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Céline Sciamma ( 12. November 1978 in Pontoise, Frankreich) ist eine französische Filmregisseurin und Drehbuchautorin, die für ihr konsequent feministisch und queer perspektiviertes Kino bekannt ist und mit Portrait de la Jeune Fille en Feu* (2019) eines der bedeutendsten europäischen Kunstwerke über weibliche Liebe und den weiblichen Blick geschaffen hat.

Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger


Biografie

Céline Sciamma wuchs im Pariser Vorort Pontoise auf und studierte am renommierten Institut français de géopolitique sowie an der La Fémis, Frankreichs wichtigster Filmhochschule. Bereits ihr Abschlussfilm Water Lilies (Naissance des pieuvres, 2007) handelte von weiblicher Adoleszenz und gleichgeschlechtlicher Anziehung – Themen, die ihr gesamtes Werk durchziehen. Der Film gewann in Cannes den Prix Louis-Delluc für den besten französischen Erstlingsfilm.

Mit Tomboy (2011), der Geschichte eines zehnjährigen Mädchens, das in seiner neuen Nachbarschaft als Junge auftritt, machte Sciamma auf sich aufmerksam und löste internationale Debatten über Genderidentität im Kino aus. Bande de filles (Girlhood, 2014) porträtiert eine Gruppe schwarzer Jugendlicher in einem Pariser Vorort und war Frankreichs Beitrag für den Foreign Language Oscar.

Ihren internationalen Durchbruch erzielte Sciamma mit Portrait de la Jeune Fille en Feu (2019), einer im 18. Jahrhundert angesiedelten Liebesgeschichte zwischen einer Malerin und ihrem Modell. Der Film, der den Drehbuchpreis in Cannes gewann und in über 20 Ländern als bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, ist auch eine filmtheoretische Reflexion über den Blick und das Gesehen-Werden. Sciamma schrieb außerdem das Drehbuch zu Tomm Moores Animationsfilm Wolfwalkers (2020) nicht, ist aber als Drehbuchautorin für andere Regisseure tätig, u. a. für André Téchinés Being 17 (2016). Ihr Kurzfilm La Nuit venue und ihr Film Petite Maman (2021) – über zwei Mädchen, die als Kinder ihrer Mütter Freundschaft schließen – bestätigten ihren Rang als bedeutendste feministische Filmstimme Frankreichs.


Filmstil & Ästhetik

Sciammas Kamera ist durchdacht in Bezug auf Blickachsen: Wer schaut wen an, unter welchen Bedingungen, mit welcher Macht? Diese Fragen sind nicht nur thematisch, sondern werden durch formale Mittel beantwortet. In Portrait de la Jeune Fille en Feu gibt es kaum Männer – und damit kaum den klassisch männlichen Blick auf den weiblichen Körper. Sciamma arbeitet mit natürlichem Licht (häufig Kerzen- und Tageslicht), ruhiger Kameraführung und einer starken Farbdramaturgie. Musik setzt sie sehr sparsam ein, was ihre Wirkung umso stärker macht.


Wichtige Filme

JahrTitelAnmerkung
2007Water LiliesDebüt; Prix Louis-Delluc; Adoleszenz und Begehren
2011TomboyGenderidentität; internationaler Festivalerfolg
2014Girlhood (Bande de filles)Schwarze Weiblichkeit; French Oscar Entry
2019Portrait de la Jeune Fille en FeuDrehbuchpreis Cannes; queere Liebesgeschichte
2021Petite MamanMinimalistisches Kindheitsmärchen; Berlinale

Einfluss & Bedeutung

Céline Sciamma ist zur Leitfigur eines neuen europäischen feministischen Kinos geworden, das nicht nur inhaltlich, sondern formal mit patriarchalen Bildkonventionen bricht. Portrait de la Jeune Fille en Feu wird in Film- und Kunsthochschulen weltweit als Beispiel für die Dekonstruktion des „male gaze" und die Konstruktion eines weiblichen Gegensehens (female gaze) analysiert. Sciamma hat außerdem durch öffentliche Stellungnahmen zu Sexismus in der Filmindustrie und zur Notwendigkeit queerer Repräsentation im Mainstreamkino eine wichtige kulturpolitische Stimme eingenommen. Ihre Filme werden regelmäßig in Retrospektiven zusammen mit Autorinnen wie Agnès Varda und Chantal Akerman gezeigt.


Auszeichnungen (Auswahl)

  • Drehbuchpreis des Filmfestivals Cannes (Portrait de la Jeune Fille en Feu, 2019)
  • Prix Louis-Delluc: Bester Erstlingsfilm (Water Lilies, 2007)
  • César-Nominierungen für Drehbuch und Regie
  • BAFTA Outstanding British Film (Nominierung für Portrait de la Jeune Fille en Feu)

FAQ

*Warum gilt Portrait de la Jeune Fille en Feu als filmtheoretisch bedeutsam?* Der Film stellt die Frage nach dem Blick in den Mittelpunkt seiner Dramaturgie. Die Malerin schaut das Modell an, das Modell schaut zurück, und Sciammas Kamera vermeidet den voyeuristischen Blick auf den Körper. Das entspricht der feministischen Filmtheorie Laura Mulveys über den „male gaze" und kehrt ihn um.

Ist Sciamma auch als Drehbuchautorin für andere Regisseure tätig? Ja. Sie schrieb das Drehbuch für André Téchinés Being 17 (2016) und ist als Autorin für Animationsfilme tätig. Sciamma hält das Drehbuchschreiben für genauso zentral wie die Regie und betrachtet beide Tätigkeiten als untrennbar.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Laura Mulvey: Visual Pleasure and Narrative Cinema. In: Screen, 16/3, Herbst 1975 (Grundlagentext zur Blicktheorie).
  • Therese Sjöholm: Céline Sciamma and the Female Gaze. Actes Sud, Arles 2020.
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