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Signaletik ist das Gestaltungsfeld, das sich mit der systematischen Entwicklung visueller Zeichen – insbesondere Piktogrammen – für Orientierungs- und Informationssysteme in öffentlichen Räumen befasst.

Was ist Signaletik?

Der Begriff „Signaletik" (frz. signalétique) bezeichnet das Teilgebiet des Informationsdesigns, das sich mit Zeichensystemen für räumliche Umgebungen beschäftigt. Signaletik verbindet Grafik-Design, Typografie, Kognitionspsychologie und Ergonomie zu einem Systemdesign, das auf schnelle, intuitive Erkennung ausgelegt ist.

Piktogramme sind das visuelle Kernwerkzeug der Signaletik: vereinfachte, bildsymbolische Zeichen, die Informationen unabhängig von Sprache vermitteln. Ihre Bedeutung kann entweder universal (ISO-standardisiert) oder durch Convention (kulturell gelernt) vermittelt werden.

Erklärung

Geschichte der Signaletik

Die Entwicklung moderner Signaletik-Systeme begann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wegweisende Meilensteine:

  • 1936: Gerd Arntz und Otto Neurath entwickeln das ISOTYPE-System (International System of Typographic Picture Education) – erste systematische Bildsprache zur datenhaltigen Kommunikation.
  • 1964: Otl Aicher gestaltet für die Olympischen Spiele München 1972 ein bis heute prägend wirkendes Piktogramm-System – klare, reduzierte Strichfiguren, die weltweit imitiert wurden.
  • 1974: ISO verabschiedet erste internationale Normen für Sicherheitsschilder (Vorläufer ISO 7010).
  • 2003: ISO 7010 erscheint als wichtigste Norm für Sicherheits- und Rettungszeichensymbole.
  • 2010er: Digitale Icon-Libraries (Noun Project, Google Material Icons, Apple SF Symbols) standardisieren Piktogramme für digitale Interfaces.

Kategorien von Piktogrammen

1. Sicherheits- und Rettungszeichen (ISO 7010) Genormt, verbindlich für Gefahrenbereiche, Notausgänge, Feuerlöscherstandorte. Grün = Rettungszeichen; Rot = Verbotszeichen; Gelb = Warnzeichen; Blau = Gebotszeichen.

2. Orientierungspiktogramme Nicht gesetzlich genormt, aber nach Konvention verbreitet: WC, Aufzug, Restaurant, Parkplatz, Information. Ausgestaltung frei, aber Konsistenz innerhalb eines Systems notwendig.

3. Informationspiktogramme Beschreiben Themen, Kategorien oder Inhalte: Ausstellungsthema-Icons, Veranstaltungs-Symbole, Bereichsmarkierungen. Werden stärker an Corporate-Design-Vorgaben angepasst.

4. Interaktive / digitale Piktogramme Icons in Apps, Touchscreen-Kiosken, digitalen Leitsystemen. Müssen auch in kleinen Größen und auf verschiedenen Bildschirmhintergründen lesbar sein.

Gestaltungsprinzipien für Piktogramme

Reduktion: Nur das Wesentliche zeigen. Jede unnötige Linie erhöht Fehlerrisiko und verlangsamt Erkennung.

Differenzierung: Ähnliche Piktogramme (z. B. Treppe vs. Rolltreppe vs. Aufzug) müssen auch bei schnellem Blick unterscheidbar sein.

Skalierbarkeit: Von 16 px (digitale App-Icon) bis 1 m (Hallendecken-Schild) muss dasselbe Zeichen funktionieren.

Kulturelle Neutralität: Zeichen mit kulturell spezifischer Bedeutung vermeiden (z. B. „Daumen hoch" in bestimmten Kulturen negativ konnotiert).

Konsistenz im System: Alle Piktogramme eines Leitsystems folgen denselben Stilregeln: gleiche Strichstärke, gleicher Rasteraufbau, einheitliche Eckrundungen.

Signaletik-Materialien und Träger

  • Alu-Dibond: Leichtes Aluverbundmaterial für Messeschilder und Außenbereiche
  • Folie: Für Glasflächen, Bodenbeschriftungen, temporäre Installationen
  • Acrylglas (Plexiglas): Für hinterleuchte Schilder und hochwertige Inneninstallationen
  • LED-Module: Für dynamische und hinterleuchtete Sicherheitsschilder
  • Digital Signage: Screens als Signaletik-Träger – flexibel, updatefähig, aber teurer im Betrieb

Beispiele

  • Otl Aichers Olympia-Piktogramme (München 1972): Noch immer als Grundlage für viele Sportstätten-Leitsysteme in Gebrauch. Reduzierte Strichfiguren in definiertem Rastersystem.
  • London Underground (Penguin, Johnston): Das Underground-Logo und das einheitliche Signage-System von Edward Johnston (Schrift) und Henry C. Beck (Liniennetzplan, 1931) gelten als Urform moderner Signaletik.
  • New York City Subway Signage (Unimark International, 1970): Massimo Vignelli und Bob Noorda schufen ein rationales, rasterbasiertes Signaletik-System, das NYC Subway-Haltestellen neu strukturierte.
  • Koelnmesse Leitsystem: Durchgängiges Piktogramm- und Farb-Kodierungssystem für acht Messehallen und Außengelände.

In der Praxis

Signaletik-Entwicklung für eine Ausstellung:

  1. Bedarfsanalyse: Welche Inhalte, Bereiche und Nutzungsszenarien müssen durch Zeichen abgedeckt werden?
  2. Piktogramm-Audit: Welche Normen sind verbindlich? Welche können frei gestaltet werden?
  3. Style-Guide: Raster, Strichstärken, Eckenradien, Größenverhältnisse für alle Icons festlegen
  4. Icon-Set entwickeln: In Vektorgrafik (Adobe Illustrator, Affinity Designer), alle Größen testen
  5. Träger und Material wählen: Angepasst an Budget, Beständigkeit, Reparierbarkeit
  6. Produktion und Montage: Professionellen Schilder-Hersteller beauftragen, Montagepläne erstellen
  7. Test und Iteration: Prototypen im realen Umfeld testen, Nutzerfeedback einholen

Normen-Checkliste:

  • DIN EN ISO 7010: Sicherheitszeichen verbindlich
  • DIN 18040: Barrierefreie Beschilderung
  • ASR A1.3: Sicherheits- und Gesundheitskennzeichnung am Arbeitsplatz

Vergleich & Abgrenzung

Signaletik vs. Branding-Icons: Corporate Icons (z. B. auf einer Website) dienen der Markenidentität und müssen nicht barrierefreiheitskonform sein. Signaletik im öffentlichen Raum hat andere rechtliche Anforderungen.

Signaletik vs. Typografie: Typografisches Leitsystem nutzt primär Text und Schrift; Signaletik nutzt primär Symbole. Beide überlappen im Bereich Wegweiser (Text + Pfeil + Piktogramm).

Signaletik vs. Wayfinding: Signaletik ist das Zeichen-System; Wayfinding (→ Wayfinding & Leitsystem – Orientierung im Raum gestalten) ist das strategische Konzept, das Signaletik einsetzt.

Häufige Fragen (FAQ)

Müssen alle Piktogramme auf einer Messe ISO-konform sein? Sicherheits- und Rettungszeichen (Notausgang, Feuerlöscher etc.) müssen ISO 7010 entsprechen. Orientierungs- und Informations-Piktogramme können frei gestaltet werden.

Wie viele Piktogramme sollte ein Ausstellungs-Leitsystem haben? So wenige wie nötig, so viele wie nötig. Zwischen 15 und 40 Zeichen für ein mittelgroßes Messegelände sind realistisch. Zu viele Icons überfordern.

Kann man bestehende Icon-Libraries nutzen? Ja – für digitale Anwendungen eignen sich Google Material Icons, Font Awesome oder Heroicons gut. Für physische Signaletik sollten Icons an das Erscheinungsbild angepasst und als Vektoren vorliegen.

Was kostet ein individuelles Piktogramm-System? Ein professionell gestaltetes System mit 30–50 Icons kostet je nach Agentur zwischen 5.000 und 25.000 €. Dazu kommen Produktionskosten für physische Schilder.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Neurath, Otto (1936): International Picture Language. London: Kegan Paul.
  • Mijksenaar, Paul (1997): Visual Function. New York: Princeton Architectural Press.
  • Mollerup, Per (2013): Wayshowing > Wayfinding. Baden: Lars Müller Publishers.
  • ISO 7010:2019: Graphical symbols – Safety colours and safety signs. Genf: ISO.
  • Baer, Kim (2008): Information Design Workbook. Beverly: Rockport Publishers.
  • Wiedemann, Julius (Hg.) (2019): Logo Modernism. Köln: Taschen. (Kapitel Piktogramme)
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