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Framing bezeichnet den Prozess, durch den Medien Themen in einen bestimmten interpretiven Rahmen (Frame) einbetten, der die Wahrnehmung, Bewertung und das Urteil der Rezipienten über diese Themen maßgeblich beeinflusst – ohne notwendigerweise Fakten zu verzerren.

Rubrik: Medienpsychologie & Wirkungsforschung · Unterrubrik: Kommunikationstheorien · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Rahmentheorie, Framing-Effekte, Rahmung, Framing Analysis


Was ist Framing?

Framing beschreibt, wie die Art und Weise, in der ein Thema dargestellt wird, die Wahrnehmung dieses Themas prägt. Zwei Artikel können über dasselbe Ereignis berichten und dabei trotzdem grundlegend verschiedene Deutungen nahelegen – durch Wahl der Perspektive, Metaphern, Bilder und Betonung bestimmter Aspekte. Diese Rahmung beeinflusst, welche Ursachen, Verantwortlichkeiten und Lösungen Rezipienten für ein Problem sehen. Framing ist damit ein zentrales Werkzeug journalistischer und politischer Kommunikation.


Erklärung

Der Begriff „Frame" (Rahmen) geht auf den Soziologen und Kommunikationswissenschaftler Erving Goffman (1922–1982) zurück. In seinem 1974 erschienenen Werk Frame Analysis beschrieb Goffman, wie Menschen soziale Situationen durch mentale „Schemata der Interpretation" deuten – sogenannte Frames. Diese Schemata organisieren Erfahrungen und geben Ereignissen Bedeutung.

In der Kommunikationswissenschaft wurde der Begriff durch Robert M. Entman (1945) präzisiert und operationalisiert. In seinem einflussreichen Artikel Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm* (1993) definierte Entman Framing als vierteiligen Prozess:

  1. Definition des Problems: Welches Problem wird dargestellt?
  2. Diagnose der Ursachen: Wem oder was werden Ursachen zugeschrieben?
  3. Moralische Bewertung: Welche Urteile werden nahegelegt?
  4. Handlungsempfehlung: Welche Lösungen werden vorgeschlagen?

Frames können auf vier Ebenen angesiedelt sein: bei Kommunikatoren (Redakteure, Politiker), in Texten/Bildern, bei Rezipienten (kognitive Schemata) und in der Kultur (dominante gesellschaftliche Narrative).

Typen von Frames:

  • Episodisches Framing vs. thematisches Framing (Iyengar, 1991): Episodisches Framing stellt Einzelfälle in den Vordergrund (ein Arbeitsloser im Interview); thematisches Framing stellt strukturelle Zusammenhänge dar (Arbeitslosigkeit als gesellschaftliches Problem). Episodisches Framing verleitet Rezipienten, Individuen statt Strukturen für Probleme verantwortlich zu machen.
  • Konflikt-Frame, Human-Interest-Frame, Wirtschafts-Frame, Moral-Frame, Verantwortlichkeits-Frame (Semetko & Valkenburg, 2000): Häufig in Nachrichtenanalysen verwendete Kategorien.

Framing ist eng mit Agenda Setting verbunden (zweite Stufe) und mit Priming (welche Konzepte werden durch Frames zugänglicher?). Es ist aber konzeptuell eigenständig: Während Agenda Setting die Wichtigkeit von Themen beeinflusst, beeinflusst Framing die Interpretation dieser Themen.


Beispiele & Forschungsbefunde

  1. Iyengar (1991) – Kriminalität und Verantwortung: Shanto Iyengar zeigte experimentell, dass Nachrichtensendungen, die Kriminalität episodisch (Einzelfall) oder thematisch (gesellschaftliches Phänomen) rahmten, zu grundlegend verschiedenen Ursachenzuschreibungen führten. Bei episodischem Framing machten Zuschauer das Individuum verantwortlich, bei thematischem Framing die Gesellschaft.
  2. Kahneman & Tversky – „Asian Disease Problem" (1981): Ein klassisches psychologisches Experiment (streng genommen kein Medienframing, aber konzeptuell grundlegend): Dieselbe Entscheidungssituation wurde entweder als Gewinn (400 von 600 Menschen werden gerettet) oder als Verlust (200 von 600 Menschen sterben) gerahmt. Die Wahl des Rahmens änderte die Entscheidungen der Probanden dramatisch.
  3. Flüchtlingsberichterstattung (Kehrberg, 2015; Greussing & Boomgaarden, 2017): Studien zur Flüchtlingsberichterstattung in europäischen Medien zeigten, dass dominante Frames (Bedrohungs-Frame, Humanitäts-Frame) die Einstellungen der Rezipienten zur Migrationspolitik beeinflussten.
  4. Klimawandel-Framing (Nisbet, 2009): Klimawandel kann als ökonomische Last, moralische Pflicht, wissenschaftlicher Konsens oder Sicherheitsrisiko gerahmt werden. Je nach Frame sprechen Botschaften unterschiedliche Zielgruppen an und erzeugen unterschiedliche Handlungsbereitschaften.
  5. Semetko & Valkenburg (2000): Analysierte niederländische Nachrichten und fanden, dass der Konflikt-Frame der am häufigsten verwendete Frame war – ein Befund mit erheblichen Konsequenzen für die öffentliche Wahrnehmung von Politik als konfliktgeladen.

In der Praxis

  • Journalismus: Jeder journalistische Text enthält Frames – ob bewusst oder unbewusst. Schlagzeilen, Bilder, Zitate und die Reihenfolge von Informationen konstruieren Bedeutung. Medienpädagogische Ansätze zielen darauf ab, Frames in Texten sichtbar zu machen.
  • Politische Kommunikation: Politische Akteure kämpfen um dominante Frames. „Klimaschutz als Chance" vs. „Klimaschutz als Bedrohung für Arbeitsplätze" sind konkurrierende Frames um dasselbe Thema.
  • PR und Krisenkommunikation: Unternehmen in Krisen versuchen, Narrative und Frames aktiv zu setzen, um Verantwortung zu minimieren oder auf externe Ursachen zu lenken.
  • Werbung: Produkte werden durch Frames in einem positiven Licht gezeigt – „Natürlichkeit", „Innovation", „Tradition" sind Frames, die emotionale Assoziationen auslösen.
  • Gesundheitskommunikation: Botschaften zur Vorsorge können als Gewinn-Frame formuliert werden (Was du gewinnst, wenn du dich untersuchst) oder als Verlust-Frame (Was du verlierst, wenn du es nicht tust) – mit unterschiedlicher Wirkung je nach Zielgruppe.

Vergleich & Abgrenzung

Framing vs. Agenda Setting: Agenda Setting beantwortet die Frage, worüber berichtet wird; Framing beantwortet, wie darüber berichtet wird. Beide Prozesse sind in der medialen Praxis eng verzahnt.

Framing vs. Spin: Spin ist eine strategische, oft manipulative Form des Framings durch politische Akteure oder PR-Fachleute. Framing als wissenschaftliches Konzept ist wertneutraler und beschreibt auch unbeabsichtigte Rahmungseffekte.

Framing vs. Stereotypen: Frames sind temporäre, kontextspezifische Interpretationsmuster; Stereotype sind stabile, generalisierte Vorstellungen über soziale Gruppen. Frames können Stereotype aktivieren oder verstärken.

Kritik:

  • Das Konzept ist, wie Entman selbst einräumte, „frakturiert" – es existieren sehr viele verschiedene Definitionen und Anwendungsweisen, die schwer zu vereinheitlichen sind.
  • Die Trennung zwischen Frame und Inhalt ist analytisch schwierig.
  • Framing-Effekte sind nicht immer stark; sie hängen stark von Vorwissen, Motivation und dem medialem Umfeld des Rezipienten ab.
  • Rezipienten sind keine passiven Opfer von Frames; sie können Frames hinterfragen, ablehnen oder umdeuten (Dominant Reading, Negotiated Reading, Oppositional Reading – nach Stuart Hall).

Häufige Fragen (FAQ)

Kann ich lernen, Frames zu erkennen? Ja – und das ist eines der zentralen Ziele der Medienkompetenzförderung. Konkrete Fragen helfen: Welche Aspekte eines Themas werden betont, welche ausgelassen? Wer kommt zu Wort, wer nicht? Welche Metaphern werden verwendet? Welche Ursachen und Lösungen werden nahegelegt? Diese kritische Dekonstruktion von Frames ist erlernbar und grundlegend für mündige Mediennutzung.

Ist Framing manipulativ? Nicht notwendigerweise. Jede Kommunikation setzt einen Frame – das ist unvermeidlich. Problematisch wird es, wenn Frames systematisch einseitig sind, Fakten verzerren oder marginalisierte Gruppen stereotypisieren. Bewusste und transparente Rahmung ist hingegen ein legitimes Mittel der Kommunikation.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Goffman, Erving (1974): Frame Analysis: An Essay on the Organization of Experience. Harvard University Press.
  • Entman, Robert M. (1993): „Framing: Toward Clarification of a Fractured Paradigm". Journal of Communication, 43(4), 51–58.
  • Iyengar, Shanto (1991): Is Anyone Responsible? How Television Frames Political Issues. University of Chicago Press.
  • Semetko, Holli A. & Valkenburg, Patti M. (2000): „Framing European Politics: A Content Analysis of Press and Television News". Journal of Communication, 50(2), 93–109.
  • Nisbet, Matthew C. (2009): „Communicating Climate Change: Why Frames Matter for Public Engagement". Environment, 51(2), 12–23.
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