Pier Paolo Pasolini (* 5. März 1922, Bologna – † 2. November 1975, Ostia bei Rom) war ein italienischer Regisseur, Dichter, Schriftsteller und Intellektueller, der das Kino als radikales politisches und mythologisches Instrument einsetzte und dessen gewaltsamer Tod bis heute ungeklärt ist.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: Poeta corsaro (Piratendichter), PPP
Biografie
Pier Paolo Pasolini wuchs in verschiedenen norditalienischen Städten auf, da sein Vater Berufsoffizier war. Er studierte Kunstgeschichte und Literatur in Bologna und begann früh als Lyriker zu schreiben. In der Nachkriegszeit ließ er sich in den Außenbezirken Roms nieder und lernte das Leben der städtischen Unterschicht kennen – der Borgate, der Slums und Trabantenstädte – das ihn tief prägen sollte.
Pasolini war marxistischer Überzeugung und gleichzeitig tief religiös, was ihm in der Kommunistischen Partei Italiens Probleme bereitete; er wurde 1949 wegen seiner Homosexualität ausgeschlossen. Als Romancier schrieb er Ragazzi di vita (1955) und Una vita violenta (1959), bevor er 1961 mit Accattone seinen ersten Film drehte. Dieser erzählt das Leben eines Zuhälters in den römischen Slums und ist formal von Giotto und der Frührenaissance beeinflusst.
In den folgenden Jahren entwickelte Pasolini ein immer reicheres filmisches Vokabular, das zwischen Naturalismus und Mythologie wechselte. Er verfilmte das Evangelium des Matthäus (Il Vangelo secondo Matteo, 1964) mit dem Subproletariat Süditaliens als Darstellern, adaptierte Sophokles, Euripides, Chaucer und Boccaccio. Sein Spätwerk gipfelte in Salò oder die 120 Tage von Sodom (1975), einer verstörenden Übertragung des Marquis de Sade ins faschistische Italien, die als radikalste Zivilisationskritik im Filmkanon gilt.
Pasolini wurde in der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 am Strand von Ostia bei Rom tot aufgefunden. Offiziell wurde ein Jugendlicher verurteilt, den Fall selbst umgeben bis heute Zweifel und Verschwörungstheorien.
Filmstil & Ästhetik
Pasolinis Bildsprache ist geprägt von Archaismus: Er liebte frontale Kompositionen, flache Bildräume, die an mittelalterliche Tafelbilder erinnern, und eine Körperlichkeit der Figuren, die weit weg von Hollywood-Schönheitsidealen war. Er setzte häufig Laiendarsteller ein und widersetzte sich jeder Form von Psychologisierung zugunsten mythischer Direktheit.
Pasolini unterschied zwischen dem „Cinema of Poetry" und dem „Cinema of Prose": Sein eigenes Kino wollte Poesie sein – rhythmisch, bildlich, assoziativ. Er liebte es, verschiedene Kulturschichten zu kombinieren: griechische Mythologie in Süditalien, Bach und Vivaldi auf der Tonspur einer Evangeliumsadaptation, antike Texte im Dialekt der römischen Unterschicht.
Wichtige Filme (Auswahl)
- Accattone (1961)
- Mamma Roma (1962)
- Das Evangelium nach Matthäus (Il Vangelo secondo Matteo, 1964)
- Edipo re (1967)
- Teorema (1968)
- Schweinestall (Porcile, 1969)
- Medea (1969)
- Dekameron (Il Decameron, 1971)
- Chaucer Erzählungen (I racconti di Canterbury, 1972)
- Das Blumenfeld von 1001 Nacht (Il fiore delle Mille e una Notte, 1974)
- Salò oder die 120 Tage von Sodom (1975)
Einfluss & Bedeutung
Pasolini ist eine der komplexesten und umstrittensten Figuren der Filmgeschichte. Als Poet, Marxist, Frommer und Provokateur hat er Grenzen des Films als Ausdrucksmedium ausgetestet wie kaum ein anderer. Seine Analyse des Konsumkapitalismus als neue Form des Faschismus – formuliert in seinen letzten Artikeln – gilt als prophetisch.
Sein filmisches Erbe lebt in Regisseuren wie Nanni Moretti, Abel Ferrara und Apichatpong Weerasethakul weiter. Salò bleibt eines der wenigen Filmwerke, das in mehreren Ländern zeitweise verboten war und heute als unbequemes Zeugnis politischer Radikalität gilt.
Auszeichnungen (Auswahl)
- Venedig: Silberner Löwe für Das Evangelium nach Matthäus (1964)
- Cannes: Jury-Sonderpreis für Il Vangelo secondo Matteo
- Nastro d'Argento: Mehrfach ausgezeichnet
- OCIC-Preis (Catholique): für Das Evangelium nach Matthäus
Häufige Fragen (FAQ)
Wie konnte ein Marxist religiöse Filme drehen? Pasolini sah in der Religion – besonders in der frühchristlichen und der vorchristlichen Mythologie – einen Gegenentwurf zur rationalistischen Leere des Kapitalismus. Christus war für ihn eine subversive, revolutionäre Figur, kein institutionalisiertes Symbol. Seine religiösen Filme sind zutiefst politisch.
*Ist Salò zumutbar? Salò* ist ein extrem schwieriger Film – er zeigt systematische Gewalt und Erniedrigung in expliziter Form. Pasolini wollte keine voyeuristische Befriedigung erzeugen, sondern Ekel und politische Erkenntnis. Er gilt als intellektuelle Herausforderung, nicht als Unterhaltung, und sollte mit Kontextwissen rezipiert werden.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Naomi Greene: Pier Paolo Pasolini: Cinema as Heresy. Princeton University Press, 1990.
- Robert Gordon: Pasolini: Forms of Subjectivity. Oxford University Press, 1996.
- Criterion Collection: Pasolini-Werkausgabe (criterion.com)
