Hirokazu Kore-eda ( 6. Juni 1962 in Tokio) ist ein japanischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent, der für sein einfühlsames, an Ozu erinnerndes Kino des japanischen Alltags und der familiären Bindung bekannt ist und 2018 mit Shoplifters* die Palme d'Or in Cannes gewann.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger
Biografie
Hirokazu Kore-eda wurde 1962 in Tokio geboren und studierte Literatur an der Waseda-Universität. Nach dem Studium arbeitete er zunächst beim Fernsehsender TV Man Union als Dokumentarfilmer. Diese Ausbildung im Dokumentarfilm prägt sein gesamtes Werk: Kore-eda beobachtet, er inszeniert nicht dramatisch. Sein Spielfilm-Debüt Maborosi (1995) ist die Geschichte einer jungen Frau, die mit dem rätselhaften Suizid ihres Mannes zu leben lernt – ein Film, der international Aufmerksamkeit erlangte.
Seinen Durchbruch in Japan und im internationalen Festivalkino erlangte Kore-eda mit Nobody Knows (Dare mo shiranai, 2004), der auf dem wahren Fall von vier Kindern basiert, die nach dem Verschwinden ihrer Mutter monatelang allein in einer Tokioter Wohnung überleben. Der Hauptdarsteller Yuya Yagira wurde in Cannes als jüngster Gewinner des Schauspielerpreises ausgezeichnet.
Es folgten Still Walking (2008), ein Familienporträt über einen Jahrestag des Todes eines Sohnes, und I Wish (2011), ein zärtliches Kinderfilm-Drama. Mit Like Father, Like Son (2013), in dem zwei Familien erfahren, dass ihre Kleinkinder im Krankenhaus verwechselt wurden, gewann Kore-eda den Jury-Preis in Cannes. Sein Meisterwerk Shoplifters (Manbiki kazoku, 2018) – die Geschichte einer kleinen Gruppe sozialer Außenseiter, die sich eine Familie nennen – gewann die Palme d'Or und wurde für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. In den Folgejahren begann Kore-eda auch internationale Koproduktionen zu drehen: The Truth (2019) mit Catherine Deneuve und Broker (2022), ein koreanischsprachiger Film.
Filmstil & Ästhetik
Kore-eda wird häufig mit Yasujiro Ozu verglichen, dem Klassiker des japanischen Alltagskinos. Beide bevorzugen niedrige Kameraperspektiven, lange Einstellungen und den Fokus auf unspektakuläre Familiensituationen. Kore-eda setzt selten dramatische Musik ein; stattdessen lässt er Alltagsgeräusche sprechen. Seine Schauspieler – oft Laien oder Kinder – arbeiten in improvisationsähnlichen Situationen, was den Filmen eine unmittelbare Authentizität verleiht. Zentrale Themen sind Verlust, Erinnerung und die Frage, was eine Familie konstituiert.
Wichtige Filme
| Jahr | Titel | Anmerkung |
|---|---|---|
| 1995 | Maborosi | Debüt; stille Trauerarbeit |
| 1998 | After Life | Philosophische Prämisse: Erinnerung nach dem Tod |
| 2004 | Nobody Knows | Schauspielpreis Cannes (Yuya Yagira) |
| 2008 | Still Walking | Familienporträt; Ozu-Referenz |
| 2011 | I Wish | Kinderfilm; Neustart und Wunsch |
| 2013 | Like Father, Like Son | Jury-Preis Cannes; Verwechslung im Krankenhaus |
| 2015 | Our Little Sister | Geschwisterfilm; Cannes-Wettbewerb |
| 2018 | Shoplifters | Palme d'Or; Oscar-Nominierung |
| 2022 | Broker | Koreanisch; Cannes-Darstellerpreis Song Kang-ho |
Einfluss & Bedeutung
Kore-eda ist der international bekannteste japanische Filmregisseur seiner Generation und hat das Erbe des klassischen japanischen Kinos von Ozu, Mizoguchi und Naruse für das 21. Jahrhundert erneuert. Seine Filme hinterfragen biologische Familienbegriffe und fragen, was Menschen wirklich zusammenhält – eine Frage, die in zunehmend fragmentierten Gesellschaften universelle Resonanz findet. Kore-eda hat maßgeblich dazu beigetragen, asiatisches Arthouse-Kino im westlichen Festivalbetrieb zu etablieren und zu normalisieren.
Auszeichnungen (Auswahl)
- Palme d'Or des Filmfestivals Cannes (Shoplifters, 2018)
- Jury-Preis des Filmfestivals Cannes (Like Father, Like Son, 2013)
- Oscar-Nominierung: Bester fremdsprachiger Film (Shoplifters, 2019)
- Kinema Junpo Award (Japans bedeutendste Filmkritiker-Auszeichnung) mehrfach
FAQ
Was ist das Besondere an Kore-edas Inszenierung von Kindern? Kore-eda arbeitet mit Kinderdarstellern selten mit klassischen Regie-Anweisungen. Stattdessen erschafft er spielerische Situationen, in denen die Kinder natürlich reagieren können. Das Ergebnis ist eine Authentizität, die weit über professionelles Kinderspiel hinausgeht.
Warum wird Kore-eda mit Ozu verglichen? Beide teilen die Vorliebe für niedrige Kameraperspektiven (nahe am Boden, wie in traditionellen japanischen Wohnräumen), lange Einstellungen ohne dramatische Musik und eine Thematik, die das Alltagsleben japanischer Familien ins Zentrum stellt, ohne melodramatische Überhöhung.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Aaron Gerow: Hirokazu Kore-eda. University of Illinois Press, Urbana 2017.
- Isolde Standish: A New History of Japanese Cinema. Continuum, New York 2005.
