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El Lissitzky (1890–1941) ist ein russisch-sowjetischer Konstruktivist, Typograf und Ausstellungsgestalter, dessen Proun-Kompositionen und revolutionäre Buchgestaltung die europäische Designavantgarde des 20. Jahrhunderts grundlegend beeinflusst haben.

Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Grafikdesigner & Studios · Niveau: Einsteiger

Wer ist El Lissitzky?

El Lissitzky – bürgerlicher Name Lazar Markowitsch Lissitzky – gehört zu den wenigen Designern des 20. Jahrhunderts, deren Werk zwei Welten zugleich verändert hat: die Welt der freien Kunst und die Welt des angewandten Designs. Als Maler, Typograf, Ausstellungsgestalter, Architekt und Fotograf war Lissitzky eine der zentralen Figuren der russischen Avantgarde und gleichzeitig ein Brückenbauer zwischen dem Konstruktivismus seiner Heimat und dem westeuropäischen Modernismus. Seine Ideen flossen ins Bauhaus, in die Schweizer Typografie und letztlich in das gesamte moderne Grafikdesign ein.

Leben und Werk

Lazar Markowitsch Lissitzky wurde am 23. November 1890 in Potschinok bei Smolensk im Russischen Reich geboren. Er studierte zunächst Architektur an der Technischen Hochschule Darmstadt (1909–1914) und kehrte dann nach Russland zurück, um an der Moskauer Malschule zu studieren. Die Russische Revolution von 1917 eröffnete für ihn wie für viele Künstler seiner Generation eine neue Welt: Die Avantgarde und der neue sowjetische Staat schienen für kurze Zeit auf dasselbe Ziel hinzuarbeiten – die Schaffung einer neuen, gerechten Gesellschaft durch die Gestaltung einer neuen visuellen Kultur.

1919 wurde Lissitzky von Marc Chagall als Professor an die Kunstschule in Witebsk berufen. Dort begegnete er Kasimir Malewitsch, dem Begründer des Suprematismus, der Lissitzkys Denken tiefgreifend beeinflusste. Aus diesem Dialog entstand die Proun-Serie: Lissitzky nannte seine abstrakten Kompositionen „Prouns" (russisches Kürzel für „Projekte zur Bestätigung des Neuen"). Die Prouns waren dreidimensional wirkende, durch Perspektive und geometrische Formen im Raum schwebend wirkende Bilder – weder Malerei noch Architektur, sondern eine neue, hybride Gattung.

Von 1921 bis 1925 lebte Lissitzky in Westeuropa – in Deutschland und der Schweiz. Diese Phase war für seine Rezeption und seinen Einfluss entscheidend. Er arbeitete in Berlin, veröffentlichte im Malik-Verlag, traf Theo van Doesburg, László Moholy-Nagy und Kurt Schwitters. 1923 veröffentlichte er gemeinsam mit Ilja Ehrenburg die Zeitschrift Vesc/Gegenstand/Objet. Sein Kontakt mit dem Bauhaus war intensiv, auch wenn er nie formell Mitglied war.

In dieser Zeit entstanden einige der wichtigsten typografischen Arbeiten Lissitzkys: das Bilderbuch Pro dva kvadrata (Über zwei Quadrate, 1920/22), das die suprematistische Abstraktion in ein Kinderbuch übersetzte; das Buch Die Kunstismen (1925, zusammen mit Hans Arp); und vor allem die Ausstellungsgestaltungen, die Lissitzky zu einem Pionier des Raum-Designs machten.

Zurück in der Sowjetunion arbeitete Lissitzky als Designer für Ausstellungen, Bücher und Zeitschriften. Er gestaltete Prounenräume auf deutschen Ausstellungen (Berlin 1923) und den Abstrakten Kabinett in Hannover (1927/28), der als Pionierwerk der Ausstellungsarchitektur gilt. Er litt in seinen späteren Jahren unter Tuberkulose, arbeitete aber bis zu seinem Tod am 30. Dezember 1941 in Moskau.

Wichtige Werke

  • Schlagt die Weißen mit dem roten Keil (1919) – suprematistisches Propagandaplakat, eines der bekanntesten politischen Plakate der Moderne
  • Pro dva kvadrata (Über zwei Quadrate) (1920/22) – suprematistisches Bilderbuch, Pionierwerk des modernen Buchdesigns
  • Prounraum (Große Berliner Kunstausstellung, 1923) – begehbarer Konstruktivist-Raum, Pionierwerk der Ausstellungsgestaltung
  • Die Kunstismen (1925, mit Hans Arp) – enzyklopädisches Kunstbuch, Pionierwerk des modernen Buchdesigns
  • Abstraktes Kabinett, Hannover (1927/28) – wegweisendes Ausstellungsdesign für die Landesmuseum Hannover

Einfluss und Bedeutung

El Lissitzkys Einfluss auf das Grafikdesign des 20. Jahrhunderts ist fundamental. Am direktesten ist er in der Typografie spürbar: Lissitzky hat den Grundsatz formuliert, dass Typografie nicht neutral sein kann – dass jede Buchstabengröße, jede Schriftlage, jede Platzierung im Satzblock eine kommunikative Bedeutung trägt. Dieser Gedanke findet sich im späteren Werk von Jan Tschichold wieder, der Lissitzkys Ideen zwar kritisch aufnahm, aber von ihnen nicht unberührt blieb.

In der Plakatgestaltung hat Lissitzky gezeigt, dass abstrakte geometrische Formen politische und emotionale Wirkung entfalten können. Das Plakat „Schlagt die Weißen mit dem roten Keil" ist bis heute eines der bekanntesten Beispiele für die Macht der abstrakten Bildsprache.

In der Ausstellungsgestaltung war Lissitzky seiner Zeit um Jahrzehnte voraus: Seine Prounenräume und der Abstrakte Kabinett anticipierten Prinzipien, die erst in der zweiten Jahrhunderthälfte zum Standard wurden – interaktive Gestaltung, Raum als Medium, Besucher als aktiver Teil des Werkes.

Vergleich & Abgrenzung

El Lissitzky ist mit Jan Tschichold durch die Geschichte der neuen Typografie verbunden. Tschichold, der in Die neue Typographie (1928) die avantgardistischen Prinzipien für die Praxis systematisierte, berief sich explizit auf Lissitzky als Vorbild. Gleichzeitig unterscheiden sich beide: Tschichold war Praktiker und Handwerker der Typografie; Lissitzky war Künstler und Theoretiker, der das Typografische als Teil eines umfassenden gestalterischen Projekts verstand.

Gegenüber anderen Konstruktivisten wie Alexander Rodtschenko zeichnet Lissitzky eine ausgeprägte architektonische Dimension aus – der Raum, nicht nur die Fläche, war sein Gestaltungsfeld.

Häufige Fragen (FAQ)

Was sind die Prouns? Prouns (abgekürzt aus dem Russischen für „Projekt zur Bestätigung des Neuen") sind abstrakte Kompositionen, die Lissitzky ab 1919 schuf. Sie spielen mit geometrischen Formen, Perspektive und dem Eindruck dreidimensionaler Raumtiefe auf der zweidimensionalen Fläche. Lissitzky verstand die Prouns als eine Art Übergangsstation zwischen Malerei und Architektur – als Entwürfe für eine neue, konstruktivistische Umwelt.

Welche Bedeutung hat Lissitzky für die moderne Typografie? Lissitzky hat durch Arbeiten wie das Buch Über zwei Quadrate und durch theoretische Texte das Verständnis von Typografie als Gestaltungssprache erweitert. Für ihn war Schrift nicht nur Träger von Bedeutung, sondern selbst ein visuelles Element, das Rhythmus, Spannung und Raum erzeugen kann. Diese Idee wurde zentral für die neue Typografie der 1920er Jahre und beeinflusst das Grafikdesign bis heute.

Verwandte Einträge

Weiterführend

  • Sophie Lissitzky-Küppers: El Lissitzky. Maler Architekt Typograph Fotograf, VEB Verlag der Kunst, 1967
  • Margarita Tupitsyn: El Lissitzky: Beyond the Abstract Cabinet, Yale University Press, 1999
  • Jan Tschichold: Die neue Typographie, Brinkmann & Bose, 1928 (Neuauflage 1987)
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