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Astroturfing ist eine PR- und Kommunikationsstrategie, bei der kommerzielle, politische oder ideologische Interessen als spontane, authentische Bürgerbewegungen, Nutzeropinionen oder gesellschaftliche Graswurzelbewegungen getarnt werden – um den Anschein von breitem gesellschaftlichem Rückhalt zu erzeugen, den es so nicht gibt.

Rubrik: Medienpsychologie & Wirkungsforschung · Unterrubrik: Werbepsychologie & Ethik · Niveau: Fortgeschritten Synonyme / Auch bekannt als: Fake Grassroots, Scheingraswurzel, pseudo-organische PR, Fake Reviews, Online-Manipulation


Was ist Astroturfing?

Der Begriff leitet sich von „AstroTurf" ab – einem amerikanischen Kunstrasenhersteller, dessen Name zum Synonym für Kunstrasen wurde. Politisch wurde der Begriff in den 1980er Jahren geprägt: Wenn eine scheinbare Graswurzelbewegung (englisch: grassroots movement) in Wirklichkeit von Unternehmen, Lobbygruppen oder politischen Akteuren finanziert und organisiert wird, nennt man das Astroturfing.

Der Begriff beschreibt ein breites Phänomen: Von bezahlten Buchbewertungen auf Amazon über fingierte Patientengruppen, die Pharmaunternehmen nahe stehen, bis zu koordinierten Social-Media-Kampagnen, die echte gesellschaftliche Meinungen simulieren.


Erklärung

Formen des Astroturfings

Fake Reviews und Bewertungsmanipulation: Unternehmen kaufen positive Bewertungen auf Plattformen wie Amazon, Google, TripAdvisor oder Yelp – oder organisieren koordinierte negative Bewertungen für Konkurrenten. Studien zeigen, dass bis zu 40 % aller Online-Bewertungen auf bestimmten Plattformen gefälscht oder zumindest irreführend sind.

Schein-Bürgerorganisationen (Potemkin-NGOs): Unternehmen oder Lobbygruppen gründen vermeintlich unabhängige Bürgerorganisationen, die in Wirklichkeit von den Auftraggebern finanziert und gesteuert werden. Klassisches Beispiel: Tabakkonzerne, die in den 1980er und 1990er Jahren Bürgerrechtsgruppen gründeten, die Rauchrechte als Freiheitsfrage rahmten.

Politisches Astroturfing / Sockpuppets: Im politischen Bereich werden koordinierte Netzwerke von gefälschten Social-Media-Accounts eingesetzt, um politische Meinungen zu simulieren und Debatten zu beeinflussen. Diese Accounts (Sockpuppets) erscheinen als authentische Nutzer, folgen aber zentralen Instruktionen.

Sponsored Content ohne Kennzeichnung: Journalismus-ähnlich gestaltete Inhalte, die von Unternehmen bezahlt werden, aber keine erkennbare Werbekennzeichnung tragen, sind eine Form des Astroturfings im Medienbereich.

Coordinated Inauthentic Behavior: Dieser Begriff, von Facebook geprägt, beschreibt koordinierte Netzwerke, die inauthentic behavior nutzen, um politische oder kommerzielle Ziele zu erreichen – ohne das jeder einzelne Post notwendigerweise falsch ist.

Psychologische Grundlagen

Astroturfing nutzt das Prinzip der sozialen Bewährtheit (Robert Cialdini): Wenn viele Menschen eine Meinung zu teilen scheinen, wird sie als korrekt und wünschenswert eingestuft. Fake Reviews, koordinierte Like-Netzwerke und fingierte Bürgerbewegungen erzeugen einen falschen sozialen Konsens, der Entscheidungen beeinflusst.

Die Wirksamkeit von Astroturfing beruht auf Informationsasymmetrie: Empfängerinnen und Empfänger von Botschaften können die Echtheit von Graswurzelbewegungen oder Nutzerrezensionen nicht leicht überprüfen. Diese Asymmetrie zu nutzen, ist das Kern-Kalkül des Astroturfings.


Beispiele

  1. Tabakkonzerne und The Tobacco Institute (1950er–1990er): Die US-amerikanische Tabakindustrie finanzierte über Jahrzehnte wissenschaftlich klingende Institutionen (The Tobacco Institute, Council for Tobacco Research), die öffentlich Zweifel an der Schädlichkeit von Tabak säten. Interne Dokumente, die im Zuge der US-Tabakprozesse der 1990er Jahre öffentlich wurden, belegen die Instrumentalisierung dieser scheinbar unabhängigen Forschungsinstanzen.
  2. Amazon und Fake Reviews (laufend): Mehrere investigative Journalisten und die EU-Kommission haben dokumentiert, dass systematische Bewertungsnetzwerke gefälschte Amazon-Rezensionen kaufen und verkaufen. Amazon kämpft seit Jahren gegen das Problem an; die EU-Verbraucherrechterichtlinie (2022) verpflichtet Plattformen zu mehr Transparenz über die Echtheit von Bewertungen.
  3. Big Oil und Klimaleugner-Netzwerke: ExxonMobil und andere Energiekonzerne finanzierten laut Dokumenten aus den 1990er und 2000er Jahren Denkfabriken und Kommunikationsnetzwerke, die den wissenschaftlichen Konsens über den Klimawandel in Zweifel zogen – unter dem Deckmantel scheinbar unabhängiger Forschungsinstitute.
  4. Political Bots im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016: Eine Studie der Oxford Internet Group (Computational Propaganda Project) zeigte, dass Twitter-Bot-Netzwerke systematisch pro-Trump-Inhalte verbreiteten und die Reichweite bestimmter Hashtags künstlich aufblähten. Diese Bots erschienen als echte Nutzer.
  5. Astroturfing in der deutschen Energie-Debatte: Recherchen des NDR und der Süddeutschen Zeitung haben mehrfach vermeintliche Bürgerinitiativen enttarnt, die sich gegen Windkraftprojekte engagierten und dabei von Interessengruppen aus der konventionellen Energiebranche unterstützt oder finanziert wurden.

In der Praxis

Für Konsumentinnen und Konsumenten ist kritischer Umgang mit Online-Bewertungen und vermeintlichen Bürgerbewegungen wichtig:

  • Bewertungsprofile analysieren (viele 5-Sterne-Bewertungen in kurzer Zeit, keine anderen Aktivitäten).
  • Externe Tools zur Bewertungsprüfung nutzen (z. B. Fakespot.com, ReviewMeta.com).
  • Quellen von Meinungen hinterfragen: Wer steht hinter dieser Initiative? Woher kommt die Finanzierung?

Für Unternehmen und Organisationen mit legitimen Kommunikationsinteressen ist Astroturfing nicht nur ethisch problematisch, sondern auch mit erheblichen rechtlichen Risiken verbunden.

Rechtliche Rahmenbedingungen

Deutschland, UWG: Das Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb verbietet getarnte Geschäftspraktiken. Fake Reviews und nicht gekennzeichnete Werbeinhalte sind unlauter und abmahnfähig. Klagen durch Mitbewerber und Verbraucherschutzverbände sind möglich.

EU Digital Services Act (DSA, 2023): Verpflichtet sehr große Plattformen (Google, Meta, TikTok, Amazon) zu aktivem Management von Koordiniertem Inauthentic Behavior und zur Transparenz über Werbung und Empfehlungsalgorithmen.

EU-Verbraucherrechterichtlinie (2022): Verpflichtet Plattformen, Transparenz über die Authentizität von Nutzerbewertungen herzustellen und gefälschte Bewertungen aktiv zu bekämpfen.


Vergleich & Abgrenzung

Astroturfing simuliert organische Öffentlichkeit; Lobbyismus ist interessengeleitet, aber transparent und formalisiert. PR-Kommunikation kann Botschaften strategisch gestalten, muss aber die Quelle offenlegen. Desinformation ist Falschinformation mit irreführender Absicht; Astroturfing kann, muss aber nicht, inhaltlich falsch sein – es täuscht primär über die Quelle. Fake News ist ein verwandtes, aber weiteres Konzept.


Häufige Fragen (FAQ)

Ist Astroturfing illegal? In vielen Formen ja. Gefälschte Bewertungen und verdeckte PR-Praktiken verstoßen gegen das UWG und können zivil- und strafrechtliche Konsequenzen haben. Politisches Astroturfing bewegt sich in einer Grauzone, ist aber in demokratischen Öffentlichkeiten aus ethischen Gründen problematisch.

Wie erkenne ich Astroturfing? Typische Anzeichen: koordiniertes Erscheinen neuer Accounts oder Bewertungen in kurzer Zeit, ähnliche Sprache und Formulierungen, fehlende Finanzierungstransparenz, ungewöhnliche Expertise für vermeintliche Laien.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Beder, S. (1997): Global Spin: The Corporate Assault on Environmentalism. Chelsea Green.
  • Oreskes, N. & Conway, E. M. (2010): Merchants of Doubt. Bloomsbury Press.
  • Computational Propaganda Project, Oxford Internet Institute:
  • Fakespot: Bewertungsanalyse –
  • Online: EU Digital Services Act –
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