Sebastião Salgado (* 8. Februar 1944, Aimorés, Minas Gerais, Brasilien; lebt und arbeitet in Paris und Brasilien) ist ein brasilianischer Dokumentarfotograf und Ökologe, der mit epischen Langzeitprojekten wie „Workers", „Migrations" und „Genesis" die menschliche Arbeit, Flucht und Naturschönheit dokumentiert und zu einem der bedeutendsten humanistischen Fotografen der Gegenwart wurde.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Fotografen · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: Salgado; vollständiger Name Sebastião Ribeiro Salgado Jr.
Biografie
Sebastião Ribeiro Salgado Jr. wurde am 8. Februar 1944 in Aimorés, Minas Gerais, Brasilien, als eines von acht Kindern einer ländlichen Rinderfamilie geboren. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in São Paulo und Paris und arbeitete für die Internationale Kaffeeorganisation. Fotografie war zunächst eine Nebenbeschäftigung – er benutzte die Kamera seiner Frau Lélia auf Dienstreisen.
In den frühen 1970er-Jahren entschied Salgado, sich ganz der Fotografie zu widmen. Er arbeitete zunächst für die Pariser Agentur Sygma, dann für Gamma, und trat 1979 Magnum Photos bei. In dieser Zeit reiste er durch Lateinamerika und Afrika und dokumentierte Kriege, Hungersnöte und soziale Krisen – eine Arbeit, die ihm internationale Beachtung verschaffte.
Sein erster großer internationaler Erfolg war die Dokumentation der Dürre in der Sahelzone (1984–1985), die er für Ärzte ohne Grenzen durchführte und die in dem Buch „Sahel: L'homme en détresse" resultierte. Diese Bilder – Skelettierte Menschen, sterbende Kinder, eine Landschaft ohne Hoffnung – schockierten die Welt und trieben humanitäre Hilfe voran.
Salgados größtes Werk der 1980er-Jahre war die Dokumentation der Goldmine Serra Pelada in Brasilien (1986): Zehntausende von Bergarbeitern, die wie Ameisen in einem gigantischen, schlammigen Krater arbeiteten. Diese Bilder – apokalyptisch, episch, von einer verstörenden Grandiosität – zählen zu den eindrucksvollsten Sozialreportagen des 20. Jahrhunderts.
Von 1986 bis 1992 arbeitete Salgado an seinem Buch „Workers", das manuelle Arbeit weltweit dokumentiert – von brasilianischen Bergarbeitern über indische Stahlarbeiter bis zu kubanischen Zuckerrohrschneidern. Das Buch erschien 1993 und wurde zu einem der meistbeachteten Fotobücher der Decade.
Nach der Dokumentation des ruandischen Völkermords 1994 und seiner Folgen erlebte Salgado eine tiefe persönliche Krise: Er zog sich nach Brasilien zurück, erkrankte körperlich und psychisch, und die Farm seiner Familie, jahrzehntelang durch extensive Landwirtschaft zerstört, war zu einer Wüste geworden. Zusammen mit seiner Frau Lélia begann er ein Wiederaufforstungsprojekt, das zu einem der größten privaten ökologischen Restaurierungsprojekte Brasiliens wurde: das Instituto Terra.
Aus dieser Krise heraus entstand sein Projekt „Genesis" (2004–2011): Acht Jahre lang reiste Salgado in die entlegensten Gebiete der Erde – Galapagos, Sibirien, Äthiopien, Antarktis – um eine Welt zu fotografieren, die von der modernen Zivilisation noch nicht berührt wurde.
Stil & Arbeitsweise
Salgado arbeitet in Schwarz-Weiß, das er als notwendig für den epischen, zeitlosen Charakter seiner Bilder erachtet. Er verwendet ausschließlich natürliches Licht und keine künstliche Ausleuchtung. Salgado lebt monatelang mit den Menschen, die er fotografiert – er lernt ihre Sprache, versteht ihre Situation und schafft so eine Vertrautheit, die in der tiefen Würde seiner Motive sichtbar wird.
Seine Bilder sind formal vollendet und kompositorisch durchdacht – und gleichzeitig von einer Unmittelbarkeit, die der langen Präsenz und dem echten Vertrauen zwischen Fotografen und Motiven entspringt. Salgado sieht sich nicht als Fotoreporter, sondern als Zeuge und als Künstler.
Wichtige Werke & Serien
- Serra Pelada (1986): Dokumentation der brasilianischen Goldmine Serra Pelada mit zehntausenden manuell arbeitenden Bergarbeitern; apokalyptische Bilder, die an Dante erinnern.
- Workers (1993): Epische Dokumentation manueller Arbeit weltweit; Öl, Stahl, Zucker, Fischerei – ein Monument der Arbeiterfotografie.
- Migrations (2000): Dokumentation globaler Migrationsströme; Flüchtlinge, Vertriebene, Suchende.
- Genesis (2013): Acht Jahre Arbeit, 245 Bilder der unberührten Natur der Erde; ein ökologisches Manifest.
- Amazônia (2021): Fotodokumentation des Amazonas-Regenwaldes und seiner indigenen Bevölkerungen.
Einfluss & Bedeutung
Sebastião Salgado ist der bedeutendste humanistische Dokumentarfotograf der Gegenwart. Sein Werk verbindet ästhetische Perfektion mit moralischem Engagement und demonstriert, dass Fotografie die Welt nicht nur dokumentieren, sondern auch verändern kann – durch das Auslösen von Empathie und politischem Druck. Salgados Bücher und Ausstellungen haben humanitäre Hilfe und ökologisches Bewusstsein weltweit befördert.
Sein persönliches Engagement für die Wiederaufforstung in Brasilien (Instituto Terra) zeigt darüber hinaus, dass Fotografie auch praktisches ökologisches Handeln inspirieren kann. Der Dokumentarfilm „Das Salz der Erde" (2014) von Wim Wenders und Juliano Ribeiro Salgado gewann den Oscar als bester Dokumentarfilm.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum fotografiert Salgado ausschließlich in Schwarz-Weiß? Salgado ist überzeugt, dass Schwarz-Weiß seinen Bildern eine universelle, zeitlose Qualität verleiht, die Farbe nicht erreichen kann. Farbe lenkt vom Wesentlichen ab – von der Form, dem Licht, dem menschlichen Ausdruck. Schwarz-Weiß abstrahiert und ermöglicht eine emotionale Tiefe, die über das rein Dokumentarische hinausgeht.
Was ist das Instituto Terra? Das Instituto Terra ist eine Umweltschutzorganisation, die Salgado und seine Frau Lélia 1998 auf ihrer brachliegenden Farm in Minas Gerais, Brasilien, gründeten. Seit seiner Gründung wurden über vier Millionen Bäume gepflanzt und mehrere tausend Hektar Atlantischer Regenwald wiederhergestellt. Das Instituto Terra gilt als eines der erfolgreichsten privaten Aufforstungsprojekte der Welt.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Salgado, Sebastião: Workers: An Archaeology of the Industrial Age. Aperture, New York, 1993.
- Salgado, Sebastião: Genesis. Taschen, Köln, 2013.
- Instituto Terra: www.institutoterra.org
