← Zurück zu Medienpsychologie
Doomscrolling beschreibt das zwanghafte, anhaltende Konsumieren negativer oder beunruhigender Nachrichten in sozialen Medien und Nachrichtenportalen, das trotz wachsender emotionaler Belastung nicht unterbrochen wird.

Rubrik: Medienpsychologie & Wirkungsforschung · Unterrubrik: Digitale Phänomene · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Doomsurfing, Negativnachrichten-Spirale, Doom-Scrolling


Was ist Doomscrolling?

Doomscrolling – zusammengesetzt aus dem englischen doom (Unheil, Untergang) und scrolling (Scrollen) – beschreibt ein Verhalten, das viele kennen: Man öffnet eine Nachrichten-App oder soziale Plattform und findet sich Minuten oder Stunden später immer noch dort, obwohl man sich durch Krisen, Katastrophen, Konflikte und schlechte Neuigkeiten bewegt hat. Man fühlt sich schlechter, scrollt aber weiter. Besonders ausgeprägt trat das Phänomen während der COVID-19-Pandemie (2020/21) auf, als der Begriff in breiteren Medien Einzug hielt.


Erklärung

Die Psychologie des Negativitätsbias

Das Fundament des Doomscrollings ist der sogenannte Negativitätsbias: Das menschliche Gehirn schenkt negativen Informationen systematisch mehr Aufmerksamkeit als positiven. Diese evolutionäre Anpassung war überlebenswichtig – wer Gefahren schneller bemerkte, lebte länger. In der modernen Medienlandschaft wird dieser Reflex jedoch ausgenutzt: Algorithmen lernen schnell, dass beunruhigende, empörende oder angstmachende Inhalte mehr Klicks, Likes und Kommentare erzeugen – und bevorzugen sie deshalb.

Der Kontrollillusions-Mechanismus

Psychologisch paradox ist, dass Menschen beim Doomscrolling oft das Gefühl suchen, informiert und damit besser vorbereitet zu sein. Studien zeigen, dass das Konsumieren von Nachrichten über eine Bedrohung kurzfristig das Gefühl von Kontrolle und Handlungsfähigkeit erzeugen kann (Garfin et al., 2020). Da die Bedrohungen im Nachrichtenstrom jedoch nicht nachlassen – neue Krisen folgen auf alte –, bleibt das Gefühl der Kontrolle aus, während die emotionale Belastung steigt.

Technologische Verstärker

Drei Designmechanismen verstärken Doomscrolling erheblich:

  1. Infinite Scroll: Der endlose Feed suggeriert, es gäbe immer noch mehr zu entdecken – und damit immer noch wichtigere Informationen, die man verpassen könnte.
  2. Echtzeit-Nachrichten: Permanente Aktualisierungen erzeugen das Gefühl, man könnte den aktuellen Stand verpassen, wenn man jetzt aufhört.
  3. Algorithmen: Engagement-optimierte Empfehlungssysteme bevorzugen emotionale, oft negative Inhalte, da diese statistisch höhere Interaktionsraten erzielen.

Gesundheitliche Folgen

Forschungen zeigen klare Zusammenhänge zwischen exzessivem Negativnachrichtenkonsum und psychischer Belastung. Garfin et al. (2020) untersuchten in einer groß angelegten Studie im Health Psychology die COVID-Berichterstattung und fanden: Schon eine frühe Exposition gegenüber großen Mengen pandemischer Nachrichten war mit Angststörungen und posttraumatischen Stresssymptomen verbunden. McLaughlin et al. (2022) zeigten, dass wiederholter Konsum nachrichtenbasierter Traumata über Medien die Stressreaktion auf denselben Niveau wie direkte Betroffenheit steigern kann.

Körperliche Folgen umfassen: Schlafstörungen (besonders bei abendlichem Scrolling), erhöhte Cortisolausschüttung (Stresshormone), Kopfschmerzen und allgemeine Erschöpfung.


Beispiele

  1. COVID-19-Pandemie (2020): Merriam-Webster nahm doomsurfing und doomscrolling 2020 als neue Wörter auf – ein Zeichen der breiten gesellschaftlichen Resonanz. Twitter und andere Plattformen sahen dramatische Nutzungsanstiege bei gleichzeitig extrem negativem Inhaltskonsum.
  2. Ukraine-Krieg (2022): Nachrichtennutzung stieg in Deutschland laut Reuters Digital News Report um 30 %, begleitet von Berichten über Schlafprobleme und erhöhte Angst in der Bevölkerung.
  3. Klimakatastrophen-Berichterstattung: Dauerpräsenz von Waldbrand-, Überschwemmungs- und Hitzewellen-Nachrichten führt bei einem Teil der Bevölkerung zu Eco-Anxiety – einer spezifischen Klimaangst, die durch Doomscrolling verstärkt wird.
  4. Twitter/X-Nachrichtenflut: Politische Krisen (z.B. US-Wahlen, Regierungschaos) führen nachweislich zu massivem Nutzungsanstieg mit negativem Nachrichtenfokus über Stunden.
  5. Nachtscrolling: Viele Nutzer berichten, abends eigentlich schlafen zu wollen, aber durch das Nachrichtengeschehen am Scrollen gehalten zu werden – mit fatalen Folgen für den Schlafrhythmus.

In der Praxis

Für Medienkonsumenten: Erkennt man sich in folgenden Mustern wieder, könnte Doomscrolling ein Problem sein: regelmäßig mehr als 30 Minuten täglich Negativnachrichten konsumieren, ohne dass man danach aufgehört hat, weil man das wollte; schlechte Stimmung, die sich mit dem Scrollen nicht verbessert; nächtliches Scrollen bis weit nach Mitternacht. Strategien: Feste Nachrichtenzeiten einrichten, Benachrichtigungen deaktivieren, kuratierte qualitätsorientierte Quellen statt Algorithmus-Feeds nutzen.

Für Plattformen: Verantwortungsvolles Design würde Negativitätsbias im Algorithmus aktiv ausbalancieren, statt ihn zu verstärken. Der EU Digital Services Act (2022) fordert erstmals Transparenz bei Empfehlungssystemen großer Plattformen.


Vergleich & Abgrenzung

Doomscrolling vs. Informiertsein: Informierter Nachrichtenkonsum ist eine demokratische Grundpraxis. Doomscrolling wird problematisch, wenn er trotz negativer Wirkung fortgesetzt wird und von Kontrolllosigkeit geprägt ist.

Doomscrolling vs. Social-Media-Sucht: Doomscrolling ist ein spezifisches Muster innerhalb der Social-Media-Nutzung mit Fokus auf Negativnachrichten. Social-Media-Sucht ist der breitere Begriff.

Doomscrolling vs. Sensationalismus: Sensationalismus beschreibt eine redaktionelle Strategie von Medien. Doomscrolling ist die psychologische Reaktion des Nutzers darauf.


Häufige Fragen (FAQ)

Warum hört man nicht einfach auf zu scrollen, wenn es einen belastet? Das ist das Paradox: Der Negativitätsbias signalisiert dem Gehirn, dass mehr Informationen Sicherheit bringen könnten. Das limbische System – der evolutionär ältere, emotionale Teil des Gehirns – übernimmt die Kontrolle und hemmt den rationalen Abbruch durch den präfrontalen Kortex. Es fühlt sich falsch an, aufzuhören, solange die Bedrohung „noch da draußen" ist.

Schadet Doomscrolling langfristig der psychischen Gesundheit? Aktuelle Studien deuten auf signifikante Zusammenhänge hin, besonders bei bereits vulnerablen Personen. Langzeitstudien fehlen noch. Klar ist jedoch: Kurzfristiger, anhaltender Stress durch negative Medieninhalte – insbesondere vor dem Schlaf – hat messbare physiologische Auswirkungen auf den Körper.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Garfin, D. R. et al. (2020): Transitional stress and media: Examining media exposure during COVID-19. Health Psychology, 39(5).
  • Robertson, T. et al. (2022): *Doomscrolling: An introduction. Journal of Media Psychology.
  • Soroka, S. & McAdams, S. (2015): News, Politics, and Negativity. Political Communication, 32(1).
  • Online: American Psychological Association – „Stress in America: One Year Later, A New Wave of Pandemic Health Concerns" –
← Zurück zu Medienpsychologie
Infotag · 13. Mai · 15:00 Uhr · Vor Ort

Sei am Mittwoch dabei.
Bring Eltern oder Freunde mit.

Ein halber Nachmittag, der dir drei Jahre Klarheit bringen kann. Kostenlos, unverbindlich, ehrlich.

  • Rundgang durch Studios, Schnitträume und Tonstudio
  • Echte Absolventenfilme sehen
  • 1:1-Beratung zu Bewerbung & BAföG
  • Studierende direkt fragen
  • Kaffee, kein Sales-Pitch
  • Auch online möglich

Platz beim Infotag reservieren

Dauert 30 Sekunden. Bestätigung per E-Mail.
100 % kostenlos · keine Verpflichtung · jederzeit absagbar