Vivian Maier (* 1. Februar 1926, New York City – † 21. April 2009, Chicago) war eine US-amerikanische Straßenfotografin, die als Kindermädchen in Chicago und New York lebte und dabei im Verborgenen über 150.000 Fotografien schuf – ein Werk, das erst nach ihrem Tod entdeckt und das sie zu einer der berühmtesten Fotografinnen des 20. Jahrhunderts machte.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Fotografen · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: Das unbekannte Genie der Straßenfotografie
Biografie
Vivian Dorothy Maier wurde am 1. Februar 1926 in New York City als Tochter einer französischen Mutter und eines österreichischen Vaters geboren. Ihre Kindheit verbrachte sie teilweise in Frankreich, wo sie bei der Familie der berühmten Fotografin Jeanne Bertrand lebte – ein möglicher früher Einfluss auf ihre spätere fotografische Neigung, der jedoch nie eindeutig belegt worden ist.
Nach ihrer Rückkehr in die USA begann Maier in den frühen 1950er-Jahren in New York und Chicago als Kindermädchen zu arbeiten. 1956 zog sie nach Chicago, wo sie die nächsten jahrzehntelang als Nanny für verschiedene Familien im nördlichen Vorort Highland Park tätig war. Diese Familien – vor allem Familie Gensburg – schätzten sie als zuverlässige und liebevolle Betreuerin; ihre fotografische Tätigkeit war ihnen kaum bewusst.
Mit ihrer Rolleiflex-Kamera (und später einer Leica und anderen Kameras) streifte Maier an ihren freien Nachmittagen und Wochenenden durch die Straßen von Chicago und New York, fotografierte Passanten, Kinder auf der Straße, alte Menschen, soziale Randgruppen, Schaufenster, Reflexionen, Schatten – ein vollständiges Panorama des städtischen Lebens der 1950er bis 1980er-Jahre.
Sie entwickelte viele ihrer Filmrollen selbst und gab Abzüge davon – aber nicht alle. Im Lauf der Jahrzehnte sammelte sich eine enorme Menge unentwickelter Filme und unabgezogener Negative an. Gegen Ende ihres Lebens, als Maier finanzielle Schwierigkeiten bekam, versteigerten die Lagereinheiten, in denen sie ihre Habseligkeiten aufbewahrt hatte, deren Inhalt.
Im Jahr 2007 ersteigerte der junge Chicagoer Hobbyhistoriker John Maloof auf einer Auktion eine Kiste voller Negative und Filmrollen für 380 Dollar. Als er die Bilder entwickelte und ansah, war er fassungslos: Er hatte das Lebenswerk einer unbekannten Fotografin entdeckt, die mit den besten Straßenfotografen des 20. Jahrhunderts vergleichbar war.
Maier selbst erlebte die Entdeckung ihres Werks nicht mehr: Sie starb am 21. April 2009 in Chicago, kurz nachdem Maloof begonnen hatte, ihre Bilder öffentlich zu zeigen. Sie wusste nicht, dass sie posthum zur berühmten Fotografin werden würde.
Maloof und andere Sammler – darunter Jeffrey Goldstein – arbeiten seither daran, das Werk zu katalogisieren und zu publizieren. Das genaue Ausmaß des Archivs: über 150.000 Negative, Tausende von Filmrollen, Tonbandaufnahmen, Filmaufnahmen und persönliche Gegenstände.
Stil & Arbeitsweise
Maier arbeitete hauptsächlich mit einer Rolleiflex, einer Zweilinsen-Spiegelreflexkamera, die man von oben durch einen Sucher betrachtet. Diese Kamera hält man auf Hüfthöhe und schaut von oben in den Sucher hinein – was bedeutet, dass der Fotograf weniger auffällig ist als jemand, der eine Kamera direkt vor das Gesicht hält. Diese Position erlaubt auch einen anderen Blickwinkel auf die Welt: nah am Boden, auf Augenhöhe der Kinder.
Maiers Bilder zeigen ein außerordentliches kompositorisches Talent: Reflexionen in Schaufenstern, Schattenspiele, Gegenlicht, geometrische Strukturen im städtischen Raum. Sie fotografierte oft aus ungewöhnlichen Winkeln und wählte ihre Ausschnitte mit sicherem Instinkt.
Sie schuf auch zahlreiche Selbstporträts – in Spiegeln, in Schaufensterscheiben, in Wasseroberflächen – die eine faszinierende Persönlichkeit zeigen, die ihr eigenes Bild kontrolliert und untersucht.
Wichtige Werke & Serien
- Chicago Street Scenes (1956–1980er-Jahre): Das Herzstück ihres Werks; Tausende von Aufnahmen des Lebens auf den Straßen Chicagos.
- New York Street Photography (1950er-Jahre): Frühe Aufnahmen aus New York, die Maiers frühes Talent demonstrieren.
- Selbstporträts in Reflexionen: Eine fortlaufende Serie von Selbstporträts in Spiegel-, Wasser- und Schaufensterscheiben.
- Kinder und Kindheit: Als Kindermädchen hatte Maier eine besondere Nähe zu Kindern; ihre Bilder spielender, arbeitender und leidender Kinder sind einige ihrer eindringlichsten Arbeiten.
- Finding Vivian Maier (Dokumentarfilm, 2013): John Maloofs Dokumentarfilm über die Entdeckung von Maiers Werk, für den Oscar nominiert.
Einfluss & Bedeutung
Vivian Maiers Geschichte ist einzigartig in der Fotografiegeschichte: ein vollständiges, meisterhaftes Lebenswerk, das jahrzehntelang im Verborgenen blieb und erst nach dem Tod seiner Schöpferin entdeckt wurde. Ihr Fall wirft fundamentale Fragen auf: Was macht einen Künstler aus – die öffentliche Anerkennung oder das Werk selbst? Wem gehört ein Nachlass?
Maiers Fotografie beweist, dass außerordentliches fotografisches Talent keinen institutionellen Rahmen braucht – keine Galerie, keine Agentur, kein Kritiker. Sie fotografierte für sich selbst, ohne Publikum und ohne Anerkennung, mit einer Konsequenz und einer Perfektion, die professionelle Fotografen beschämt. Ihre Entdeckung hat eine breite Diskussion über die Geschichte der Fotografie ausgelöst: Wie viele Vivian Maiers gibt es noch?
Häufige Fragen (FAQ)
Warum hat Vivian Maier ihre Bilder nie veröffentlicht? Das ist eine der ungeklärten Fragen rund um Maier. Sie war bekannt als sehr private Person, die ihre persönlichen Dinge kaum teilte. Einige Biographen spekulieren, dass sie ihre Fotografien als rein persönliches Projekt verstand – als eine Form des Sehens und Verarbeitens, nicht als Kommunikation. Andere sehen darin psychologische Faktoren oder einfach Bescheidenheit. Maier selbst hat zu dieser Frage nie öffentlich Stellung genommen.
Wem gehört Vivian Maiers Werk? Die Rechtslage ist komplex und war Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzungen. John Maloof und Jeffrey Goldstein, die beiden Hauptsammler, haben unterschiedliche Teile des Nachlasses erworben und verwalten ihn getrennt. Da Maier keine bekannten Erben hinterlassen hat, war die Rechtslage lange ungeklärt. Die Rechte wurden inzwischen teilweise gerichtlich geregelt; der Nachlass wird von der Vivian Maier Estate verwaltet.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Maloof, John (Hrsg.): Vivian Maier: Street Photographer. powerHouse Books, New York, 2011.
- Maier, Vivian: Vivian Maier: Self-Portraits. powerHouse Books, New York, 2013.
- Vivian Maier offizielle Website: www.vivianmaier.com
