Piktogramm Design ist die Gestaltungsdisziplin, die einfache, bildhafte Zeichen entwickelt, die Informationen, Richtungen oder Verbote ohne Sprachbarriere universell verständlich kommunizieren.
Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Ausstellungsdesign & Museum · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Piktogramm, Bildzeichen, Icon Design (im digitalen Kontext), Symbolsystem
Was ist Piktogramm Design?
Piktogramme (von lateinisch pictus = gemalt, griechisch gramma = Geschriebenes) sind vereinfachte bildliche Darstellungen, die eine Information auf das Wesentliche reduzieren und ohne Sprachkenntnisse verständlich sein sollen. Sie sind das elementarste Werkzeug der visuellen Kommunikation in öffentlichen Räumen: auf Flughäfen, in Museen, an Bahnhöfen, auf Verpackungen und in digitalen Interfaces. Gutes Piktogramm Design ist das Ergebnis eines aufwendigen Reduktions- und Testprozesses.
Erklärung
Die Geschichte moderner Piktogramme beginnt im frühen 20. Jahrhundert: Der österreichische Sozialphilosoph und Visualpädagoge Otto Neurath entwickelte in den 1920er/30er Jahren das Isotype-System (International System of Typographic Picture Education) – ein Bildstatistiksystem, das komplexe Gesellschaftsdaten ohne Text verständlich machen sollte. Neuraths Prinzip der Reduktion auf geometrische Formen ist bis heute grundlegend.
Die entscheidende Wegmarke in der Geschichte des modernen Piktogramm Designs setzte Otl Aicher (1922–1991): Für die Olympischen Spiele in München 1972 entwickelte Aicher und sein Team ein umfassendes Piktogramm-System für alle Sportarten und Servicebereiche. Die Zeichen basieren auf einem streng geometrischen Raster aus Kreis- und Strichformen; die Figuren sind geschlechtsabstrahiert und auf das funktionale Minimum reduziert. Aichers Olympia-Piktogramme werden heute als Referenzstandard der Designgeschichte betrachtet und haben das Piktogramm-Design der folgenden Jahrzehnte weltweit geprägt. (Mehr zu Aicher: Otl Aicher)
ISO 7001 – die internationale Norm für öffentliche Informationssymbole – definiert Anforderungen und Testverfahren für Piktogramme: Ein Piktogramm gilt als verständlich, wenn mindestens 67 % einer repräsentativen Testgruppe seine Bedeutung korrekt identifiziert. Die Norm umfasst über 100 standardisierte Zeichen (z. B. Toilette, Ausgang, Parken, Erste Hilfe). Viele Länder haben eigene Normen (DIN für Deutschland; ANSI für die USA).
Gestaltungsprinzipien des Piktogramm Designs:
- Reduktion: Nur die wesentlichen Merkmale eines Objekts oder einer Handlung werden dargestellt. Überflüssige Details lenken ab und verringern die Erkennungsgeschwindigkeit.
- Konsistenz: Alle Zeichen eines Systems folgen denselben Gestaltungsregeln (Strichstärken, Proportionen, Rundungsradien).
- Universalität: Das Zeichen muss kulturunabhängig funktionieren – was in Europa selbstverständlich ist, kann in anderen Kulturkreisen unbekannt sein (z. B. Briefkastensymbol für E-Mail).
- Skalierbarkeit: Piktogramme müssen von 5 mm (Smartphone-Icon) bis 50 cm (Wegweiserschild) eindeutig erkennbar sein.
- Kontrast: Mindestkontrast zwischen Zeichen und Hintergrund; Varianten für helle und dunkle Hintergründe sind erforderlich.
In der digitalen Welt haben Piktogramme als Icons eine neue Dimension erreicht: Systeme wie Material Design (Google) oder SF Symbols (Apple) definieren umfassende Icon-Bibliotheken mit klaren Gestaltungsregeln. Die Grenzen zwischen traditionellem Piktogramm-Design und digitalem Icon Design verschwimmen zunehmend.
Beispiele
- Olympia München 1972 (Otl Aicher) – Der Prototyp des modernen Piktogramm-Systems; 21 Sportarten und über 100 Servicezeichen in konsistentem Rasterdesign; bis heute in Bibliotheken und Museen zu Referenzzwecken ausgestellt.
- ISO 7001-Piktogramme (international) – Standardisierte Zeichen für öffentliche Einrichtungen weltweit; vom Flughafen bis zum Bahnhof; Ergebnis internationaler Normungsarbeit durch ISO/TC 145.
- AIGA-Symbole (USA, 1974) – Vom American Institute of Graphic Arts und DOT (Department of Transportation) für US-Transportanlagen entwickelte 50 Symbole; heute gemeinfrei und weltweit verbreitet.
- Tokyo 2020 Olympia-Piktogramme – Japanisches Designteam entwickelte eine Neuinterpretation der Aicher-Tradition mit stärkerer Dynamik und kulturellen Referenzen; gleichzeitig animierte Versionen für digitale Nutzung.
- Leitsystem Deutsche Bahn (1994/2010) – Einheitliche Piktogramme für das gesamte Schienennetz; konsistent auf Schildern, Bildschirmen und Printmaterialien; mehrfach überarbeitet und digitalisiert.
In der Praxis
Piktogramm-Entwicklung beginnt mit einer Anforderungsanalyse: Welche Konzepte müssen dargestellt werden? Welche Zielgruppen nutzen das System? Welche kulturellen Kontexte sind zu berücksichtigen? Dann folgen Skizzenphase (Konzeptvarianten, Reduktionsstudien), Rasterentwicklung (geometrisches Grundraster), Testphase (Erkennungstest mit Testpersonen) und Normierungsphase (Festlegung aller Varianten in einem Styleguide). Software: Adobe Illustrator (Vektorentwicklung), Figma (digitale Systementwicklung).
Vergleich & Abgrenzung
Piktogramme sind sprachunabhängige Bildzeichen; Icons (im digitalen Kontext) können auch abstrakte Handlungen darstellen und werden kleiner gezeigt. Symbole sind bedeutungsgeladene Zeichen, deren Bedeutung konventionell festgelegt ist (z. B. Herz = Liebe) – sie erfordern kulturelles Vorwissen. Signets und Logos sind Erkennungszeichen für Unternehmen oder Institutionen, keine Informationssymbole.
Häufige Fragen (FAQ)
Wer war Otl Aicher? Otl Aicher (1922–1991) war einer der bedeutendsten deutschen Grafikdesigner des 20. Jahrhunderts. Er entwarf neben den Olympia-Piktogrammen auch das Corporate Design der Lufthansa (1962), das visuelle Konzept für die Olympiade München 1972 (Gesamtverantwortung) und die Hausschrift Rotis. Er war Mitgründer der Hochschule für Gestaltung Ulm (HfG Ulm). Sein Werk ist ein Schlüsseltext des funktionalen Grafikdesigns.
Warum gibt es keine universellen Piktogramme für alle Situationen? Kulturelle Unterschiede und Bedeutungsverschiebungen machen absolute Universalität unmöglich. Gestes wie Daumen hoch, Farbbedeutungen (Weiß = Trauer in Teilen Asiens) oder Tierdarstellungen werden je nach Kulturkreis anders gedeutet. Piktogramm-Systeme werden daher immer für spezifische Kontexte und Nutzergruppen entwickelt und getestet.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Aicher, Otl (1994): Die Welt als Entwurf. Ernst und Sohn Verlag.
- Neurath, Otto (1936): International Picture Language. Kegan Paul, Trench, Trubner & Co.
- Mijksenaar, Paul (1997): Visual Function. An Introduction to Information Design. Princeton Architectural Press.
- Online: ISO 7001 Norm – www.iso.org/standard/73346.html
- Online: AIGA Symbol Signs (freie Piktogramme) – www.aiga.org/symbol-signs
