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Nan Goldin (* 12. September 1953, Washington, D.C.; lebt in New York und Paris) ist eine US-amerikanische Dokumentarfotografin, die mit „The Ballad of Sexual Dependency" – einem intimen Fototagebuch queerer Subkulturen, der AIDS-Krise und ihres eigenen Lebens – die Grenzen zwischen Kunst und Leben, zwischen Dokumentarfotografie und autobiografischem Bekenntnis neu definiert hat.

Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Fotografen · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: Nancy Goldin (vollständiger Geburtsname)

Biografie

Nancy Goldin wurde am 12. September 1953 in Washington, D.C., geboren. Ihre Kindheit war überschattet vom Suizid ihrer älteren Schwester Barbara, die mit 18 Jahren starb – ein Ereignis, das Goldin zutiefst prägte und das in ihren frühesten fotografischen Arbeiten sichtbar ist. Als Jugendliche floh sie von zu Hause und lebte in Pflegefamilien in der Umgebung von Boston.

Mit vierzehn Jahren erhielt sie ihre erste Kamera und begann zu fotografieren. Sie studierte am Boston Museum of Fine Arts und später an der School of the Museum of Fine Arts in Boston, wo sie erstmals mit der Idee konfrontiert wurde, Fotografie als künstlerisches Ausdrucksmittel zu nutzen, nicht nur als Dokumentation.

In den frühen 1970er-Jahren lebte Goldin in der Bostoner Drag-Szene und begann, ihre Freunde – Drag Queens, Transfrauen, queere Männer – zu fotografieren. Diese Bilder, aufgenommen mit direktem Blitzlicht auf Diafilm, zeichnen sich durch extreme Farbsättigung und Unmittelbarkeit aus. Goldin fotografierte immer mit Blitz, auch in dunklen Clubs und Schlafzimmern, was den Bildern eine gleichzeitig grelle und intime Qualität verleiht.

Ende der 1970er-Jahre zog Goldin nach New York und wurde Teil der DIY-Kunstszene in der Lower East Side. Sie begann, ihren fotografischen Tagebücher als Diashow zu präsentieren, unterlegt mit Musik, in Bars, Clubs und kleinen Galerien. Diese Performance-Präsentation war integraler Bestandteil ihres künstlerischen Projekts: „The Ballad of Sexual Dependency", die zuerst als Diashow und dann 1986 als Buch erschien, ist kein lineares Narrative, sondern eine immersive Erfahrung von Liebe, Sex, Gewalt, Sucht und Freundschaft.

Die AIDS-Krise der 1980er-Jahre traf Goldins Freundeskreis brutal: Viele der Menschen, die sie fotografiert hatte, starben. Ihre Dokumentation dieser Verluste – in Bildern von Kranken, Sterbenden und Trauernden – ist eines der erschütterndsten Dokumente der AIDS-Epidemie überhaupt.

In den 1990er-Jahren entwickelte Goldin selbst eine schwere Suchterkrankung, die sie in einer Therapie überwand. Die Erfahrungen der Sucht flossen direkt in ihre Arbeit ein. In den 2010er-Jahren wurde sie selbst von der Opioidkrise betroffen und wurde zu einer der bekanntesten Aktivistinnen gegen die Sackler-Familie, die mit ihrer Firma Purdue Pharma maßgeblich zur Opioidkrise in den USA beigetragen hatte. Goldins Kampagne PAIN (Prescription Addiction Intervention Now) führte dazu, dass mehrere Museen die Sackler-Namensrechte zurückgaben und Spendengelder ablehnten.

Stil & Arbeitsweise

Goldin verwendet fast ausschließlich direktes Blitzlicht und Diafilm (oder später digitale Kameras mit ähnlicher Ästhetik). Ihre Bilder sind ungefiltert, roh und unmittelbar – sie zeigt Gewalt, Sexualität, Drogenkonsum und körperliche Vergänglichkeit ohne Beschönigung. Der Begriff „Schnappschuss" trifft nicht ganz – Goldin plant kaum, aber sie wählt ihre Motive und Situationen sehr bewusst.

Ihre Arbeit ist zutiefst autobiografisch: Sie fotografiert fast ausschließlich Menschen, die sie kennt und liebt, und sich selbst. Das berühmteste Selbstporträt, „Nan One Month After Being Battered" (1984), zeigt sie mit einem blauen Auge nach häuslicher Gewalt – ein Bild, das Goldin später sagte, war für sie der Beweis, dass sie überlebt hatte.

Wichtige Werke & Serien

  • The Ballad of Sexual Dependency (1979–1986, Buch 1986): Das Hauptwerk Goldins; 700 Fotografien in der ursprünglichen Diashow-Version, reduziert auf rund 120 im Buch. Ein Epochengemälde der New Yorker Underground-Szene.
  • Nan One Month After Being Battered (1984): Selbstporträt nach häuslicher Gewalt; eines der kraftvollsten Selbstporträts in der Fotogeschichte.
  • The Cookie Mueller Portfolio: Langzeitdokumentation ihrer Freundin, der Künstlerin und Schauspielerin Cookie Mueller, bis zu deren Tod an AIDS 1989.
  • I'll Be Your Mirror (1996): Retrospektive-Ausstellung im Whitney Museum of American Art, die Goldins Karriere bis dato zusammenfasste.
  • Heartbeat (2001): Multimediaprojekt über das Ende einer Liebesbeziehung.

Einfluss & Bedeutung

Nan Goldin hat die Grenzen zwischen Kunst und Leben, zwischen Dokumentarfotografie und autobiografischem Bekenntnis nachhaltig verschoben. Ihr Werk gab Menschen am Rand der Gesellschaft – queeren Personen, Drogensüchtigen, AIDS-Kranken – eine sichtbare Würde zu einer Zeit, als die Gesellschaft diese Gruppen zu ignorieren versuchte. Die AIDS-Krise wäre ohne Goldins fotografische Dokumentation weniger sichtbar in der Kulturgeschichte verankert.

Ihr Einfluss auf zeitgenössische Fotografen und Künstler wie Wolfgang Tillmans, Collier Schorr und viele andere ist deutlich. Ihre Aktivismus-Arbeit gegen die Sackler-Familie demonstrierte zudem, dass Künstler nicht nur Beobachter, sondern auch politische Akteure sein können. Goldin wurde mit dem Hasselblad Award (2007) und dem Infinity Award des International Center of Photography ausgezeichnet.

Häufige Fragen (FAQ)

Was ist „The Ballad of Sexual Dependency"? „The Ballad of Sexual Dependency" ist Nan Goldins Hauptwerk: eine umfangreiche fotografische Chronik ihres Lebens und ihrer Freunde in der New Yorker Underground-Szene von Ende der 1970er bis Mitte der 1980er Jahre. Ursprünglich als Diashow mit Musikbegleitung konzipiert, wurde es 1986 als Buch veröffentlicht und gilt heute als eines der wichtigsten Fotobücher des 20. Jahrhunderts. Die Bilder zeigen Liebe, Sexualität, Gewalt, Sucht und den Beginn der AIDS-Krise.

Warum kämpfte Nan Goldin gegen die Sackler-Familie? Goldin wurde Mitte der 2010er-Jahre selbst opioidabhängig, nachdem ihr ein Arzt nach einer Verletzung OxyContin verschrieben hatte. OxyContin wird von Purdue Pharma, der Firma der Sackler-Familie, hergestellt. Goldin wurde nach ihrer Genesung zur Aktivistin und gründete PAIN (Prescription Addiction Intervention Now), das Museen und Kulturinstitutionen unter Druck setzte, Sackler-Spenden zurückzuweisen. Die Kampagne hatte erheblichen Erfolg: Das Louvre, das Metropolitan Museum, die Tate und viele andere Institutionen entfernten den Sackler-Namen von ihren Gebäuden.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Goldin, Nan: The Ballad of Sexual Dependency. Aperture, New York, 1986.
  • Goldin, Nan: I'll Be Your Mirror (Ausstellungskatalog). Whitney Museum of American Art, New York, 1996.
  • Aperture Foundation: www.aperture.org
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