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Nachhaltigkeit bei Events (auch: Green Events, Sustainable Events) bezeichnet die systematische Reduktion negativer ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Auswirkungen von Veranstaltungen – durch Abfallmanagement, CO₂-Reduzierung, nachhaltige Beschaffung, soziale Inklusion und Umweltzertifizierungen wie ISO 20121.

Rubrik: Messe, Event & Ausstellungsdesign · Unterrubrik: Corporate Events & Bühne · Niveau: Einsteiger Synonyme / Auch bekannt als: Sustainable Events, Green Events, umweltfreundliche Veranstaltungen, klimaneutrale Events, CSR-Events


Was ist Nachhaltigkeit bei Events?

Die Veranstaltungsbranche ist ein erheblicher Umweltfaktor. Ein mittelgroßes Festival (30.000 Pers.) erzeugt typisch 4.000–10.000 Tonnen CO₂-Äquivalente – vergleichbar mit dem Jahresverbrauch von 1.000–2.500 deutschen Privathaushalten. Die Hauptquellen: Anreise der Besucher (50–70 % der Emissionen), Energie (15–25 %), Catering (10–15 %) und Abfall (5 %). Nachhaltige Event-Planung adressiert systematisch alle diese Quellen – nicht als PR-Maßnahme, sondern als strukturelle Verantwortung.


Erklärung

CO₂-Bilanzierung

Scope 1, 2 und 3: In Anlehnung an das Greenhouse Gas Protocol werden Event-Emissionen in drei Scopes unterteilt:

  • Scope 1: Direkte Emissionen (Diesel-Generatoren am Eventgelände, Firmenfahrzeuge)
  • Scope 2: Indirekte Emissionen aus zugekaufter Energie (Strom aus dem Netz)
  • Scope 3: Alle anderen indirekten Emissionen (Besucher-Anreise, Flugreisen von Referenten, Supply Chain der Dienstleister, Catering)

Scope 3 macht bei Events typisch 70–85 % der Gesamtemissionen aus – wird aber von vielen Event-Berechnungen ignoriert. Eine seriöse CO₂-Bilanz muss Scope 3 einschließen.

Berechnung der Besucher-Anreise: Emissionsfaktoren (Quelle: UBA, DEFRA):

  • PKW (Mittelklasse, 1 Pers.): ~0,18 kg CO₂/km
  • PKW (4 Pers.): ~0,045 kg CO₂/km/Pers.
  • Bahn (DE): 0,006–0,009 kg CO₂/km/Pers. (je nach Strommix)
  • Flugzeug (Kurzstrecke): ~0,15–0,20 kg CO₂/km/Pers.
  • Bus (Fernbus): ~0,027 kg CO₂/km/Pers.

Beispielrechnung: 500 Konferenzteilnehmer, Ø Anreise 200 km per PKW (1 Pers.): 500 × 200 km × 2 (Hin + Rück) × 0,18 kg = 36.000 kg = 36 t CO₂

Carbon Calculator-Tools:

  • myclimate: Spezifischer Event-Kalkulator (deutsch)
  • ClimatePartner: Event-Bilanzierung mit Zertifikat
  • Atmosfair: Schwerpunkt Flug-Kompensation

ISO 20121 – Der internationale Standard

ISO 20121:2012 ist die international anerkannte Norm für nachhaltiges Eventmanagement. Sie definiert ein Managementsystem für nachhaltige Veranstaltungen analog zu ISO 9001 (Qualitätsmanagement) oder ISO 14001 (Umweltmanagement).

Kernelemente ISO 20121:

  • Nachhaltigkeitspolitik des Unternehmens / der Veranstaltung
  • Identifikation und Bewertung nachhaltigkeitsrelevanter Aspekte
  • Zielsetzung und Maßnahmenprogramm
  • Lieferanten-Einbeziehung (Nachhaltigkeitskriterien in Ausschreibungen)
  • Monitoring und Berichterstattung
  • Kontinuierliche Verbesserung

ISO 20121 Zertifizierung:

  • Kosten: 3.000–15.000 € (je nach Veranstaltungsgröße)
  • Audit durch akkreditierte Zertifizierungsstelle (TÜV, SGS, Bureau Veritas)
  • Gültigkeit: 3 Jahre, jährliche Überwachungsaudits
  • Prominente Zertifizierungen: Olympische Spiele London 2012 (erste zertifizierte Olympiade), Glastonbury Festival

Abfallmanagement

Zero-Waste-Pyramide (nach Priorität):

  1. Vermeiden: Keine Einwegprodukte, kein Einzel-Plastik
  2. Reduzieren: Minimieren von Verpackungen
  3. Wiederverwenden: Mehrweg-Becher, Geschirr, Tischdecken
  4. Recyclen: Getrennte Sammlung, Sortiersysteme
  5. Kompostieren: Lebensmittelabfälle, Biomasse
  6. Thermisch verwerten: Letzter Ausweg für nicht recycelbares Material

Praktische Maßnahmen:

  • Mehrweg-Becher-Systeme (Pfand: 1–2 €): Standardmäßig bei Festivals
  • Essgeschirr aus Zuckerrohr (kompostierbar) statt Plastik
  • Digitale Tickets statt Papier
  • Caterer-Verträge mit Verwertungsgarantie für Lebensmittelreste
  • Trinkwasserstationen statt Plastikflaschen
  • Materialtauschbörsen für Eventdekoration

Abfallmengen bei Events (Richtwerte):

  • Festival: 0,5–2,0 kg Abfall/Besucher/Tag
  • Corporate Event: 0,3–0,8 kg/Pers./Tag
  • Konferenz: 0,2–0,5 kg/Pers./Tag

Energie und Mobilität

Energieversorgung:

  • Ökostrom: 100 % erneuerbarer Strom aus dem Netz (Nachweis: Herkunftsnachweise)
  • Solar-Anlagen: temporär aufgebaute PV-Anlagen + Batteriespeicher (Coachella, Glastonbury im Einsatz)
  • HVO-Diesel: Pflanzlicher Diesel-Ersatz für Generatoren, 90 % CO₂-Reduktion vs. fossiler Diesel
  • Waste-to-Energy: noch experimentell für Events

LED-Effizienz: LED-Beleuchtung verbraucht 60–80 % weniger Energie als konventionelle Halogen-/HPS-Technik. Pflicht-Standard bei nachhaltigem Event-Design.

Mobilität: Der größte Hebel der Nachhaltigkeitsstrategie ist die Besucher-Mobilität:

  • ÖPNV-Tickets inkludiert: Miteinschluss der Bahn/Bus-Fahrt im Event-Ticket (+10–20 € Aufpreis, deutliche CO₂-Reduktion)
  • Shuttle-Services: Direktbusse von Bahnhöfen
  • Ride-Sharing-Programm: Matching von Besuchern aus ähnlichen Herkunftsorten
  • Fahrrad-Infrastruktur: sichere Abstellflächen, Fahrradverleih

Soziale Nachhaltigkeit

Inklusion und Barrierefreiheit: Nachhaltige Events sind inklusiv: barrierefreie Zugänge, Gebärdendolmetscher, induktive Höranlagen, ausreichend rollstuhlgerechte Plätze.

Fair Pay und faire Arbeitsbedingungen: Veranstaltungsbranche ist bekannt für prekäre Beschäftigung. Nachhaltige Events achten auf faire Honorierung von Künstlern, technischem Personal und Dienstleistern.

Regionale Wertschöpfung: Lokale Caterer, lokale Dienstleister, lokale Künstler bevorzugen. Reduziert Transport-Emissionen und stärkt regionale Wirtschaft.


Beispiele

  1. Glastonbury Festival (UK): Seit Jahren führend in Nachhaltigkeit. 2019: Einweg-Plastikflaschen komplett verboten. Eigene Wassertanks, großflächige Mehrweg-Systeme, Teil der UN Environment's "Clean Seas"-Kampagne. Glastonbury veröffentlicht jährliche Nachhaltigkeitsberichte.
  2. Olympische Spiele London 2012: Erste ISO 20121-zertifizierte Olympiade. Carbon-Offsets für alle Emissionen, lokale Food-Versorgung, Energie aus erneuerbaren Quellen, Planung der Post-Event-Nutzung des Olympia-Geländes als Stadtentwicklungsprojekt.
  3. Coachella 2019–2023: Deutliche Schritte in Richtung Nachhaltigkeit: Solar-Anlagen auf dem Festivalgelände, Solar-Stage (100 % solar-betriebene Bühne), Car-Free-Anreise-Incentives, Zero-Waste-Zones.
  4. TED Conference (Vancouver): TED kompensiert alle Emissionen der Konferenz durch verifizierte Projekte und hat ein dezidiertes Sustainability-Programm. Referenten-Flüge werden ebenso bilanziert.
  5. Messe München GmbH: Die Messe München hat einen ISO 20121-Nachhaltigkeitsrahmen implementiert und ist Benchmark für nachhaltige Messestandorte in Deutschland. Green Power aus Ökostrom, zertifiziertes Abfallmanagement, ÖPNV-First-Kommunikation.

In der Praxis

Nachhaltigkeits-Mehrkosten (Richtwerte):

  • Mehrweg-Becher-System (Ausgabe + Spülstation): 3–8 €/Pers. Mehrkosten
  • Ökostrom-Aufpreis: ca. 10–20 % höherer Energiepreis
  • CO₂-Kompensation (z. B. ClimatePartner): 10–30 €/t CO₂ (je nach Projekt)
  • ISO 20121-Zertifizierung: 3.000–15.000 € Einmalkosten

Einsparpotenziale:

  • LED statt Halogen: 60–80 % Energieeinsparung → geringere Kosten trotz höherer Anschaffung
  • Food-Waste-Reduktion: 10–20 % Catering-Kosteneinsparung durch präzise Bestellung
  • Digitale Kommunikation statt Print: erhebliche Kosteneinsparung

Zertifizierungsschritte ISO 20121:

  1. Gap-Analyse aktueller Prozesse
  2. Entwicklung Nachhaltigkeitspolitik
  3. Stakeholder-Einbindung (Lieferanten, Venue, Besucher)
  4. Implementierung Managementsystem
  5. Internes Audit
  6. Externes Zertifizierungsaudit
  7. Jährliche Überwachungsaudits

Vergleich & Abgrenzung

MaßnahmeCO₂-WirkungKosten-ImpactSichtbarkeit
ÖPNV-Ticket inkludiertSehr hochModerat (höherer Ticketpreis)Hoch
ÖkostromMittelGeringMittel
Mehrweg-BecherGeringGeringSehr hoch
CO₂-KompensationMittel (Offset)GeringMittel
Plant-based CateringMittelNeutralHoch

Häufige Fragen (FAQ)

Was bedeutet "klimaneutrales Event" wirklich? "Klimaneutral" bedeutet, dass alle Emissionen, die durch das Event entstehen (Scope 1, 2 und idealerweise 3), durch verifizierte Klimaschutzprojekte kompensiert werden. Wichtig: Kompensation ist kein Freifahrtschein – sie kommt erst nach maximaler Reduzierung der Emissionen. Zertifizierte Kompensationsprojekte (Gold Standard, VCS) sind Pflicht; "Baum-pflanzen"-Versprechen ohne Zertifizierung sind Greenwashing.

Ist nachhaltiges Event-Design teurer? Nicht zwingend. Manche Maßnahmen (LED-Beleuchtung, Food-Waste-Reduktion, digitale Kommunikation) sparen sogar Kosten. Andere (Mehrweg-Systeme, CO₂-Kompensation, Ökostrom) verursachen moderate Mehrkosten von 3–15 % des Gesamtbudgets. Langfristig steigen die Erwartungen von Kunden, Städten und Regulierungsbehörden an Nachhaltigkeit – wer jetzt investiert, vermeidet spätere Compliance-Kosten.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • UNEP / ICLEI (2012): Green Meeting Guide. www.unep.org
  • ISO 20121:2012: Event Sustainability Management Systems. www.iso.org
  • Umweltbundesamt: Leitfaden für umweltfreundliche Veranstaltungen – www.umweltbundesamt.de
  • A Greener Festival: Event-Nachhaltigkeits-Ressourcen – www.agreenerfestival.com
  • ClimatePartner: Event Carbon Footprint Tool – www.climatepartner.com
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