MIDI (Musical Instrument Digital Interface) ist ein 1983 eingeführtes Kommunikationsprotokoll, das es ermöglicht, elektronische Musikinstrumente und Computer miteinander zu verbinden – entwickelt von Dave Smith (Sequential Circuits) und Ikutaro Kakehashi (Roland) als erster Industrie-Standard für digitale Musikgeräte.
Rubrik: Einflussreiche Persönlichkeiten · Unterrubrik: Sound Design & Musik · Niveau: Einsteiger Auch bekannt als: Musical Instrument Digital Interface, MIDI-Standard, MIDI 1.0 / MIDI 2.0
Entstehungsgeschichte
In den frühen 1980er-Jahren stand die Elektronikmusikindustrie vor einem Problem: Synthesizer verschiedener Hersteller konnten nicht miteinander kommunizieren. Ein Roland-Synthesizer konnte nicht von einem Korg-Keyboard gesteuert werden, und ein Drum-Computer von Sequential Circuits war nicht mit einem Minimoog synchronisierbar. Jeder Hersteller verwendete eigene, proprietäre Schnittstellen.
Dave Smith, Gründer und Chefentwickler von Sequential Circuits, erkannte das Problem und arbeitete ab 1981 an einem universellen Standard. Auf der Winter NAMM Show 1982 – der wichtigsten Musikmesse Nordamerikas – präsentierte er gemeinsam mit Ikutaro Kakehashi von Roland Japan ein erstes Konzept für eine gemeinsame Schnittstelle. Beide Unternehmen waren begeistert von der Möglichkeit, die Industrie durch Interoperabilität zu stärken.
Der MIDI-Standard (Version 1.0) wurde im August 1983 offiziell verabschiedet und sofort von den größten Herstellern – Roland, Yamaha, Korg, Sequential Circuits, Oberheim – übernommen. Im Januar 1983 hatten Smith und Kakehashi bereits eine öffentliche Demonstration durchgeführt, bei der ein Roland Jupiter-6 ein Sequential Circuits Prophet-600 spielte – das erste öffentliche MIDI-Ereignis der Geschichte.
Der technische Standard definierte: serielle Datenübertragung mit 31,25 kBaud über fünfpolige DIN-Stecker, 16 unabhängige Kanäle, Noten-On/Noten-Off-Befehle, Velocity (Anschlagdynamik), Controller-Werte und Systemexclusive-Nachrichten für hersteller-spezifische Daten.
Technische Grundlagen
MIDI überträgt keine Audiosignale, sondern Performancedaten: Welche Note wird gespielt (0–127), wie stark (0–127 Velocity), welcher Kanal (1–16), welche Continuous Controller (Lautstärke, Panning, Modulationsrad etc.). Ein MIDI-Signal enthält also die Partitur der Darbietung, nicht den Klang selbst.
Dieses Prinzip ermöglicht enorme Flexibilität: Dieselbe MIDI-Datei kann von einem günstigen Synthesizerchip ebenso abgespielt werden wie von einem teuren Flügel-Sample oder einem echten Orchester. MIDI-Sequencer – zunächst Hardware-Geräte, ab den 1980er-Jahren auch Computer-Software – wurden zu zentralen Produktionswerkzeugen.
Der General MIDI-Standard (1991) legte zusätzlich fest, welcher Klang auf welchem Patch-Platz zu sitzen hat – ein Klavier auf Kanal 1, ein Schlagzeug auf Kanal 10 etc. Dies ermöglichte die Kompatibilität von MIDI-Dateien über verschiedene Geräte hinweg.
Wichtige Entwicklungen und Meilensteine
- 1982 – Dave Smith und Ikutaro Kakehashi präsentieren MIDI-Konzept auf der NAMM Show.
- 1983 – MIDI-Standard 1.0 offiziell verabschiedet; erste kompatible Instrumente (Roland JP-6, Sequential Prophet-600).
- 1983 – Yamaha DX7 erscheint; erster Massenmarkt-Synthesizer mit MIDI, 200.000 Einheiten verkauft.
- 1984 – Atari ST Computer erscheint (1985) mit eingebautem MIDI-Interface; wird zur dominanten Musikproduktions-Plattform in Europa.
- 1984 – Erste MIDI-Sequencer-Software; Vorläufer moderner DAWs.
- 1991 – General MIDI (GM) Standard; festlegt 128 Instrument-Patches und Drum-Map.
- 1996 – Roland GS und Yamaha XG erweitern GM um zusätzliche Klänge.
- 2020 – MIDI 2.0 verabschiedet; bringt höhere Auflösung, bidirektionale Kommunikation und Controller-Präzision.
Einfluss & Bedeutung
MIDI ist einer der langlebigsten technischen Standards in der Geschichte der Computertechnik. Seit 1983 unverändert im Kern, ist MIDI 1.0 in nahezu jedem digitalen Musikgerät der Welt implementiert. Von billigen Keyboard-Toys bis zu professionellen Studioumgebungen – überall spricht MIDI.
Die wichtigste Auswirkung von MIDI war die vollständige Demokratisierung der Musikproduktion. Plötzlich konnte eine Person allein ein komplettes Orchester programmieren, aufnehmen und abspielen. Die Kosten für Musikproduktion sanken drastisch. MIDI ist damit ein direkter Vorläufer der heutigen Situation, in der ein Teenager mit einem Laptop genauso professionelle Musik produzieren kann wie ein großes Studio.
Für die Filmmusik ermöglichte MIDI das Mockup – ein vorläufiger Score mit synthetischen Klängen, bevor das echte Orchester aufnimmt. Heute sind MIDI-Mockups so aufwändig, dass sie kaum von echten Orchesteraufnahmen zu unterscheiden sind.
Häufige Fragen (FAQ)
Warum wird MIDI heute noch verwendet, obwohl es von 1983 stammt? MIDI ist so einfach, robust und universell, dass es sich als Standard durchgesetzt hat wie kein anderes Protokoll in der Musikindustrie. Die Einfachheit ist ein Vorteil: Geringer Datendurchsatz, minimale Latenz, einfache Implementierung. MIDI 2.0 (2020) erweitert den Standard, ohne mit MIDI 1.0 zu brechen – alle alten Geräte können weiterhin verwendet werden.
Was ist der Unterschied zwischen MIDI und Audio? MIDI ist Performancedaten – es enthält keine Klänge, sondern Anweisungen: „Spiele Note C4 mit Stärke 80 auf Kanal 1 für 0,5 Sekunden." Audio dagegen ist die tatsächliche Schallwelle – eine Aufnahme des physischen Klangs. Ein MIDI-File ist winzig (ein ganzes Konzert passt in wenige Kilobyte), ein Audio-File einer vergleichbaren Aufnahme ist tausendfach größer.
Verwandte Einträge
Weiterführend
- Anderton, Craig: MIDI for Musicians. Amsco Publications, 1986.
- De Furia, Steve / Scacciaferro, Joe: The MIDI Book. Hal Leonard, 1988.
- MIDI Manufacturers Association: (offizielle Standards-Dokumentation)
