Man Ray (* 27. August 1890, Philadelphia – † 18. November 1976, Paris) war ein US-amerikanisch-französischer Künstler und Fotograf, der als führender Vertreter des Dadaismus und Surrealismus in der Fotografie neue Techniken wie das Rayogramm und die Solarisierung erfand und damit die Grenzen zwischen Kunst und Fotografie, Experiment und Dokument aufhob.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Fotografen · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: Emmanuel Radnitzky (Geburtsname)
Biografie
Emmanuel Radnitzky wurde am 27. August 1890 in Philadelphia als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer geboren. Die Familie zog bald nach New York, wo Emmanuel aufwuchs. Er nahm den Künstlernamen Man Ray an – ein Name, der keine klare Bedeutung hat und der seine Identität neu definierte, unabhängig von ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit.
In New York schloss sich Man Ray der Avantgarde-Szene an und lernte Marcel Duchamp kennen, der sein engster Freund und Mitstreiter wurde. Gemeinsam gründeten sie 1920 in New York eine kurze Gesellschaft für Dada. 1921 zog Man Ray nach Paris, das für die nächsten Jahrzehnte sein Hauptarbeitsort werden sollte.
In Paris war Man Ray sofort im Zentrum der Surrealisten: Er kannte André Breton, Louis Aragon, Paul Éluard und die anderen führenden Köpfe der Bewegung. Er arbeitete als Porträtfotograf für Celebrities und Künstler – Hemingway, James Joyce, Gertrude Stein, Picasso – und finanzierte damit seine experimentelle künstlerische Arbeit.
1921 entdeckte er zufällig eine Technik, die er „Rayogramm" nannte: Er legte Objekte auf lichtempfindliches Fotopapier und belichtete es mit Licht, ohne Kamera. Die entstandenen Bilder – Silhouetten und Lichtspuren der Objekte auf weißem Grund – waren surreale, traumartige Bilder, die jenseits der Realität standen. Diese Technik, die er als seine wichtigste Erfindung betrachtete, nannte er nach sich selbst: Rayogramme. (Eine ähnliche Technik hatte zuvor László Moholy-Nagy entwickelt und Fotogramm genannt.)
Gemeinsam mit seiner Partnerin Lee Miller entwickelte Man Ray um 1929 die Solarisierung: eine Dunkelkammertechnik, bei der ein teilentwickeltes Negativ kurz weiterem Licht ausgesetzt wird, was zu partieller Umkehr der Tonwerte und einem eigenartigen Leuchten an den Konturen der Motive führt. Die Solarisierung wurde zu einem der bekanntesten surrealen Fotografie-Effekte.
In den 1930er-Jahren war Man Ray auf dem Höhepunkt seines Ruhms: Er war gleichzeitig der führende Fotokünstler des Surrealismus und ein gefragter Porträtfotograf der Pariser Gesellschaft. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh er über Spanien nach New York, kehrte aber 1951 nach Paris zurück, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1976 lebte.
Stil & Arbeitsweise
Man Rays fotografische Arbeit ist durch sein Interesse an Experiment, Zufall und Trauma charakterisiert. Er arbeitete in mehreren Techniken gleichzeitig: Porträtfotografie, Aktfotografie, kameralose Fotografie (Rayogramme) und chemisch manipulierte Dunkelkammerarbeiten (Solarisierung).
Sein surrealistischer Ansatz bestand darin, das Vertraute fremd zu machen: Ein gewöhnlicher Gegenstand, auf Fotopapier gelegt, wird durch das Rayogramm zur abstrakten Form. Ein Porträt, durch Solarisierung bearbeitet, erhält eine gespenstische, traumartige Qualität. Man Ray interessierte sich dafür, was Fotografie zeigen kann, was das Auge nicht sieht – das Unbewusste, das Traumhafte, das Jenseits der Realität.
Er war auch ein produktiver Konzeptualist: viele seiner berühmtesten Bilder sind inszenierte, konzeptuell durchdachte Tableaux, keine spontanen Aufnahmen.
Wichtige Werke & Serien
- Le Violon d'Ingres (1924): Das berühmteste Bild Man Rays: die Rückenansicht seiner Partnerin Kiki de Montparnasse, in deren Rücken er zwei f-Löcher einer Geige eingearbeitet hat – ein surrealistisches Wortspiel (violon d'Ingres = Lieblingsbeschäftigung) und ein ikonisches Bild der Avantgarde.
- Rayogramme (1921 ff.): Kameralose Fotografien, die durch direkte Belichtung von Objekten auf Fotopapier entstanden.
- Noire et Blanche (1926): Porträt von Kiki de Montparnasse mit einer afrikanischen Maske – ein Bild, das surrealistische und exotistische Interessen der Zeit spiegelt.
- Larmes (Gläserne Tränen) (1930–1932): Nahaufnahme eines weiblichen Auges mit Glastropfen darauf – eines der meistreplizierten Bilder der surrealistischen Fotografie.
- Observatory Time: The Lovers (1932–1934): Surreales Gemälde, in dem riesige schwebende Lippen über der Pariser Stadtlandschaft schweben (ursprünglich eine Fotomontage).
- Lee Miller-Solarisierungen (1929–1931): Solarisierte Aktporträts seiner Partnerin Lee Miller, die zu den bekanntesten Arbeiten dieser Technik zählen.
Einfluss & Bedeutung
Man Ray hat die experimentelle und konzeptuelle Fotografie grundlegend geprägt. Die Techniken, die er erfand oder mitentwickelte – Rayogramm, Solarisierung – haben spätere Generationen von Fotografen und Künstlern beeinflusst. Sein Ansatz, Fotografie als gleichwertiges experimentelles Kunstmedium zu behandeln, öffnete die Fotografie für avantgardistische Bewegungen und postmoderne Kunstpraktiken.
Sein Einfluss reicht von der surrealistischen Fotografie der 1930er-Jahre bis zu zeitgenössischen Konzeptkünstlern wie Cindy Sherman. Das Rayogramm lebt in zeitgenössischen kameralosen Fotografieexperimenten fort, und die Solarisierung ist ein Standard in der künstlerischen Fotografie.
Häufige Fragen (FAQ)
Was ist ein Rayogramm? Ein Rayogramm ist eine kameralose Fotografie: Man legt Objekte direkt auf lichtempfindliches Fotopapier und belichtet es kurz mit Licht. Die Objekte hinterlassen Silhouetten und Lichtspuren auf dem Papier. Das Ergebnis sind abstrakte, surreale Bilder, die die Objekte als Lichtformen zeigen. Man Ray erfand diese Technik (ähnlich der Fotogrammtechnik von Moholy-Nagy) 1921 zufällig und nannte sie nach sich selbst.
Wer war Lee Miller? Lee Miller war eine US-amerikanische Fotografin und Modell, die von 1929 bis 1932 Man Rays Partnerin und Mitarbeiterin war. Sie half bei der Entwicklung der Solarisierungstechnik und wurde später eine bedeutende Kriegsfotografin des Zweiten Weltkriegs. Miller ist eine der wichtigsten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts und eine der wenigen Frauen, die die Befreiung der Konzentrationslager fotografisch dokumentierten.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Baldwin, Neil: Man Ray: American Artist. Clarkson Potter, New York, 1988.
- Man Ray Trust (Hrsg.): Man Ray: Photographs. Thames & Hudson, London, 1982.
- Man Ray Trust: www.manray-photo.com
