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Kommunikationsmodelle sind vereinfachte Darstellungen des Kommunikationsprozesses, die erklären, wie Botschaften von einem Sender zu einem Empfänger übertragen werden – und welche Faktoren dabei Bedeutung, Verständnis und Wirkung beeinflussen.

Rubrik: Medienpsychologie & Wirkungsforschung · Unterrubrik: Kommunikationstheorien · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Kommunikationstheorien, Sender-Empfänger-Modelle, Übertragungsmodelle, dialogische Modelle


Was sind Kommunikationsmodelle?

Kommunikation ist ein allgegenwärtiger, aber komplexer Prozess. Kommunikationsmodelle versuchen, diese Komplexität zu erfassen und in überschaubare Strukturen zu überführen. Sie fragen: Wer kommuniziert mit wem? Über welchen Kanal? Mit welcher Botschaft? Mit welchem Effekt? Je nach theoretischem Fokus betonen verschiedene Modelle unterschiedliche Aspekte – von technischer Informationsübertragung über soziale Bedeutungskonstruktion bis zu psychologischen Missverständnissen.


Erklärung: Die wichtigsten Modelle


1. Lasswell-Formel (1948)

Harold Dwight Lasswell (1902–1978) war ein amerikanischer Politikwissenschaftler und Kommunikationsforscher, der 1948 in seinem Aufsatz The Structure and Function of Communication in Society ein einflussreiches, schlichtes Modell formulierte:

„Who says What in Which channel to Whom with What effect?"

(Wer sagt was über welchen Kanal zu wem mit welchem Effekt?)

Die fünf Elemente:

  1. Who (Wer): Kommunikator/Sender – Analyse der Kommunikatoren (Redner, Medienunternehmen, Journalisten).
  2. Says What (Sagt was): Botschaft/Inhalt – Inhaltsanalyse.
  3. In Which Channel (Über welchen Kanal): Medium – Medienanalyse.
  4. To Whom (Zu wem): Publikum/Empfänger – Publikumsforschung.
  5. With What Effect (Mit welchem Effekt): Wirkung – Wirkungsforschung.

Die Lasswell-Formel ist ein lineares, einwegiges Modell: Sie beschreibt Kommunikation als Übertragung von einem Sender zu einem Empfänger. Feedback und Wechselseitigkeit fehlen. Trotz dieser Einschränkungen ist die Formel bis heute ein Ordnungsrahmen für kommunikationswissenschaftliche Analysen.


2. Shannon-Weaver-Modell (1949)

Claude E. Shannon (1916–2001) war Mathematiker und Ingenieur bei Bell Telephone Laboratories; Warren Weaver (1894–1978) war Mathematiker und Kommunikationstheoretiker. Ihr 1949 erschienenes Werk The Mathematical Theory of Communication legte die technische Grundlage der modernen Informationstheorie.

Das Modell beschreibt Kommunikation als technischen Übertragungsprozess:

Informationsquelle → Sender (Encoder) → Kanal → Empfänger (Decoder) → Zielpunkt

Dabei wird das Signal durch Rauschen (Noise) gestört, was zu Informationsverlust oder -verzerrung führt.

Weaver erweiterte das technische Modell um drei Problemebenen:

  1. Technisches Problem: Wie exakt können Symbole übertragen werden?
  2. Semantisches Problem: Wie präzise transportieren Symbole die gewünschte Bedeutung?
  3. Effektivitätsproblem: Wie beeinflusst die Botschaft das Verhalten des Empfängers?

Das Shannon-Weaver-Modell ist technisch präzise, aber für soziale Kommunikation beschränkt: Es ignoriert Kontext, soziale Bedeutung, Machtverhältnisse und Wechselseitigkeit.


3. Schulz von Thun – Vier-Seiten-Modell (1981)

Friedemann Schulz von Thun (1944) ist ein deutscher Psychologe und Kommunikationswissenschaftler der Universität Hamburg. Sein populäres Vier-Ohren-Modell oder Vier-Seiten-Modell* beschreibt, dass jede Äußerung vier Botschaftsebenen gleichzeitig enthält:

  1. Sachinhalt: Die reine Information, der Sachverhalt.
  2. Selbstoffenbarung: Was der Sprecher über sich selbst preisgibt (Gefühle, Werte, Persönlichkeit).
  3. Beziehungsaspekt: Was der Sprecher über seine Beziehung zum Empfänger signalisiert.
  4. Appell: Was der Sprecher beim Empfänger erreichen möchte (Handlungsaufforderung).

Missverständnisse entstehen, wenn Sender und Empfänger verschiedene Ebenen betonen: Der Sender meint den Sachinhalt, der Empfänger hört den Beziehungsaspekt.

Das Modell ist hochpraktisch für interpersonale Kommunikation, Beratung und Coaching – weniger für die Analyse massenmedialer Kommunikation.


4. Systemtheoretische Modelle (Luhmann)

Niklas Luhmann (1927–1998) beschrieb Kommunikation aus systemtheoretischer Perspektive als dreiteilige Selektion:

  1. Selektion einer Information (was wird mitgeteilt?)
  2. Selektion einer Mitteilung (wie wird es mitgeteilt?)
  3. Selektion des Verstehens (wie versteht der Empfänger?)

Luhmann betonte, dass Kommunikation kein Transfer von Bedeutung zwischen Bewusstseinssystemen ist – da Bewusstseinssysteme füreinander nicht zugänglich sind. Kommunikation ist ein autonomes soziales Ereignis, das Anschluss-Kommunikation ermöglicht oder verhindert.

Luhmanns systemtheoretische Mediensoziolgie versteht Massenmedien als eigenständiges gesellschaftliches Funktionssystem, das Realität nach dem Code „Information / Nicht-Information" konstruiert.


5. Transaktionales Modell (Watzlawick et al., 1967)

Paul Watzlawick (1921–2007) und Kollegen formulierten in Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien (1967) pragmatische Axiome der Kommunikation:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.
  3. Kommunikation ist interpunktierbar (jeder definiert den Anfang der Interaktion anders).
  4. Kommunikation ist digital (Sprache) oder analog (nonverbale Signale).
  5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär.

Watzlawick betonte die Wechselseitigkeit von Kommunikation und die Unmöglichkeit, nicht zu kommunizieren – eine fundamentale Kritik an linearen Modellen.


Beispiele & Forschungsbefunde

  1. Rauschen im Shannon-Weaver-Modell – Digital-analog: Die technische Rausch-Metapher findet sich in der Kommunikationspraxis wieder: Sprachbarrieren, kulturelle Unterschiede und Vorurteile sind „Rauschen" sozialer Kommunikation.
  2. Vier-Seiten-Modell in der Paartherapie: Schulz von Thuns Modell ist in der Kommunikationsberatung und Paartherapie Standard. Viele Beziehungskonflikte entstehen dadurch, dass Partner die Beziehungsebene einer Aussage missinterpretieren.
  3. Lasswell in der Wirkungsforschung: Die fünf Kategorien der Lasswell-Formel strukturieren bis heute Lehrpläne, Dissertationen und Forschungsprogramme in der Kommunikationswissenschaft.
  4. Luhmann und Massenmedien: Luhmanns Die Realität der Massenmedien (1996) liefert eine systemtheoretische Analyse, warum Massenmedien nicht „die Wahrheit" transportieren, sondern eine konstruierte Medienwirklichkeit nach eigenen Selektionsprinzipien erzeugen.
  5. Watzlawick und Paradoxien: Das bekannteste Kommunikationsparadox lautet: „Sei spontan!" – eine Aufforderung, die per definitionem nicht befolgt werden kann, da erzwungene Spontaneität keine Spontaneität ist. Solche Paradoxien spielen in Familientherapie und Systemtheorie eine wichtige Rolle.

In der Praxis

  • Journalismus: Die Lasswell-Formel ist ein Analyserahmen für die Planung von Berichterstattung: Wer kommuniziert (Quelle), was (Inhalt), über welchen Kanal (Medium), an wen (Zielgruppe), mit welcher Wirkungsabsicht?
  • PR und Unternehmenskommunikation: Schulz von Thuns Vier-Seiten-Modell sensibilisiert Kommunikatoren für Mehrdeutigkeiten in Pressemitteilungen, Reden und internen Memos.
  • Digitale Kommunikation: Das Shannon-Weaver-Modell ist Grundlage der digitalen Informationstheorie (Datenübertragung, Datenkompression, Fehlerkorrektur).
  • Medienpädagogik: Kommunikationsmodelle sind grundlegendes Unterrichtsmaterial in Schule, Hochschule und Medienberufsausbildung.
  • Mediation und Konfliktlösung: Watzlawicks Axiome helfen, Kommunikationspathologien zu diagnostizieren und zu lösen.

Vergleich & Abgrenzung

Lineare vs. transaktionale Modelle: Lasswell und Shannon-Weaver beschreiben Kommunikation als lineare Einbahn (Sender → Empfänger). Watzlawick und Luhmann betonen die Wechselseitigkeit und Konstruiertheit von Kommunikation. Für Massenmedien ist das lineare Modell noch vergleichsweise angemessen; für interpersonale Kommunikation sind transaktionale Modelle überzeugender.

Technische vs. soziale Modelle: Shannon-Weaver ist primär ein technisches Modell; Schulz von Thun und Watzlawick sind primär sozialpsychologisch. Für die Medienwirkungsforschung sind letztere relevanter.

Kritik:

  • Alle Modelle sind Vereinfachungen; keine bildet die Komplexität realer Kommunikation vollständig ab.
  • Lineare Modelle vernachlässigen Rückkopplung, Kontext und soziale Machtverhältnisse.
  • Schulz von Thuns Modell ist alltagspraktisch nützlich, aber wissenschaftlich weniger fundiert als ELM oder systemtheoretische Ansätze.
  • Luhmanns Systemtheorie ist anspruchsvoll und abstrakt; ihre empirische Operationalisierbarkeit ist begrenzt.

Häufige Fragen (FAQ)

Welches Kommunikationsmodell ist das „richtige"? Keines – weil verschiedene Modelle verschiedene Aspekte von Kommunikation beleuchten. Lasswell strukturiert Forschungsfragen; Shannon-Weaver erklärt technische Grundprinzipien; Schulz von Thun zeigt Missverständnisquellen; Watzlawick beschreibt Kommunikationsparadoxien; Luhmann analysiert gesellschaftliche Kommunikationssysteme. Je nach Erkenntnisinteresse und Kontext ist ein anderes Modell ergiebiger.

Was bedeutet „man kann nicht nicht kommunizieren"? Watzlawicks erstes Axiom meint: Selbst wenn man schweigt, sich abwendet oder nichts tut, sendet man eine Botschaft (z.B. Desinteresse, Ablehnung, Erschöpfung). In sozialen Situationen gibt es keine kommunikationsfreie Zone. Das hat weitreichende Konsequenzen: In der Unternehmenskommunikation ist auch das Nichtreagieren auf Krisen eine Botschaft; in der Erziehung ist auch Schweigen zu einem Verhalten eine Kommunikation.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Lasswell, Harold D. (1948): „The Structure and Function of Communication in Society". In: Bryson, Lyman (Hrsg.): The Communication of Ideas. Harper.
  • Shannon, Claude E. & Weaver, Warren (1949): The Mathematical Theory of Communication. University of Illinois Press.
  • Schulz von Thun, Friedemann (1981): Miteinander reden: Störungen und Klärungen. Rowohlt.
  • Watzlawick, Paul, Beavin, Janet H. & Jackson, Don D. (1967): Menschliche Kommunikation: Formen, Störungen, Paradoxien. Huber.
  • Luhmann, Niklas (1996): Die Realität der Massenmedien. Westdeutscher Verlag.
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