unter anderem Hörspielprojekte, Fotokunst wie Lightpainting und die Programmiersprache Scratch, die der Hersteller ab acht Jahren empfiehlt.
Beispiele
- Kreativkiste statt Bastelset: Pappe, Klebeband, Stoffreste und Stifte in einer Kiste, ohne Anleitung. Offene Materialien lassen mehr Lösungen zu als ein Set mit fester Vorlage.
- Hörspiel am Wochenende: Geschwister schreiben eine kurze Geschichte, verteilen Rollen und nehmen sie mit dem Smartphone auf. Dafür gibt es beim Projekt AUDITORIX Checklisten und Skripte für Kinder von 5 bis 13 Jahren.
- Lightpainting: Im Dunkeln mit Taschenlampen Formen in die Luft malen und mit langer Belichtungszeit fotografieren. SCHAU HIN! nennt 10 bis 20 Sekunden Belichtung und niedrige ISO.
- Eigenes Spiel programmieren: Ein Neunjähriger baut in Scratch ein kleines Jump-and-Run und zeigt es der Familie. Fehler im Code gehören dazu und werden gemeinsam gesucht.
- Fotoprojekt für Jugendliche: Eine 15-Jährige fotografiert eine Woche lang jeden Tag ein Motiv zu einem Thema und stellt eine Auswahl zusammen. Das übt Blick, Auswahl und Präsentation.
- Problem lösen statt vorgeben: Bei der Frage, wie das Zimmer umgeräumt wird, entwickelt das Kind selbst drei Varianten und begründet seine Wahl.
In der Praxis
Prozess loben, nicht nur Ergebnis: Statt „Das ist schön“ besser nachfragen: „Wie bist du auf die Idee gekommen?“ So rückt die Freude am Tun in den Mittelpunkt, wie es das Modell von Amabile nahelegt.
Zeit lassen: Ein voller Terminkalender lässt wenig Raum für eigene Ideen. Freie Nachmittage ohne Programm sind kein verlorener Tag.
Fehler normal machen: Kreative Arbeit besteht aus Versuchen, Verwerfen und Neuanfangen. Eltern können das vorleben, indem sie eigene Versuche zeigen, die nicht geklappt haben.
Interessen ernst nehmen: Wer sich für Mode, Games, Musikvideos oder Skateboard-Filme begeistert, hat schon ein kreatives Feld. Kurse, Werkzeuge oder ein eigener Arbeitsplatz zeigen, dass das Interesse zählt.
Medien bewusst einsetzen: Bildschirmzeit für eigene Projekte anders bewerten als Zeit mit endlosen Kurzvideos. Für Jugendliche eignen sich Werkzeuge für Fotobearbeitung, Videoschnitt oder Grafik; SCHAU HIN! hält etwa Canva ab zehn Jahren mit elterlicher Begleitung für geeignet und rät, KI-Werkzeuge bei Kindern unter 14 Jahren nur begleitet zu nutzen.
Austausch ermöglichen: Kreative Kinder brauchen Publikum und Gleichgesinnte. Ausstellungen in der Familie, Jugendkunstschulen, Theatergruppen, Bands oder Wettbewerbe wie Jugendfotopreise geben Rückmeldung und Ansporn. Bei manchen Jugendlichen wird aus dem Hobby mit der Zeit ein Berufswunsch.
Die Lazi Akademie in Esslingen am Neckar, eine Berufsfachschule für Gestaltung, bietet dafür sechs Fachbereiche der Ausbildung an: Film und Mediendesign, Fotodesign und Digital Imaging, Grafik- und Kommunikationsdesign, Digital Film Animation und VFX, GenAI und Content Creation sowie Intermediale Gestaltung. Drei davon, Fotodesign und Digital Imaging, Film und Mediendesign sowie Grafik- und Kommunikationsdesign, führen zu staatlich anerkannten Berufsabschlüssen. Gearbeitet wird an echten Projekten mit Dozent/innen aus der Praxis.
Vergleich & Abgrenzung
| Merkmal | Kreativität | Intelligenz | Talent |
|---|---|---|---|
| Kern | neue, brauchbare Ideen | Probleme mit einer richtigen Lösung lösen | besondere Anlage in einem Bereich |
| Denkweise | eher divergent | eher konvergent | bereichsspezifisch |
| Förderbar | ja, durch Übung und Umgebung | teilweise | Entfaltung braucht Übung |
Kreativität ist auch nicht dasselbe wie künstlerische Begabung. Ein Kind, das nicht gern zeichnet, kann sehr kreativ im Erfinden von Geschichten, Spielregeln oder technischen Lösungen sein. Umgekehrt ist sauberes Abzeichnen einer Vorlage handwerklich wertvoll, aber noch keine eigene Idee.
Häufige Fragen
Wie kann ich die Kreativität meines Kindes fördern? Mit offenen Materialien, freier Zeit, echtem Interesse an seinen Ideen und Lob für den Prozess statt nur für das Ergebnis. Fehler sollten erlaubt sein, Langeweile darf auch mal ausgehalten werden.
Machen Bildschirme Kinder unkreativ? Nicht automatisch. Entscheidend ist, ob Kinder nur konsumieren oder selbst gestalten. Eigene Fotos, Videos, Hörspiele oder kleine Programme fördern nach SCHAU HIN! neben der Kreativität auch die Medienkompetenz.
Kann man Kreativität lernen? Die Forschung versteht Kreativität als Fähigkeit, die sich durch Übung, Wissen und Motivation entwickelt. Übungen zum divergenten Denken, also möglichst viele Lösungen für eine offene Frage zu finden, sind ein guter Einstieg.
Wie fördere ich Kreativität bei Jugendlichen? Indem Eltern ihre Interessen ernst nehmen, Werkzeuge und einen eigenen Arbeitsplatz ermöglichen und Gelegenheiten schaffen, Ergebnisse zu zeigen. Für manche wird daraus ein Berufswunsch in einem gestalterischen Feld.
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Weiterführend
- Guilford, Joy Paul (1950): Creativity. American Psychologist, 5(9), 444-454.
- Amabile, Teresa M. (1996): Creativity in Context. Boulder: Westview Press.
- Runco, Mark A.; Jaeger, Garrett J. (2012): The Standard Definition of Creativity. Creativity Research Journal, 24(1), 92-96.
- Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest (2025): KIM-Studie 2024. Kindheit, Internet, Medien. Stuttgart.
- SCHAU HIN! (2025): Kreativ mit Medien: So fördern Eltern ihre Kinder.
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