Cindy Sherman (* 19. Januar 1954, Glen Ridge, New Jersey; lebt und arbeitet in New York City) ist eine US-amerikanische Konzeptkünstlerin und Fotografin, die in inszenierten Selbstporträts Rollenstereotype, Massenmedien und gesellschaftliche Konstruktionen weiblicher Identität untersucht und damit zu einer der einflussreichsten Künstlerinnen der Gegenwart geworden ist.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Fotografen · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: Cindy Lou Sherman (vollständiger Geburtsname)
Biografie
Cynthia Morris Sherman wurde am 19. Januar 1954 in Glen Ridge, New Jersey, geboren. Aufgewachsen in Huntington, Long Island, studierte sie Malerei an der Buffalo State University in New York, wechselte jedoch bald zur Fotografie, in der sie das Medium fand, das ihre künstlerischen Interessen am besten verkörperte. An der Universität begegnete sie dem Künstler Robert Longo, mit dem sie eine längere Beziehung verband und der sie in die New Yorker Kunstwelt einführte.
Nach ihrem Abschluss 1976 zog Sherman nach New York City und begann mit der Arbeit, die ihren Ruf begründen sollte: eine Serie von schwarz-weißen Fotografien, in denen sie sich selbst als verschiedene Figuren aus B-Movies der 1950er- und 1960er-Jahre inszenierte. Diese Serie, die sie als „Untitled Film Stills" bezeichnete, umfasst 69 Bilder und entstand zwischen 1977 und 1980. Die Bilder ahmen die Ästhetik von Filmstills nach – suggerieren Narrativ und Kontext, ohne ihn zu liefern.
„Untitled Film Stills" wurde in den frühen 1980er-Jahren zu einem Schlüsselwerk der postmodernen Kunst. Das MoMA in New York kaufte die gesamte Serie 1995 für rund eine Million Dollar. Die Bilder wurden zu Bezugspunkten für feministische Kunsttheorie, Semiotik und Medienkritik.
In den folgenden Jahrzehnten entwickelte Sherman ihr Werk in immer neue Richtungen: Sie untersuchte Modezeitschriften und ihre Konstruktion weiblicher Körperbilder (Mode-Serie, 1983–1984), schuf groteske, verstörende Bilder von Puppen und Prothesen (Sex Pictures, 1992), porträtierte wohlhabende Gesellschaftsdamen wie Gemälde alter Meister (Old Masters/Society Portraits) und inszenierte sich in immer aufwendigeren Make-up- und Kostümtransformationen.
Sherman hat für nahezu alle ihre Werke ausschließlich sich selbst als Modell verwendet – nicht als Selbstdarstellung, sondern als Werkzeug zur Untersuchung von Rollenbildern. Dabei ist sie in ihren Bildern oft kaum zu erkennen.
Ihre Einzelbilder wurden zu einigen der teuersten Fotografien, die je auf dem Kunstmarkt versteigert wurden. Im Jahr 2011 wurde „Untitled #96" aus der Centerfolds-Serie für 3,89 Millionen Dollar bei Christie's versteigert – damals ein Weltrekord für eine Fotografie.
Stil & Arbeitsweise
Sherman arbeitet allein im Studio: Sie ist gleichzeitig Fotografin, Maskenbildnerin, Kostümbildnerin und Modell. Die Inszenierung beginnt mit Stunden der Vorbereitung – Make-up, Perücken, Kostüme, Requisiten – bevor sie vor der Kamera steht, die per Timer ausgelöst wird oder von Assistenten bedient wird. Diese vollständige Kontrolle über alle Elemente des Bildes ist zentral für ihre Arbeitsweise.
Ihr Werk vermeidet Titel und konkrete Narrative. Die Nummerierung der Bilder (Untitled #...) ist bewusst gewählt: Sie soll Interpretationen offenlassen und verhindern, dass ein Titel die Wahrnehmung lenkt. Sherman interessiert sich nicht für die Selbstdarstellung, sondern für die Konstruktion von Bildern, die der Betrachter mit Bedeutung füllt.
Wichtige Werke & Serien
- Untitled Film Stills (1977–1980): 69 schwarz-weiße Bilder, in denen sich Sherman als verschiedene weibliche Stereotypen aus B-Movies inszeniert; das Schlüsselwerk der postmodernen Fotografie.
- Centerfolds/Horizontals (1981): Querformatige Bilder, die das Format von Pin-up-Aufklappseiten zitieren, aber Unbehagen, Trauer und Verletzlichkeit statt Erotik zeigen.
- Fashion Series (1983–1984): Im Auftrag von Modedesignern entstandene Bilder, die Modemagazin-Ästhetik parodieren und unterlaufen.
- Fairy Tales/Disasters (1985–1989): Groteske, von Horror und Ekel geprägte Bilder, die Märchenklischees dekonstruieren.
- Sex Pictures (1992): Collagen aus medizinischen Prothesen und Puppenkörpern, die Sexualität und Körpernormen radikal hinterfragen.
- Clowns (2003–2004): Bunte, digital bearbeitete Bilder von Sherman in Clownskostümen, zwischen Komik und tiefem Unbehagen.
Einfluss & Bedeutung
Cindy Sherman gehört zu den einflussreichsten Kunstschaffenden der letzten Jahrzehnte. Ihr Werk hat die feministische Kunsttheorie, die Medientheorie und die postmoderne Kunstdiskussion nachhaltig geprägt. Sie zeigte, dass Fotografie nicht Realität dokumentiert, sondern Realität konstruiert – und dass diese Konstruktion von Rollenbildern und gesellschaftlichen Erwartungen durchdrungen ist.
Ihr Einfluss ist in der Arbeit unzähliger nachfolgender Künstlerinnen spürbar, von Yasumasa Morimura bis zu zeitgenössischen Instagramkünstlerinnen, die mit Selbstinszenierung und Identität spielen. Ihre Werke sind in den bedeutendsten Sammlungen der Welt vertreten, und Sherman wurde mit zahllosen Preisen ausgezeichnet, darunter dem MacArthur Fellowship (1995) und dem Hasselblad Award (1999).
Häufige Fragen (FAQ)
Sind Cindy Shermans Bilder Selbstporträts? Technisch gesehen zeigen Shermans Bilder sie selbst, aber sie sind keine Selbstporträts im traditionellen Sinne. Sherman bezeichnet ihre Figuren nicht als sich selbst, sondern als Charaktere oder Archetypen. Sie ist das Werkzeug, durch das diese Bilder entstehen, nicht das Subjekt der Darstellung. Diese Unterscheidung ist zentral für das Verständnis ihres Werks.
Warum sind Shermans Bilder unbetitelt? Die Nummerierung der Bilder als „Untitled #..." ist eine bewusste künstlerische Entscheidung. Durch das Fehlen von Titeln werden Betrachter gezwungen, ihre eigenen Interpretationen und Projektionen in die Bilder hineinzutragen. Sherman interessiert sich für die Mechanismen der Bilddeutung und -projektion – Titel würden diese offene Interpretation einschränken.
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Weiterführend
- Respini, Eva (Hrsg.): Cindy Sherman. Museum of Modern Art, New York, 2012.
- Sherman, Cindy: Untitled Film Stills. Rizzoli, New York, 1990.
- Museum of Modern Art, New York: www.moma.org
