James Nachtwey (* 14. März 1948, Syracuse, New York; lebt und arbeitet in New York) ist ein US-amerikanischer Fotojournalist und Kriegsfotograf, der seit 1981 Kriege, Völkermorde und humanitäre Krisen dokumentiert und durch sein unbeugsames Engagement und seine handwerkliche Perfektion zu einem der bedeutendsten und einflussreichsten Fotojournalisten der Geschichte wurde.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Fotografen · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: Kein geläufiger Spitzname
Biografie
James Nachtwey wurde am 14. März 1948 in Syracuse, New York, geboren. Er studierte Kunstgeschichte und Politikwissenschaft am Dartmouth College in New Hampshire. Entscheidend für seinen späteren Weg war das Studium von Bildern der Bürgerrechtsbewegung und des Vietnamkriegs in den 1960er-Jahren: Nachtwey war tief bewegt von der Überzeugung, dass Fotografie gesellschaftliche und politische Veränderungen bewirken kann.
Nach seinem Studium arbeitete er zunächst als Journalist und Assistent bei einem Fernsehsender. 1980 kaufte er sich seine erste ernsthafte Kamera und zog nach New York. 1981 begann er seine Karriere als Fotojournalist in Nordirland, wo er die Troubles dokumentierte, und arbeitete dann in Mittelamerika, wo er die Bürgerkriege in El Salvador und Nicaragua dokumentierte.
Von Anfang an war Nachtwey in den gefährlichsten Kriegsgebieten der Welt präsent: Libanon, West Bank, Zentralamerika, Südafrika während der Apartheid, Mosambik, Afghanistan, Irak. 1984 trat er Magnum Photos bei; 1986 wurde er Vollmitglied. In den frühen 1990er-Jahren dokumentierte er den Zerfall Jugoslawiens, den somalischen Bürgerkrieg und – 1994 – den ruandischen Völkermord, dessen Ausmaß und Brutalität ihn zutiefst erschütterte.
In Ruanda fotografierte Nachtwey in Kirchen und auf Straßen, wo Leichen von Massakeropfern lagen – Bilder, die so schrecklich waren, dass viele Zeitschriften sie zunächst ablehnten, und die heute zu den wichtigsten historischen Dokumenten des Völkermords zählen. Nachtwey selbst beschreibt Ruanda als das Erlebnis, das ihn am stärksten beeinflusste.
2001 war er in Afghanistan und im Irak; im selben Jahr verwundete ihn eine Granate in Bagdad schwer, was ihn für Monate außer Gefecht setzte. Er kehrte nach seiner Genesung zurück ins Feld. 2001 gründete er gemeinsam mit anderen renommierten Fotojournalisten die Agentur VII Photo.
Nachtwey hat den Robert Capa Gold Medal Award siebenmal gewonnen – öfter als jeder andere Fotograf – sowie zahlreiche weitere Auszeichnungen, darunter den World Press Photo Award und den TED Prize (2007).
Stil & Arbeitsweise
Nachtwey arbeitet fast ausschließlich mit Kleinbildkameras (zunächst Nikon, später auch digitale Systeme) und natürlichem Licht. Er ist immer in unmittelbarer Nähe des Geschehens – kein Teleobjektiv, keine sichere Distanz. Wie Robert Capa glaubt er, dass Nähe – physisch und emotional – für die Wahrheit des Bildes unerlässlich ist.
Anders als Capa, dessen Bilder oft verwackelt und unscharf sind, legt Nachtwey größten Wert auf kompositorische und technische Perfektion: Selbst unter extremem Druck entstehen bei ihm geometrisch präzise, formal vollendete Bilder. Diese Kombination von Perfektion und Unmittelbarkeit macht seine Bilder unverwechselbar.
Nachtwey beschreibt seine Motivation so: Er fotografiert, um Zeugenschaft zu leisten – und um die Betrachter in der sicheren Welt zu zwingen, das zu sehen, was er gesehen hat, und die Konsequenzen zu tragen.
Wichtige Werke & Serien
- Ruanda (1994): Bilder des Völkermords, die zu den erschütterndsten Dokumenten der Fotografiegeschichte zählen und in Büchern und Ausstellungen weltweite Aufmerksamkeit erregten.
- Somalia (1992–1993): Dokumentation der Hungersnot und des Bürgerkriegs; Bilder unterernährter Kinder, die die westliche Öffentlichkeit schockierten.
- Bosnien/Jugoslawien (1991–1995): Umfassende Dokumentation der Balkankriege.
- Inferno (1999, Buch): Salgados größtes Buch; eine schonungslose Dokumentation von Kriegen, Hungernöten und humanitären Katastrophen weltweit.
- Tuberculosis-Kampagne (1999–2000): Aufnahmen von TB-Patienten in Entwicklungsländern, die eine globale Kampagne gegen Tuberkulose auslösten.
- Afghanistan (2001 ff.): Jahrelange Dokumentation des Krieges und des Alltags in Afghanistan.
Einfluss & Bedeutung
James Nachtwey ist der bedeutendste Kriegsfotograf seit Robert Capa. Sein Werk beweist, dass Fotografie in der modernen Medienwelt noch immer politische Reaktionen auslösen und humanitäres Engagement fördern kann. Der TED Prize, den er 2007 erhielt, verwendete er zur Gründung einer globalen Kampagne gegen Tuberkulose.
Nachtwey ist auch ein wichtiger Lehrer und Mentor: Viele junge Fotojournalisten nennen ihn als entscheidende Inspiration und als Maßstab professionellen und moralischen Handelns. Der Dokumentarfilm „War Photographer" (2001) von Christian Frei zeigt Nachtwey bei der Arbeit und wurde für den Oscar nominiert.
Häufige Fragen (FAQ)
Wie geht James Nachtwey mit dem Trauma seiner Arbeit um? Nachtwey spricht selten über diesen Aspekt, hat aber in Interviews angedeutet, dass die Fotografie selbst – das Bezeugen und Dokumentieren – eine Art psychologische Verarbeitung darstellt. Er beschreibt die Überzeugung, einen sinnvollen Beitrag zu leisten, als wichtigstes Gegenmittel gegen die Erschütterungen seiner Arbeit. Gleichzeitig gibt er zu, dass bestimmte Erlebnisse – insbesondere Ruanda – ihn dauerhaft verändert haben.
Was ist die VII Photo Agency? VII Photo ist eine 2001 von James Nachtwey und anderen renommierten Fotojournalisten – darunter Ron Haviv, Gary Knight und Christopher Morris – gegründete unabhängige Fotoagentur. Wie Magnum Photos besitzen die Fotografen selbst die Rechte an ihren Bildern. VII Photo spezialisiert sich auf Konflikt- und Krisenfotografie und gilt als eine der wichtigsten Nachrichtenagenturen im Bereich des Fotojournalismus.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Nachtwey, James: Inferno. Phaidon, London, 1999.
- Frei, Christian (Regie): War Photographer (Dokumentarfilm). Frei Film AG, Schweiz, 2001.
- VII Photo Agency: www.viiphoto.com
