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Yorgos Lanthimos (* 23. September 1973 in Athen) ist ein griechischer Filmregisseur und Drehbuchautor, dessen durch absurde Prämissen und klinische Distanz geprägte Werke das zeitgenössische Autorenkino entscheidend mitgestaltet haben.

Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Regisseure · Niveau: Einsteiger


Biografie

Yorgos Lanthimos wurde 1973 in Athen geboren und studierte Film an der Hellenic Cinema and Television School Stavrakos. Er begann seine Karriere mit Werbefilmen und Kurzfilmen, bevor er sich dem Spielfilm widmete. Sein zweiter Spielfilm Kinetta (2005) blieb weitgehend unbemerkt, doch mit Dogtooth (Kynodontas, 2009) erlangte er internationale Bekanntheit: Der Film, der eine Familie zeigt, in der die Eltern ihre erwachsenen Kinder durch systematische Lügen über die Außenwelt in einer Art selbst konstruierter Parallelrealität gefangen halten, gewann den Prix Un Certain Regard in Cannes und erhielt eine Oscar-Nominierung als bester fremdsprachiger Film.

Diese filmische Handschrift – eine strenge, fast klinische Kamera kombiniert mit absurden gesellschaftlichen Regeln und emotionaler Kälte – verfeinerte Lanthimos in Alps (2011), bevor er mit The Lobster (2015) seinen Durchbruch im englischsprachigen Kino vollzog. Der Film, in dem Singles in einer dystopischen Gesellschaft in Tiere verwandelt werden, wenn sie keinen Partner finden, gewann den Jury-Preis in Cannes und etablierte Lanthimos als führenden Vertreter einer neuen, surreal-intellektuellen Filmsprache.

The Killing of a Sacred Deer (2017) und The Favourite (2018) – letzterer ein historisches Drama über Machtspiele am englischen Königshof – wurden an den wichtigsten Filmfestivals weltweit gefeiert. The Favourite erhielt zehn Oscar-Nominierungen. Mit Poor Things (2023), einem viktorianisch-surrealen Märchen nach dem Roman von Alasdair Gray, gewann Lanthimos den Goldenen Löwen in Venedig und Emma Stone den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Lanthimos lebt heute in London.


Filmstil & Ästhetik

Lanthimos arbeitet mit einer ungewöhnlichen Mischung aus Stilelementen: Weitwinkelaufnahmen mit leichter Verzerrung, artifizielle Dialoge mit minimaler Intonation (die Schauspieler sprechen oft absichtlich flach und ohne emotionale Betonung) und strenge, symmetrische Bildkompositionen wechseln mit plötzlicher Gewalt oder Sexualität. Seine Filme etablieren eine eigene innere Logik, die vom Realen abweicht, aber konsequent durchgehalten wird. Dieses Verfahren – das Absurde ernst nehmen und ohne Augenzwinkern durchziehen – ist sein Markenzeichen.


Wichtige Filme

JahrTitelAnmerkung
2009Dogtooth (Kynodontas)Oscar-Nominierung; Prix Un Certain Regard, Cannes
2011AlpsGriechische Neue Welle; Identitätsspiele
2015The LobsterJury-Preis Cannes; Colin Farrell; Liebes-Dystopie
2017The Killing of a Sacred DeerJury-Preis Cannes; Psycho-Thriller
2018The Favourite10 Oscar-Nominierungen; Olivia Colman gewann
2023Poor ThingsGoldener Löwe Venedig; Oscar Emma Stone
2024Kinds of KindnessDreigeteiltes Kurzfilm-Triptychon; Cannes

Einfluss & Bedeutung

Lanthimos hat maßgeblich dazu beigetragen, das internationale Autorenkino um eine surreale, gesellschaftskritische Dimension zu erweitern, die weder dem klassischen europäischen Arthouse noch dem amerikanischen Indie-Kino entspricht. Er ist Hauptrepräsentant der sogenannten „Griechischen Seltsamen Welle" (Greek Weird Wave), eines Clusters von griechischen Filmemachern der 2000er Jahre, die auf die wirtschaftliche und gesellschaftliche Krise Griechenlands mit formal experimentellen Filmen reagierten. Sein Einfluss ist in den Arbeiten vieler europäischer Nachwuchsfilmemacher spürbar, die ähnliche Strategien der Verfremdung und Distanzierung einsetzen.


Auszeichnungen (Auswahl)

  • Goldener Löwe des Filmfestivals Venedig (Poor Things, 2023)
  • Jury-Preis des Filmfestivals Cannes (The Lobster, 2015; The Killing of a Sacred Deer, 2017)
  • BAFTA Award: Bester britischer Film (The Favourite, 2019)
  • Oscar-Nominierung für das beste Originaldrehbuch (The Favourite, 2019)

FAQ

Was ist die „Griechische Seltsame Welle" (Greek Weird Wave)? Gemeint ist eine Gruppe griechischer Filmemacher, darunter Lanthimos, Athina Rachel Tsangari und Alexis Alexiou, die ab den 2000er Jahren Filme produzierten, die gesellschaftliche Institutionen wie Familie, Ehe und Staatsbürgerschaft durch surreale oder absurde Prämissen hinterfragen. Die griechische Wirtschaftskrise ab 2010 wird oft als soziokultureller Hintergrund dieses Phänomens genannt.

Warum sprechen Schauspieler in Lanthimos' Filmen so seltsam? Lanthimos weist seine Schauspieler an, Emotionen bewusst zu unterdrücken und Texte mit minimaler Intonation zu sprechen. Diese Technik erzeugt eine künstliche Distanz zwischen Figur und Zuschauer und verstärkt das Gefühl, einer fremden, regelgesteuerten Gesellschaft zuzusehen.


Verwandte Einträge


Weiterführend

  • Demetrios Matheou: The Greek Weird Wave: Lanthimos, Tsangari and the Cinema of Resistance. IB Tauris, London 2019.
  • Tonia Kazakopoulou: Greek Cinema in the 21st Century. Edinburgh University Press, 2018.
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